Die klassische Hochkultur allerdings, in der sich Derrida mit seinen gelehrten Schriften später so selbstverständlich bewegt, wenn er in wenigen Absätzen Bögen schlägt von Plato über Augustinus hin zu Pascal, hat man ihm nicht in die Wiege gelegt. 1930 wird er als Spross einer jüdischen Familie und als französischer Staatsbürger in einem Vorort von Algier geboren. Der Vater arbeitet in einer Weinhandlung, die Mutter ist eine passionierte Poker-Spielerin – und Derrida ist in seiner Jugend beseelt von dem Traum, Fußballprofi zu werden.

Die erste einschneidende Erfahrung, die sein Denken stark geprägt zu haben scheint, macht Derrida im Alter von zwölf Jahren. Da wird er aufgrund einer antisemitischen Maßnahme der Vichy-Regierung von der Schule geworfen. Er kommt in ein improvisiertes jüdisches Gymnasium, dem er sooft es geht fernbleibt. Rückblickend wird Derrida sagen, dass ihn die Homogenität dieses Gymnasiums "für die Erfahrung von Gemeinschaft ungeeignet" und "unfähig gemacht hat, irgendeine Zugehörigkeit zu genießen". Auch weil er in der jüdischen Gemeinschaft einen "Herdenzwang" zu erkennen meinte, der "das genaue Korrelat einer Verstoßung war".

In Derridas Diplomarbeit Das Problem der Genese in Husserls Philosophie, die jetzt auf Deutsch erscheint (Diaphanes, 368 S., 29,95 €) kann man die Erfahrung der Nichtzugehörigkeit widerhallen hören: In dieser ersten philosophischen Schrift geht es Derrida um "eine ursprüngliche Komplikation des Ursprungs, eine anfängliche Kontamination des Einfachen" und damit auch um die Kritik dessen, worauf sich Gemeinschaften stützen.

1949 verlässt er mit 19 Jahren erstmals das koloniale Algerien und taucht in die bildungsbürgerliche Welt eines altehrwürdigen Pariser lycée ein. Drei Jahre später schafft er den Sprung auf die renommierte École normale supérieure, wo er zum Gymnasiallehrer der Philosophie ausbildet wird. Danach kehrt er ein letztes Mal für längere Zeit in seine Heimat zurück, zum zweijährigen Militärdienst im Algerienkrieg. Derridas Position ist kompliziert: Am liebsten sähe er eine Einigung im Konflikt, die den Algeriern die Unabhängigkeit geben würde, den Franzosen aber erlaubte, im Land zu bleiben.

Derrida wird zeitlebens mit Vorliebe zwischen allen Lagern stehen. Davon zeugen auch die Konflikte und Kontroversen, in die er gerät. Michel Foucault weist er 1963, gleich zu Beginn seiner Karriere, ein falsches Verständnis von Descartes nach, Claude Lévi-Strauss in der Grammatologie, die 1967 seinen Durchbruch markiert, einen naiven Rousseauismus. Zu den sogenannten neuen Philosophen um Bernard-Henri Lévy will ihm später schon gar nichts einfallen: "Das Schweigen", schreibt er, "ist meine majestätischste, meine friedlichste, aber auch meine deutlichste Kriegserklärung oder Bekundung von Verachtung." Was nicht verhindert, dass er mit BHL 1979 während einer Plenarsitzung in eine handfeste Prügelei gerät.

"Die Pariser Szene ist erstickend – und ganz entbehrlich obendrein", fasste Derrida seine Erfahrung zusammen. Jedoch ist schwer vorstellbar, was ohne diese Pariser Szene, ohne Levinas, Sollers, Kristeva, Lacan, Ricœur, zeitweilig Blanchot und Genet aus Derrida geworden wäre. Andererseits hatte es Derrida nie einfach mit den Institutionen: Mehrere Lehrstuhl-Bewerbungen in Paris scheiterten, zu ungewöhnlich war sein Grenzgängertum zwischen den verschiedenen akademischen Disziplinen. 1984 bekam er endlich eine Professur an der École des Hautes Études en Sciences Sociales.

Umso begeisterter wurde Derrida in Amerika aufgenommen. Erst von den Literaturkritikern um Paul de Man und Geoffrey Hartman, dann von Architekten wie Peter Eisenmann, von den Theoretikern des Postkolonialismus und der Cultural Studies wie Homi Bhabha, schließlich von Feministinnen wie Judith Butler, die mit Derrida die Polarität der Geschlechtsverhältnisse in ihrer Queer-Theorie auflöste. In Deutschland hatte es die Dekonstruktion schwieriger, woran die berühmt-berüchtigte Abrechnung von Jürgen Habermas mit Derrida und dem gesamten modernen französischen Denken 1985 nicht unbeteiligt gewesen sein dürfte.

Politisch standen sich Habermas und Derrida hingegen nah. Dieser hat sich immer als Mann der Linken gesehen, auch wenn er 1968 nur halbherzig an den Mai-Protesten teilnahm und sich vom "Spontaneismus", vom "Unmittelbarismus" der Bewegung irritiert fühlte, wie er rückblickend sagte. In den 1990er Jahren radikalisierte sich dann seine Haltung. Als alle Welt ihre Marx-Ausgaben dem Altpapier überantwortete, nahm er zum ersten Mal zu Marx Stellung. Ja, er bekannte, Kommunist zu sein – allerdings in der Art, witzelte der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton, in der Kennedy einst behauptete, ein Berliner zu sein.

War Jacques Derrida tatsächlich der größte Denker seiner Zeit, wie Althusser glaubte? Gerne glaubt man zumindest, dass Derrida der sympathischste Philosoph seiner Zeit war, so sehr wächst er einem durch die Lektüre von Peeters großartiger Biografie ans Herz. Mal sieht man in ihm den Meister, der mit heiligem Ernst die Totenglocken der abendländischen Metaphysik läutet – und kurz darauf denkt man an den kleinen Jacques, der auf den Straßen von Algier Fußball spielt.

Derrida, der Denker der Komplikation, hat sich am Ende seines Lebens gewünscht, man möge nach seinem Tod lächelnd an ihn denken. Dieser Wunsch lässt sich leicht erfüllen.