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Das Hotel Abalú ist kein Luxushotel, täuscht es aber liebevoll vor. von Merten Worthmann

Die Lobby: Hinter der Rezeption beginnt der Budenzauber so richtig.

Die Lobby: Hinter der Rezeption beginnt der Budenzauber so richtig.  |  © Jordi Ruiz Cirera/laif für DIE ZEIT

Der Film beginnt bereits im Halbdunkel des schmalen Hotelflurs. Neben den Zimmertüren hängen Flachbildschirme in Mini-Tablet-Größe. Auf denen kann man die Zimmer des Abalú von innen sehen. Wie, live etwa? Wälzt sich womöglich gleich jemand aus dem Bett? Kann doch nicht wahr sein... Ist es auch nicht. Der Bildschirm zeigt nur Fotos. Aber bevor man das merkt, hat man sich schon für einen Augenblick vorgestellt, das eigene Leben als Hotelgast würde von einer Kamera festgehalten und in den Flur übertragen. Zwei Sekunden später öffnet sich die Zimmertür. Die Fantasie klingt ab. Und trotzdem kann man das Gefühl nicht mehr ganz abschütteln, mit dem Überschreiten der Schwelle eine Art Filmset betreten zu haben.

An diesem Eindruck sind nicht nur der Bildschirm und der eigene Hitzkopf schuld, sondern sicher auch Luis Delgado und die Brüder Antonio und Carlos Fernández. Den Brüdern gehört das Abalú, der Modedesigner Luis Delgado hat es für sie eingerichtet. Keines der 18 Zimmer gleicht dem anderen. Delgado hat jedes einzelne mit viel Sinn für Glamour, Kulisse und Effekt ausgestattet, mit einem durchaus Madrid-typischen Mut zur Übertreibung, in dem ein letzter Nachhall des imperialen Hauptstadt-Pomps auf Almodóvars herzhafte Knalligkeit zu treffen scheint.

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Dabei liegt das Abalú an keiner großen Avenida mit lauter aufgetakelten Bauten, die schon von sich aus nach großer Geste verlangen. Es steckt in einem bescheidenen Altbau, der sich eingliedert in ein Sträßchen nördlich der Gran Vía. Hier betrieb das Ehepaar Fernández senior seit Ende der sechziger Jahre eine Allerweltspension. Bis die Söhne sagten: Wir machen gern weiter – aber unbedingt anders! Nachdem die Eltern ausführlich Bedenken getragen und die Stirn gerunzelt hatten, wurde die brave Herberge 2007 zum "Hotel Boutique" umgewidmet.

City Guide Madrid

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Die Fassade ist unangetastet geblieben. Dahinter geht’s allerdings gleich los mit dem Budenzauber. Wie ein riesiges Strass-Armband macht sich die Rezeption im Eingangsbereich breit. Sie ist von oben bis unten mit Pyramiden aus Spiegelglas besetzt, und am Fuß dieser Verkleidung leuchtet es bläulich hervor, als könne sich der Tresen jederzeit zu einer kleinen Spritztour in den Orbit absetzen. Hinter der Rezeption führt der Weg auf zwei Etagen tief hinein ins Gehäuse. Viel natürliches Licht gibt es nicht im Abalú, es sei denn, man bekommt eines der wenigen Zimmer, die zur Straße hinaus liegen. Die meisten Räume jedoch grenzen nur an verschattete, enge Innenhöfe. Da lässt man die Vorhänge lieber zu.

Luis Delgados Zimmer sind ohnehin eher auf Nacht gestimmt. Sie blühen im Dunkeln auf. Dann werden sie zu kleinen Schmuckkästchen des Mondänen oder wenigstens des Traums davon. Delgado mag alles, was schimmert und glitzert, er mag Spiegel, er mag Flauschiges und Samtiges, Wandbespannungen, changierende Teppiche, barocke Rahmen, Gold und Silber auf Stoff und Tapete. Manche Möbelstücke sind Vintage, andere sehen nur so aus, wieder andere sollen sich – ganz zeitgenössisch – demonstrativ am Alten reiben. Mitunter entsteht daraus ein leichtes stilistisches Gerangel im Zimmer, aber auch das lässt sich durchaus genießen. Gern schiebt Delgado die Dusche weit ins Zimmer hinein oder stellt sie sogar auf ein Podest. Hin und wieder steht eine Badewanne frei im Raum. Und in zwei, drei Zimmern scheint das Bett an Ketten voll schwarz schillernden Kugeln von der Decke zu hängen. Da wird das Mondäne dann ins leicht Verruchte hineingeblendet, oder wenigstens in den Traum davon.


Legende: Rot = Essen, Grün = Ausgehen, Blau = Einkaufen, Gelb = Schlafen
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Denn ganz und gar abnehmen möchte man den Abalú-Leuten ihre Hotelinszenierung nicht. Jedenfalls glaubt man hinter dem dick aufgetragenen Design auch immer das Spiel zu spüren mit den Bausteinen der Extravaganz. Das Abalú ist ja kein echtes Luxushotel. Dazu ist es zu günstig, an einigen Ecken auch ein wenig zu abgeschabt, und außerdem wird es nach wie vor vergleichsweise bodenständig-familiär geführt.

Es täuscht Luxus allerdings sehr liebevoll vor, so wie ein Ausstatter das mit seinen Requisiten hinbekommt. Und es fällt tatsächlich sehr leicht, sich in den Zimmern und Suiten des Hotels eine grell geschminkte und hochgestimmte Filmproduktion vorzustellen. Die Brüder Fernández sollten einmal darüber nachdenken, eine Art Monstertrailer für ihr Haus in Auftrag zu geben: Jedes Zimmer bekäme ein Zwei-Minuten-Mikrodrama auf den Leib geschrieben; es gäbe viel Geschrei, Geseufze, Gestöhne, irgendwann fiele sicher auch mal ein Schuss; so ein Paket machte sich bestimmt gut auf der Website. In der Zwischenzeit können neugierige Gäste, die sich in mehr als ein Zimmer versenken möchten, immerhin die "Tour Abalú" buchen: Sie erlaubt das Zimmerhoppen nach Geschmack für einen Aufpreis von 35 Euro pro Nacht.

Hotel Abalú

Hotel Abalú, Calle Pez 19, Malasaña, 18 Zimmer (plus 13 Apartements in einem Gebäude nahebei), Tel. 0034-91/5314744. DZ ab 79 €

Weitere Hotels in Madrid

Hotel de las Letras. Im Treppenhaus erzählt Montaigne von den Vorzügen des Reisens, Juan Rulfo beschreibt einen Sonnenaufgang, und Virginia Woolf preist die Gnade des Lesens. Das Hotel de las Letras ist der Literatur gewidmet, wäre aber auch ohne die Zitate in Zimmern und Fluren eine Freude. Es steckt in einem eklektizistischen Bau an der Gran Vía. Der Fußboden ist aus Parkett, Wände und Paneele kombinieren kräftige Farben: Rot, Gelb und Blau. Die Möbel sind zugleich schön, modern und gemütlich. So harmonisch treffen altes Haus und heutiges Design selten zusammen.
Gran Vía 11, Sol, 109 Zimmer, Tel. 0034-91/5237980. DZ ab 110 €

Casa de Madrid. Sieben Zimmer, darunter drei Suiten – mehr gibt es nicht in der Casa de Madrid. Aus der »Suite Rom« geht man ins Zimmer »Königliches Indien«, die »Griechische Agora« liegt unweit vom »Syrischen Mittelmeer«, und bis nach »Japan« sind es auch nur ein paar Schritte über den Flur. In einer 400-Quadratmeter-Wohnung neben der Oper zitiert die Patronin, die Kunsthistorikerin und Restauratorin Marta Medina, ihre liebsten Reiseziele herbei, mit alten Möbeln aus Familienbesitz, mit Kunsthandwerk von den Originalschauplätzen und sogar eigenen Wandmalereien. Ein exzentrisches Edel-Bed-&-Breakfast mit wohlig knarrenden Dielen.
Calle Arrieta 2, 2ª, Austrias, 7 Zimmer, Tel. 0034-660/342427. DZ ab 140 €

Praktik. Ein neues Hotel im Geiste des chic & basic für all jene, bei denen der Kontostand (noch) nicht mit dem Stilbewusstsein Schritt halten kann. Die Flure im Praktik sind knallbunt tapeziert mit alten Film- und Ausstellungsplakaten, die Zimmer strahlen sparsame Eleganz in Weiß aus. Wem der eigene Raum zu klein ist, der findet reichlich Platz in der ausladenden Lounge. Zu essen und zu trinken gibt es im Praktik so gut wie nichts, dafür darf man eigene Verpflegung anschleppen – bis hoch auf die schöne Dachterrasse, acht Stockwerke über der Gran Vía.
Montera 47, Sol, 71 Zimmer, Tel. 0034-91/5212935. DZ ab 50 €

Darüber hinaus hat das Haus kaum Freiraum zu bieten. Immerhin gibt es, hinter einer rosaroten Glasschiebetür von der Rezeption getrennt, ein niedliches (Frühstücks-)Café mit weißem Drahtgestühl und bunt bedruckten Tapeten. Abends firmiert es als "Beauty Bar", dann werden auch Cocktails ausgeschenkt, so nimmt dieses öffentliche Eckchen des Abalú am wogenden Nachtleben von Malasaña teil, dem Viertel ringsum, in dem die Gentrifikation bisher keine großen Erfolge verbuchen konnte. Zwar findet man neue, schicke, hippe Läden hier und dort, aber das Hotel wird derzeit noch flankiert von einem chinesischen Supermarkt und einem besetzten Haus. Gegenüber liegt ein Nagelstudio, daneben hat jemand ein paar Fallbeil-Abbildungen an die Mauer geklebt, verbunden mit dem Anti-Politiker-Wutspruch "Eure Nacken riechen nach Guillotine".

Als das Hotel 2007 aufmachte, hatte die Krise noch nicht begonnen, das ganze Land lebte etwas unbeschwerter und gerne mal auf großem Fuß. Im Abalú spürt man noch etwas von diesem Geist der Vorwendezeit. Und manche Schaumschlägerei im Design wirkt schon heute etwas veraltet. Aber so kleinlich wollen wir nicht sein, im Gegenteil: Wenn das Abalú nur konsequent genug durchhält, dann wird es irgendwann ein hoffentlich gut gepflegtes Museumsstück sein, in dessen schimmernden Polstern ein längst zerplatzter spanischer Traum aufs Schönste aufbewahrt ist.

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