Und wie! Man verbindet Spanien ja nicht unbedingt mit Regenwetter, aber im März hat es, falls Sie das interessiert, so viel geregnet wie noch nie, seit darüber Buch geführt wird. Und im April ging es so weiter. Die Madrilenen schauten fluchend in den Himmel, versuchten sich zu trösten: Immerhin, so füllen sich die Stauseen, kein Wassermangel dieses Jahr. Madrilenen mögen trotzdem keinen Regen. Er zwingt sie dazu, traurig hinter der Fensterscheibe zu sitzen. Sobald es trocken ist, springen sie auf die Straße, ihren natürlichen Lebensraum. Und laufen weiter bis zum Retiro, diesem riesigen Rechteck Natur in einer Stadt aus Stein. Alle anderen sind schon da. Ich auch.

Der Habsburgerkönig Felipe IV. ließ sich den Park im 17. Jahrhundert zum persönlichen Vergnügen anlegen. Weil das spanische Bürgertum besonders lange brauchte, um sich den Respekt der Monarchie zu ertrotzen, wurde der Retiro erst 1868 allen Sterblichen geöffnet. Heute kann man hier – im Kristallpalast oder im Palacio de Velázquez – zeitgenössische Kunst anschauen, man kann den Frühling riechen, die Kastanien schlagen endlich aus.

Den Madrilenen aber steht der Sinn nicht nach Kontemplation. Es zieht sie zum Rummel, zum Estanque, dem kleinen See in der Mitte des Retiros, an dessen Ufern alles geschieht. Sie wollen verloren gehen zwischen den Müßiggängern, den Rollschuhfahrern, den Parkwächtern und Gärtnern, den schwarzafrikanischen Händlern und ihren Decken voller DVDs, Uhren, Taschen und Sporttrikots.

Die Wahrsagerin Lola liest hinter ihrem Tischchen für zehn Euro die Zukunft aus der Hand; Liebespaare und Familien und die laut kreischenden Backfischmädchen rudern in gemieteten Booten über den See. Ein Saxofonist spielt sein unvermeidliches When the Saints Go Marching In . Die Eisbuden haben wieder geöffnet, die Spatzen geben ein erstes Konzert. Der Himmel hängt zwar schon wieder warnend voll grauer Wolken. Egal, solange sie nur dicht halten, feiern die Madrilenen hier Jahrmarkt. Sie selbst sind der Jahrmarkt. Und jeder andere, den die Regenpause an den Estanque treibt. Ich auch. Sie auch.