DIE ZEIT: Herr Jaque, Ihre Videoarbeiten und Installationen sind in Museen wie dem New Yorker MoMa zu sehen, Sie sind mit Ihrem Team auf den großen Kunstbiennalen vertreten. Trotzdem bezeichnen Sie sich als Architekten. Warum?

Andrés Jaque: Weil ich Architekt bin, auch wenn das, was ich mache, wenig mit der landläufigen Vorstellung von Architektur zu tun hat. Ich habe noch nie ein Haus gebaut und werde das wohl auch nicht tun. Ich untersuche mit meinem Team, wie Menschen zusammenleben und wie ihre Umgebung das beeinflusst. Für unsere Arbeit ist Madrid eine der spannendsten Städte Europas, wenn nicht der Welt.

ZEIT: Besucher tun sich am Anfang schwer mit der spanischen Hauptstadt: viel Stein, wenig Grün. Es gibt fast keine Sehenswürdigkeiten, nichts, was man mit dem Eiffelturm oder der Tower Bridge vergleichen könnte.

Jaque: Auf Madrid muss man sich einlassen. Der Reichtum der Stadt ist nicht so sichtbar. Hier passieren die Dinge in den Vierteln, zwischen den Nachbarn und den Generationen. Nehmen Sie zum Beispiel die traditionellen Straßenfeste, die an anderen Orten vom Stadtteilmarketing zur Folklorekirmes degradiert werden. In Madrid machen die Nachbarn bis heute ihre eigene Musik, ihr eigenes Essen, und mit ein wenig Glück kann man beobachten, wie Hipster und Rentnerinnen die Optik eines Fanzines diskutieren, das ein paar Typen gerade in der Wohnung nebenan gedruckt haben. In solchen Momenten entsteht kein Eiffelturm, aber eine sehr lebendige, politische Architektur, die auch der Tourist als tipico madrileño genießen kann.

ZEIT: Doch wie bekommt er davon etwas mit?

Jaque: Ganz einfach. Er muss sich bloß von der Vorstellung verabschieden, dass es für dieses Madrid irgendwo Tickets zu kaufen gibt. Mein Rat wäre: Laufen Sie herum! Sprechen Sie mit den Leuten! Dann stoßen Sie irgendwann auf Menschen wie Lady Candella, die jeden Tag für ihre Nachbarn kocht und dafür Gesellschaft bekommt, ein bisschen Geld und Hilfe bei Behördengängen. Madrid ist eine sehr offene Stadt, es gibt keine Szenen, die sich voneinander abkapseln. Ausländer kommen hier gut zurecht.

ZEIT: Und wenn sie kein Spanisch sprechen?

Jaque: Finden Sie inzwischen genug Anlaufstellen. La Tabacalera zum Beispiel, eine ehemalige Tabakfabrik in Lavepiés, die die sozialistische Regierung vor ein paar Jahren der Stadt geschenkt hat. Heute ist es ein selbstverwaltetes Kulturzentrum, in dem sich ein internationales Publikum trifft. Es gibt Street-Art, Gärten, wechselnde Ausstellungen, Probenräume, Tanzkurse, sogar kostenlosen Spanischunterricht und eine gute Bar.

ZEIT: Off-Kultur, typische Atmosphäre, Gespräche mit Einheimischen. Der deutsche Tourist ist begeistert. Doch nach zwei Tagen wird er nervös. Er will die berühmten Museen am Paseo del Arte besichtigen. Gehören die auch zu Ihrem Madrid?

Jaque: Unbedingt! Es gibt keine Stadt, in der Sie so viele großartige Museen auf so engem Raum finden, den Prado, das Museo Reina Sofía und das 2008 eröffnete Caixa Forum von Herzog & de Meuron. La Tabacalera liegt übrigens gleich um die Ecke. Unser Paseo del Arte ist tief im Alltag der Stadt verankert. Sie bewundern im Prado Velázquez’ berühmtes Tableau Las Meninas, die Hoffräulein, oder Goyas Erschießung der Aufständischen, und zehn Minuten später stehen Sie auf der Plaza del Sol, wo die Jugend gegen ihre desolate Lage demonstriert. Dann gehen Sie noch mal zehn Minuten und erblicken im Museo Reina Sofía Picassos Meisterwerk Guernica.

ZEIT: Für viele Reisende ist das im Spanischen Bürgerkrieg als Reaktion auf die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Luftwaffe entstandene Gemälde ein Grund, nach Madrid zu fahren.

Jaque: Es ist unser Eiffelturm, wenn Sie so wollen. Ich glaube, es ist in vielen Ländern in den Schulbüchern. Für mich zeigt Guernica, dass Kunst eine Möglichkeit ist, über Gesellschaft nachzudenken. Deshalb freut es mich sehr, dass nur ein paar Säle weiter, in der Abteilung "Von der postmodernen Revolte" nun ein Video von Pedro Almodóvar zu sehen ist. Da schließt sich ein Kreis.