Auf dem Plaza Mayor © Jordi Ruiz Cirera/laif für DIE ZEIT

Tintenblau leuchtet der Himmel über der Stadt. Noch ringt die Sonne mit dem Dunkel der Nacht, schimmern Türmchen im Dämmerlicht. Und unten, auf dem Pflaster, beginnt das große Schlendern. Die Menschen spazieren umher, die Arme ineinandergehakt, grüßen, plaudern, knuffen Kinderwangen. Damen binden ihren Hündchen Felljacken um. Ein Pantomime zupft seinen Dienstdress zurecht, ein Kleid aus 500 Blüten.

Madrid ist eine stolze Kapitale mit Königspalast und weltberühmten Museen. Aber auch die Hauptstadt eines Landes, in dem derzeit nicht nur die Jugend um Job, Geld und Zukunft fürchtet. Doch jetzt, zur blauen Stunde, wenn Büros und Geschäfte schließen und der Berufsverkehr verstummt, sind die Gehsteige so voll, als gäbe es was zu feiern. Wo wollen die alle hin?

Auf keinen Fall nach Hause, dazu ist ihr Schritt zu gemächlich. Und zum Abendessen ist es den Spaniern noch zu früh. Durch die Fenster der Restaurants sehe ich jungfräuliche Tischtücher und Kellner, die Besteck polieren. In den Tortilla-to-go-Läden stehen um acht Uhr abends nur Touristen. Ich ignoriere das Knurren, das von meinem Magen aufsteigt, und passe mich dem Tempo der Madrilenen an.

Vorbei an Lädchen, die handgeschneiderte Minikleider verkaufen und Bio-Schokotörtchen, schlendere ich zur Plaza del Dos de Mayo im Viertel Malasaña. Vor Fassaden in Zartgelb und Lachsrosa schaukeln Kinder im Laternenlicht, eine Ecke weiter keucht ein Grauhaariger auf dem Erwachsenenspielplatz: einem Parcours mit Trimmrad und Turnstangen. Die meisten aber zieht es ins Warme – in eine der vielen Bars und Cafés rings um die Plaza.

Ich folge einer Frau ins Pepe Botella und sinke in weinrote Polster. Hinter mir blicken Herren mit Schnurrbart von Schwarz-Weiß-Fotos, neben mir schält sich die Frau aus ihrem Parka. "Wo warst du die letzten Tage, krank oder verreist?", fragt der Kellner, der sie offenbar vermisst hat. "In Valladolid", antwortet die Mittdreißigerin mit den blau lackierten Fingernägeln. Dann legt sie einen Krimi auf den Tisch und bestellt einen café con leche – Alkohol trinken um diese Zeit nur die drei Briten am Ecktisch.

Ich lasse mir Oliven bringen, das einzige Nichtflüssige im Angebot, und beobachte, wie alle paar Minuten die Tür aufgeht. Bald sind sämtliche Plätze besetzt. Die Mittdreißigerin stellt sich vor. Sie heißt Mónica Rodríguez del Rosal. In Madrid, sagt sie, gehe niemand nach der Arbeit direkt nach Hause. "Was sollen wir da? In der Bar ist man unter Leuten und hat doch seine Ruhe."

Die meisten sind alleine hier. Ein Mensch, ein Tisch. Die Frau am Fenster tippt SMS. Der Mann neben mir beugt sich über die ausliegende El País. Mónica scheint sie alle zu kennen, nickt ihnen zu, plauscht ein paar Sätze, gestört nur vom Fauchen der Espressomaschine.

Die Bar Pepe Botella im Viertel Malasaña © Jordi Ruiz Cirera/laif für DIE ZEIT

Ein Szenetreffpunkt sieht anders aus. Ins Pepe kommt niemand, um gesehen zu werden. Keiner trägt grelles Make-up oder ein frisches Hemd. Die Menschen wirken entspannt, als säßen sie schon daheim auf dem Sofa.

Nach einer Stunde ist der Bottich Oliven neben der Theke leer geschöpft. Die Briten sind weitergezogen. Mónica nippt inzwischen an einem Bier und schaut aus dem Fenster: Ein paar Jungs in Shorts jagen einen Ball über die Plaza. Das Mondlicht fällt auf zwei Steinmänner vor einer Kanone: 1808 verteidigten Daoíz und Velarde dieses Viertel gegen Napoleons Franzosen.

Fast alles hier im Viertel erinnere an diesen Krieg, sagt Mónica. "Pepe Botella" war der Spitzname des damaligen Königs, der Flasche, botella, nicht abgeneigt. Und Malasaña, so der Name des Quartiers heute, hieß eine 15-Jährige, die sich den Truppen entgegenwarf, bis sie verblutete. "Das war schon immer ein Viertel, in dem die Nachbarn zusammenhielten", sagt Mónica.

Mir gefällt die Vorstellung, dass die Nachfahren jener, die sich damals auf dem Schlachtfeld trafen, nun jeden Abend gemeinsam am Tresen stehen, die Studentin ebenso wie der freundlich zwinkernde Greis.

Am nächsten Abend, einem Dienstag, streife ich mit Xuan Gutiérrez González durch La Latina in der historischen Altstadt. Tagsüber hat sich der Frühling bemüht, ein paar Bäume zum Knospen zu bringen. Jetzt pfeift wieder eine kalte Brise durch die Straßen. Der Fotograf zieht die Kapuze über seinen Kopf und will so gar nicht mehr in dieses herausgeputzte Viertel mit den geschnitzten Holztüren und den gusseisernen Laternen passen. Wir werfen einen Blick in die Posada de la Villa mit ihrem Gastraum von 1642. Die Namen der Prominenten, die hier bei Wein und Schwein saßen, sind auf den Lehnen eingraviert. So teilt sich heute Janet Jackson einen Tisch mit Mick Jagger und König Carl Gustaf von Schweden. Nichts für uns. Schließlich will Xuan mir zeigen, dass dieses Viertel mehr zu bieten hat.