Vor endgültigen Lösungen sollte man sich hüten, das gilt auch im Streit um den Atommüll. Wird es nun, da Bund und Länder sich einig sind, ein Endlager geben? Natürlich nicht. Schon der Begriff ist absurd. Eine Million Jahre lang, mindestens, müssten die Rückstände des Atomzeitalters sicher gelagert werden – welche Anmaßung, für einen solchen Zeitraum Fakten schaffen zu wollen!

Ein Lager für Atommüll ist, im besten Fall, ein Angebot an kommende Generationen: Der Müll liegt sicher, wo er ist, ihr müsst euch damit nicht befassen. Sollten die Bürger in hundert oder zweihundert Jahren Zweifel an der Art der Unterbringung hegen, sollten sie einen Weg finden, den strahlenden Abfall in eine weniger gefährliche Substanz zu verwandeln, oder sollten sie ihn als Rohstoff nutzen wollen: Sie werden Kosten und Nutzen ermitteln und den Müll dann bergen oder auch nicht. Ganz sicher aber werden sie sich nicht davon beeindrucken lassen, dass ihre Vorfahren im frühen 21. Jahrhundert glaubten, ein "Endlager" errichtet zu haben.

Schon heute wirkt der Begriff gestrig, er ist ein ideologisches Konstrukt aus den Jahrzehnten des Streits um die Atomenergie. Für die Industrie war die Vorstellung vom Endlager ein Versprechen: Wir lösen unsere Probleme selbst, ohne kommende Generationen zu belasten. Für die Atomkraftgegner war sie eine Schwachstelle der Gegenseite, die sie mit Wolllust angriffen: Sicherheit für eine Million Jahre? Unmöglich! Ausgerechnet in einer unhaltbaren Position stimmten die verfeindeten Lager aus taktischen Gründen überein.

In Wirklichkeit ist der Atommüll unter den Umweltproblemen der Welt eines der harmlosen. Landschaftsverbrauch, Artensterben, Klimawandel – es gibt wenig Hoffnung, auch nur eine dieser Bedrohungen so weit zu entschärfen, dass wir der nächsten Generation bessere oder, gemessen am Status quo, wenigstens gleichwertige Verhältnisse hinterlassen. Beim Atommüll ist dieses Ziel ohne Weiteres erreichbar. Derzeit lagert er, in gusseiserne Castorbehälter verpackt, in Hallen, die allenfalls notdürftig Schutz vor terroristischen Anschlägen bieten. Es wäre schon viel gewonnen, wenn er von der Umwelt abgeschlossen und vor Verbrechern zuverlässig geschützt untergebracht wäre: an einem Ort, an dem er überwacht und zur Not geborgen werden kann.

Ein solcher Ort ist nicht so schwer zu finden. Der Salzstock unter Gorleben wäre wohl einer, wahrscheinlich gibt es bessere. Die Forderung, für eine Million Jahre Sicherheit zu garantieren, lässt das Problem dagegen unlösbar erscheinen. Gut ist plötzlich nicht mehr gut genug – allein die beste Lösung ist zur Not noch akzeptabel.

Aber welche Lösung ist die beste? Der Versuch, ein "Endlager" zu errichten, ist kaum mehr als die technische Umsetzung eines Gedankenexperiments. Bewährte Technologien kann es per definitionem nicht geben – man hätte sie schließlich jahrtausendelang erproben müssen, um mit Blick auf die erdgeschichtlichen Zeiträume, die sie überdauern sollen, auch nur einen ersten Eindruck von ihrer Tauglichkeit zu gewinnen. Ob sich die Frage nach dem besten Konzept, dem besten Standort überhaupt beantworten lässt, darüber streiten die Experten. Sicher ist, dass eine solche Antwort, sollte sie gefunden werden, für Laien kaum nachvollziehbar und darum in der öffentlichen Debatte nahezu wertlos wäre. Wer den Müll der Atomindustrie partout nicht unter den eigenen Füßen wissen will – und so denken viele an den Standorten, die bislang in Betracht gezogen wurden – der wird sich von einer so abstrakten Beweisführung nicht überzeugen lassen.

Auf den ausgetretenen Pfaden der Atommüll-Debatte findet sich eine traditionelle Antwort auf solche Erwägungen: Geologische Entwicklungen sind sicherer vorherzusagen als gesellschaftliche, darum sollten wir eher Salzstöcken oder Tonschichten trauen als der Weisheit kommender Generationen. Das ist ein plausibler Einwand – er hilft aber nicht weiter, solange die Bürger darin übereinstimmen, die geologischen Verhältnisse in der jeweils eigenen Heimat für völlig ungeeignet zu halten.

Insgeheim hat die Politik die Suche nach einem Endlager im strengen Sinne des Wortes längst aufgegeben. Seit Jahren schon verlangt das Umweltministerium, dass der im Prinzip endgültig einzulagernde Müll noch jahrhundertelang sicher geborgen werden kann. Gesucht wird also ein vorläufiger Lagerplatz, der möglichst auch für längere Zeit taugen soll. Das ist vernünftig. Wer Sicherheit für eine Million Jahre fordert, der will wahrscheinlich nicht die beste Lösung, sondern keine.