Es lag in der Luft – und nun ist es geschehen: Ein Intellektueller von Rang hat sich zu Wort gemeldet und das europäische Projekt für beendet erklärt. Das alte Europa, verkündet der italienische Philosoph Giorgio Agamben in der Libération, sei im Begriff, sich selbst zu "sprengen", nun müsse ein neues Europa gegründet werden, diesmal nicht unter deutscher, sondern unter französischer Führung. In Europa, so träumt Agamben, möge ein lateinisches Reich entstehen, getragen von den alten Mächten Frankreich, Italien und Spanien. In seiner Fantasie hat "L’Empire Latin" all das, was dem heutigen, von Deutschland beherrschten Europa fehlt. Es hat Kultur, es hat Sprache und Lebensform. Agambens Artikel trägt die Überschrift: Que l’Empire latin contre-attaque! (Das lateinische Reich soll einen Gegenangriff starten), und er fällt in Frankreich in eine seltsame Kulturkampfstimmung: Jüngst beschwerte sich das Magazin Marianne über die kulturelle Vorherrschaft der Deutschen, ausgerechnet aus Anlass einer Louvre-Ausstellung, die sich, durchaus provozierend, dem Sonderweg der deutschen Kunst widmet (Zeit Nr. 15/13).

Agamben ist nicht irgendjemand. Er ist einer der weltweit meistdiskutierten Philosophen und macht seit zwanzig Jahren mit einer eigenwilligen, von Walter Benjamin, aber mehr noch von Martin Heidegger beeinflussten Theorie-Mischung von sich reden. Agambens Absage an Europa kommt auf Taubenfüßen daher, fast scheint er hinter seinen Sätzen und Zitaten in Deckung zu gehen. Aber seine Botschaft ist eindeutig: Europa ist am Ende, sein "Einheitsversprechen" blieb unerfüllt. Der Kontinent hat die Nationen nur ökonomisch vereinigt, während die "konkreten kulturellen Verwandtschaften" bei der Gründung der Europäischen Union "nicht ins Gewicht" fielen.

Europa, sagt Agamben in jedem Satz, homogenisiert die Kulturen. Es hat alle "realen Verwandtschaften in Lebensform, Kultur und Religion aufgegeben" und sich stattdessen der nivellierenden Macht der Wirtschaft ausgeliefert. Aber ökonomische Interessen spiegeln naturgemäß nur die Interessen einer Minderheit, der Reicheren, während die Mehrheit das Nachsehen hat. "Einer Mehrheit von Ärmeren werden die Interessen einer Minderheit von Reicheren aufgezwungen, die zudem meistens mit denen einer einzigen Nation zusammenfallen, wobei man letztere angesichts der jüngeren Geschichte keineswegs als vorbildlich betrachten kann."

Man muss nicht rätseln, wer hier gemeint ist – wer der schuldbeladene Hegemon ist, der sich in der Vergangenheit "nicht vorbildlich" verhalten hat und nun Europa das eigene Gesetz diktiert, das Gesetz der eigenen Lebensform: Es ergibt "keinen Sinn, von einem Griechen oder einem Italiener verlangen zu wollen, dass er wie ein Deutscher lebt, doch selbst wenn das möglich wäre, würde es zum Verschwinden eines Kulturguts führen, das vor allem in einer Lebensform liegt".

Deutschland, so muss man Agamben verstehen, ist der Fürst der europäischen Welt, und deshalb steht der Kontinent am Scheideweg. Entweder Europa schreibt seine Verfassung um und gründet ein "lateinisches Reich" unter Führung Frankreichs. Oder es zerfällt. Denn jede politische Einheit, so sein zentraler Gedanke, der es nicht gelingt, sich als "Lebensform" darzustellen, geht unter.

Gewiss, man könnte mit den Schultern zucken, denn die Parole vom "Lateinischen Reich" stammt aus alten ideengeschichtlichen Sumpfgebieten. Aber die Fassung, die Agamben "scharf macht", ist hochgradig brisant, denn sie kommt aus der Feder des in Russland geborenen Philosophen Alexandre Kojève, einem der wendigsten und einflussreichsten Köpfe des französischen Geisteslebens. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Kojève (1902 bis 1968) ein Memorandum für die französische Regierung verfasst und de Gaulle dringend vor seinem deutschen Nachbarn gewarnt. Auch wenn es in Trümmern liege, so gehe von dem protestantischen Land eine Gefahr für das katholische Frankreich aus. Deutschland werde sich "friedlich" und "demokratisch" in den Musterschüler Amerikas verwandeln, es werde mit seiner impertinenten wirtschaftlichen Macht den Kontinent beherrschen und die Grande Nation unweigerlich zur "Sekundärmacht" degradieren. Frankreich allein könne sich der Wirtschaftsmacht Deutschland nicht erwehren, denn das Zeitalter des Nationalstaates gehe unwiderruflich zu Ende.