Angeschlagen: der französische Präsident Francois Hollande und seine sozialistische Regierung © Reuters/Patrick Kovarik

Im Elysée, dem Palast des französischen Präsidenten, schleicht die Angst um. Ebenso im Hôtel de Matignon, dem Amtssitz des Premierministers, sowie in den Ministerien und in der Nationalversammlung. Angst – und Misstrauen: Wer ist als Nächster dran? Wer stürzt über den morgigen Skandal? Wer hat etwas in der Hand und gegen wen? Schweizer Bankiers beginnen zu reden; Enthüllungsjournalisten nennen Namen; und dann wäre da noch dieser prominente Anwalt, der sich kürzlich umgebracht hat. Der hatte auch Klienten von anrüchigem Reichtum. Einige Leute dürften jetzt brennendes Interesse an den Dossiers haben, die in seinen Aktenschränken schlummern.

Die Mehrheit der Franzosen freilich teilt ein anderes Gefühl: Scham.

Vergangene Woche mussten sie erfahren, dass der Budgetminister Jerôme Cahuzac, zuständig für den Kampf gegen Steuerbetrug, zwanzig Jahre lang ein Geheimkonto in der Schweiz führte und, als ihm das Onlineportal Mediapart im Dezember allmählich auf die Schliche kam, sich auf freches Lügen verlegte. Aber da ist mehr. Zum Beispiel sein Vorgesetzter, Finanzminister Pierre Moscovici, der die Aufklärung, sagen wir: nicht beschleunigte. Der Innenminister und die Justizministerin, die doch schon zu Beginn der monatelangen Ermittlungen im Bilde gewesen sein mussten – während Cahuzac im Amt verharrte. Und der Präsident? Bereits im Dezember soll, wie zu hören ist, im Elysée die Entscheidung gefallen sein, den Minister von allen Dossiers zu isolieren, die mit Steuerfahndung zu tun haben. Anstatt ihn zu feuern.

Damit nicht genug, kommen beinahe jeden Tag neue Gerüchte auf, an denen das Schlimmste ist, dass niemand mehr darauf antworten würde: unmöglich. Nein, alles ist möglich, man weiß es seit Dominique Strauss-Kahn (DSK). Skandale gab es immer, gewiss, doch diesmal ist der Kontext anders. Unser Nachbarland leidet an einem lähmenden Gift, ausgerechnet in einem Moment, in dem die Euro-Zonen-Stabilisierung einiges an Willenskraft verlangt. Das Gift ist eine Mixtur aus politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und moralischen Krisen.

Politik: Ein Präsident, von dem nur noch jeder fünfte Franzose eine gute Meinung hat. Ein Premierminister, der weder sein Kabinett noch den Haushalt in den Griff bekommt. Daneben ein sieches Parteiensystem: zum einen die sozialistische Partei (PS), im Norden und im Südosten von Subventionsbetrug, Korruption und Wahlfälschung zerfressen. Sodann die UMP, die vorige Regierungspartei, von einem inneren Machtkampf zermürbt, in dem betrogen und belogen wurde, dass es dem konservativen Frankreich graut. In der Mitte praktisch nichts, am linken und rechten Rand Dämonen.

Wirtschaft: Frankreich ist ein Globalisierungsverlierer. Im kommenden Jahr wird sich der Niedergang fortsetzen. Gesellschaft: Arbeitslosigkeit, Einkommensverluste, Armut und Ungleichheit lassen den Alltag schwer werden; auf Globalisierung, Immigration, Veränderung der Informationsgewohnheiten und Familienstrukturen reagiert das Land passiv aggressiv. Schließlich die Moral: 77 Prozent der Franzosen halten ihr politisches Führungspersonal für korrupt.

Da ist etwas in seinem Endstadium angekommen. Ist es die Fünfte Republik, also die Präsidialverfassung, die Charles de Gaulle 1958 eingeführt hatte? Die auch, aber nicht nur sie. Sondern ein ganzes Gesellschaftssystem.

Dass de Gaulle im Mai 1958 Ministerpräsident mit diktatorischen Vollmachten wurde, entsprach der Forderung putschender Militärs und eines Teils der politischen Führung. Der General beendete die damalige Staatskrise, indem er im Herbst 1958 per Referendum eine Verfassung beschließen ließ, die Frankreich in eine Präsidialrepublik umwandelte. Man tut ihm nicht unrecht, wenn man ihn als "Vernunftrepublikaner" bezeichnet; "ich liebe die Republik nicht als solche", sagte er einmal, "aber weil die Franzosen ihr nun einmal anhängen, gibt es keine andere Wahl".

Bis dahin hatte das republikanische Frankreich seit der Erfahrung mit zwei napoleonischen Kaisern stets gegen eine Übermacht des Präsidenten gekämpft. Mit Gründung der Fünften Republik setzte sich das Präsidialsystem durch. Nun sollte der Präsident das Parlament auflösen und Referenden anordnen können, außerdem "die Zusammensetzung der Regierung bestimmen, ihre Sitzungen leiten, die Beamten und Militärs ernennen, der wahre Chef der Armee und Quelle jeder wichtigen Entscheidung sein", wie de Gaulle es formulierte. Seither gilt etwa das Dekret Nr. 59-587, das festlegt, dass der Präsident über siebzig Direktoren staatlicher Behörden selbst zu ernennen habe, darunter den Chef des Staatsfernsehens, des Wetterdienstes, der Comédie-Française, der Obersten Jagdbehörde sowie der Behörde für Ferienschecks.