FußballMehr als ein Sport

Gespielt in aller Welt, diskutiert in allen Kneipen, banal und groß: In Deutschland läuft es gerade besonders gut. von 

Bevor es hier gleich um die Champions League geht, um die verrückt-euphorische Last-Minute-Borussia aus Dortmund und den einmaligen FC Bayern, seien ein paar grundsätzliche Worte zu dem Sport als solchem erlaubt. Das ist zwar nicht üblich, immer drängt ja ein Spieltag, doch in dieser Woche führt DIE ZEIT eine Fußballseite ein und würde das gern erklären:

Fußball ist fast nichts. Zwei mal elf Menschen, die mit den Füßen einen Ball im gegnerischen Tor unterbringen wollen, dazu eine Reihe einfacher Regeln sowie eine komplizierte (die Abseitsregel). Der Ball kann im Übrigen auch eine Dose sein oder ein Stein, die Tore ein paar auf den Boden gelegte Jacken, elf Spieler werden auch nicht zwingend benötigt, es geht schon ab zweien bis maximal, sagen wir: vierzig. Jeder kann das verstehen, fast jeder auch spielen.

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Eine Banalität mit Ball.

Fußball ist fast alles. Ein Milliardengeschäft, eine Metapher, eine Religion, er ist Liebe (und man verliebt sich nur einmal, nur in einen Verein), er ist Kampf, er ist Geschichte, er ist ungeheuer komplex, die abkippende Sechs, die falsche Neun, die flache Raute, da muss man sich schon richtig mit beschäftigen. Wer auch nur ein einziges Spiel richtig lesen will, muss es sich mehrfach anschauen, so wie man eine Wagner-Oper frühestens beim zweiten Hören anfängt wirklich zu begreifen.

Ein Ball als ganze Welt.

Universell ist Fußball jedoch nicht nur in dem Sinne, dass er alles und nichts sein kann, dass er zugleich unsere primitivsten Triebe wie unseren schärfsten Intellekt ansprechen kann. Er ist auch universell im Sinne von global. Kaum ein Land auf der Erde, in dem er nicht gespielt würde, und in den meisten ist er die dominierende Sportart. Nicht Football, Tennis oder der oft zum Niederknien schöne Basketball sind auf dem Weg zum, ja, Menschheitssport, der Fußball ist es.

In den fußballverrücktesten Ländern, zu denen zweifellos unseres gehört, ist der Fußball ein einzigartiges Medium, ein Ort, an dem das Wir entsteht. Viele Väter könnten nicht mehr mit ihren Söhnen sprechen, hätten sie das Thema Fußball nicht. Doch auch sonst: Gibt es neben Fußball und Politik noch ein drittes Medium, in dem sich die Mehrheit der Deutschen miteinander verständigen kann? Vielleicht den Tatort, aber da weiß man, anders als im Fußball, immer schon am Anfang, wie es ausgeht.

In dieser Woche hat der abstiegsbedrohte Zweitligist VfL Bochum Peter Neururer als Trainer geholt. Eine Nachricht, die so alltäglich klingt, dass man sie selbst als fußballinteressierter Mensch sogleich überblättern würde. Wer aber genauer hinschaut, der wird eine rührende Geschichte entdecken. Immerhin stellt da der Verein einer von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Stadt (demnächst soll auch noch das Opelwerk geschlossen werden) einen langzeitarbeitslosen, eben erst von einem Herzinfarkt genesenen Mann ein. Darin zeigt sich ein solcher solidarischer Verzweiflungsmut, dass man Lust bekäme, zum nächsten Spiel des VfL zu gehen.

Leserkommentare
  1. Wirklich alle Punkte genau getroffen. Das ist eben das Schöne beim "Fussi", die Mannschaften treiben sich gegenseitig in neue Dimensionen hoch, entwickeln Neues, kramen Altes wieder heraus (wie meistens ;-)) ). Es ist so einfach und dennoch beliebig komplex.
    Der Fußball bringt in vielen selbst die versteckteste Leidenschaft hervor und das ist doch die schönste Eigenschaft eines Menschen überhaupt.

    Der Artikel hat mir den Abend gerettet, bitte weitermachen!

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  2. das Rennen in der Relegation macht, hab ich kein Problem mit - so wird auch die Neururer story noch zum Drama mit happy end :P

    • Hainuo
    • 12. April 2013 1:26 Uhr

    Wie konnte ich mich nur in ein Land verlieben, in dem zum Zeitpunkt des CL-Finales auf allen 5 Sportsendern lediglich Leute zu sehen sind, die mit Knüppeln auf kleine Bälle eindreschen. Nicht, dass ich mich nicht bereits an Baseball gewöhnt hätte - die Stimmung in Taiwans Stadien ist trotz lediglich vier Teams großartig - aber irgendwie geht es doch ohne Fußball nicht. Immerhin, meine Freunde laufen jetzt alle in Schwarz-Gelb herum und können "Hinsetzen, hinsetzen" und "Du hast die Haare schön" singen.

    Zu all den Lobeshymnen, die doch in Kommentarzeilen heutzutage als bedrohte Arten gelten: Ich schließe mich dem an. ZEIT liefert den abwechslungsreichsten Sportteil und ihr berichtet über Fußball so, dass man nicht das Gefühl hat, es bereits woanders gelesen zu haben. Wenn ihr der FC Bayern der Sportberichterstattung sein wollt, verpflichtet doch den Herrn Martinez Hoffmann von Sport 1 für 40 Millionen. Seine Kolumne ist einfach großartig!

    http://www.sport1.de/de/fussball/fussball_bundesliga/artikel_697701.html

  3. ein ganz klares Anzeichen, dass wir im Zeitalter spaetroemischer Dekadenz angekommen sind.
    Brot und Spiele fuer das Wahlvolk,
    das Tanz um das Goldene Kalb im Feuilleton.

  4. können die Zeit-Redakteure nicht einfach zugeben, dass auch sie ein "Proletenhobby" haben? Manchmal gerne mit einem Bier in der Hand Rumgrölen, für zwei Stunden "Deutscher" oder Bayer sind?

    Ist doch bei den meisten Menschen so: Manche sehen Germanys next Topmodel, andere Autorennen oder Boxen, oder lesen 50 Shades of Grey...

    So what?

    Muss man diese "Banalität" wirklich krampfhaft intellektualisieren? Ich finde das nur peinlich. Spätestens das nächste Loddar- oder Marco Reus Interview führt dieses Gefasel doch eh ad absurdum.

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    • ascola
    • 12. April 2013 11:48 Uhr

    Dem würde ich gerne widersprechen. Ulrich trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt, dass Fußball gleichzeitig ganz einfach und höchst kompliziert ist. Das ist ja auch das Schöne am Fußball-Teil von ZEIT Online: die Redaktion ist ja gerade dem Komplexen dieses Sports, bis ins Psychologische hinein, zumindest immer auf der Spur.

    Schauen sie sich doch mal an, wie viele (ehemalige) Fußball-Moderatoren (plus Anne Will) gleichzeitig politische Sendungen (oder Polit-Satire, Talk Show und dergleichen) machen: die haben intellektuell schon was drauf, und das brauchen die auch für die Moderation von Fußball. Gilt genauso für die jeweiligen Experten: der Kahn ist ebenso wenig dumm wie Netzer es war und klopp schon gar nicht, scholl geht mir zwar auf die Nerven mit seiner einseitigen PR-Kampagne pro Nationalteam, aber schlau ist er auch.

  5. wenn mit solchen "Generation-Championsleague-und-so" Artikeln noch ein bisschen gewartet würde. Wer sagt denn, dass es <em>eine</em> der beiden Mannschaften bis ins Finale schafft? ;)

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