Sachbuch "Gartenkunst"Spieltrieb im Grünen

Hans von Trotha erzählt von Spaten und Wasserkaskaden, von Bäumen, Labyrinthen, Zäunen – kurz: Die Geschichte der Gartenkunst. von Verena Auffermann

Ein Irrgarten als Repräsentanz höfischer Kultur

Ein Irrgarten als Repräsentanz höfischer Kultur  |  © 12frames/photocase.com

Nach diesem Winter, der sich hinzog wie grauer Kaugummi und der zu kalt war, um den Kopf in den Sand zu stecken, sehnen sich selbst passionierte Naturverächter nach dem Spaziergang im Grünen. Aber was sehen wir da eigentlich, was verbirgt sich in den Konzepten der Planer, was im dressierten Outlook der Gartenarchitekten? Ist alles der jeweiligen Mode unterworfen?

Wie sich Nutzen und Ästhetik, Machtstreben und Politik, Literatur, Malerei und Philosophie in den europäischen Gärten abbilden, erläutert der Publizist Hans von Trotha in seiner Gartenkunst. Er vermeidet darin jeden schwärmerischen Ton und jeden Verdacht, er habe ein subjektives Buch über seine eigenen Vorlieben geschrieben. Sein Anliegen ist die kompetente Nüchternheit. Um die neu entflammte "Landlust" geht es hier wirklich nicht. Es geht um den Geist, der solch große Parks und Gärten hervorgebracht hat. Um die Entstehung des Klostergartens, des Renaissance- und Barockgartens, natürlich auch um den englischen Landschaftsgarten, Hans von Trothas Spezialgebiet, zu dem er einst eine fabelhafte Dissertation verfasst hat.

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Das Buch ist ein Lehrbuch und kein Buch der Thesen und Spekulationen. Seinen Parcours bestimmen die zeithistorischen Bedingungen, von der Gläubigkeit zum Rationalismus der Renaissance, zu den theatralischen Kapriolen des Barock, von den Anforderungen der Aufklärung bis zum Ausflug ins romantische Zeitalter. Dann ergreift der stolze Bürger den Spaten und schützt sein Gärtchen vor den Augen der Massen, und die Zeit der Pracht ist vorbei: der Leichtsinn und der Spieltrieb, die Bänke und Tische, über die auf geheimen Befehl hin Wasserkaskaden sprudeln, die riskanten Labyrinthe, die monstergroßen Masken und Fratzen, die nutzlos schiefen Häuser, die kolossalen vergoldeten Urnen, sogar feuriges Lavaspucken, wie im Miniaturvesuv im Wörlitz des Fürsten Pückler-Muskau. Im 19. Jahrhundert war er einer der letzten großen Fantasten. Was dann kam, war Mäßigung, und Mäßigung macht keinen Spaß.

Hans von Trotha erzählt nichts, was die Zunft der Gartenhistoriker nicht schon gewusst hätte, doch wer etwas Sachliches und Präzises über die Geschichte der Gartenkunst lesen will, hat Glück gehabt, denn Trotha schiebt sein Wissen gut ineinander und erzählt, was zu erzählen ist. Wie Wasser und Zaun zueinandergehören, wie Gottvater und der König. Er berichtet von geraden und geschlängelten Wegen, von Vitruv, auch das Hohe Lied Salomos kommt vor und Petrarcas Bericht über seine Besteigung des Mont Ventoux und John Miltons einflussreiches Poem Paradise Lost. Man kann, verspricht der Autor, durch Landschaften und Gärten spazieren und sich ein Bild über die Zeit machen, in der sie entstanden sind. Denn die Anordnung von Hecken, Zäunen, Bäumen, Wegen, von Skulpturen und Wasserfällen sind Sinnbild des Zeitgefühls und des Machtgefüges. Man wusste, dass Stil und Geschmack als Untergrund der Gefühlskultur den Herrschaftsanspruch unterstreichen. Mit Springbrunnen und Wasserspielen feierte man Erfindergeist und technischen Fortschritt. Maschinen arbeiten, um die Natur zu inszenieren.

Der Garten ist immer ein Ausdruck des Siegs über die wildwüchsige Natur und eines der schönsten Zeichen der Zivilisation. Von den 46 Gärten, die von Trotha erwähnt, sind viele heute noch zu besichtigen, von der eingearbeiteten Fachliteratur ist dem Autor Marie Luise Gotheins 1914 erschienenes Werk Geschichte der Gartenkunst das wichtigste Buch.

Wer aus den Planquadraten des mittelalterlichen Gartens heraustritt, der weiß, was die Menschen damals beschäftigte, und wer den Roman de la Rose auszugsweise kennt, kann keinen Zweifel daran haben, dass die Literatur eine der wichtigsten Quellen für die Gartenkunst gewesen ist und dass Krieg nicht nur Verwüstung bedeutete. König Karl VIII. brachte sich von seinem italienischen Feldzug Künstler mit nach Hause, darunter einen Gärtner, mit weitreichenden Folgen für Frankreich.

Die Sehnsucht nach Romantik erwächst aus den strengen Linien der Aufklärung. Das und mehr erfahren die ahnungslosen Schwärmer, die auf der letztjährigen Documenta vor einem Wildwuchshügel in der Kasseler Aue entzückt in die Knie gegangen sind, aus Hans von Trothas informativem Parkbuch – denn es geht hier nur sehr am Rande um Rosen, Stauden und Unkraut, es geht um das Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte bei der Entstehung der großen Naturkunstwerke vom St. Gallener Klostergarten über Versailles bis ins nördliche Neuhardenberg.

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Leserkommentare
    • memoe
    • 21. April 2013 11:07 Uhr

    Falls jemand im Text Informationen über das Labyrinth auf dem beeindruckenden Foto gesucht hat, und nicht fündig geworden ist..
    Das ist das Labyrinth von Horta in Barcelona.

    Mehr dazu:
    https://de.wikipedia.org/...

    4 Leserempfehlungen
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    • thwe74
    • 22. April 2013 9:05 Uhr

    ...für den Link!

    Zum Thema selbst:

    Hoffentlich lesen möglichst viele Mitbürger Bücher zu diesem Thema.

    Man kann sich über den damaligen Zeitgeist amüsieren, Ihn ablehnen und kritisieren.

    Aber ich denke im Zeitalter des "modernen" Lebens in Haus und Garten, welches im Extremfall geprägt ist durch Lorbeerhecke, 2 dezenten Buchsbäumen im riesigen Stein-/Kiesbeet vor der Haustür, zugepflasterten Wegen und genügend Stellflächen für den Autopark sowie den dazu passenden Rollrasenflächen, sollten wir uns vielleicht darin erinnern da wir schon einmal deutlich weiter waren.

    Nicht nur der Fürst, auch der kleine Mann: Alte Bauerngarten und Stadtgärten zeigen hier ein deutlich anderes Bild.
    Auch im Zusammenleben mit der Natur. Am modernen, top-gedämmten Neubau im Bauhausstil passt leider kein Vogelkasten mehr dran ...

    Gewiss, jede Generation hat das Recht neue Wege zu beschreiben, auch die genannten Negativ-Beispiele haben ihre Wurzeln in alten Gärten, aber die Entwicklung sollte nicht weitergehen in eine Richtung die man mit dem folgenden Worten beschreiben kann:

    "Möglichst sauber, industriefest und keine Arbeit machend"

    VG

    • thwe74
    • 22. April 2013 9:05 Uhr

    ...für den Link!

    Zum Thema selbst:

    Hoffentlich lesen möglichst viele Mitbürger Bücher zu diesem Thema.

    Man kann sich über den damaligen Zeitgeist amüsieren, Ihn ablehnen und kritisieren.

    Aber ich denke im Zeitalter des "modernen" Lebens in Haus und Garten, welches im Extremfall geprägt ist durch Lorbeerhecke, 2 dezenten Buchsbäumen im riesigen Stein-/Kiesbeet vor der Haustür, zugepflasterten Wegen und genügend Stellflächen für den Autopark sowie den dazu passenden Rollrasenflächen, sollten wir uns vielleicht darin erinnern da wir schon einmal deutlich weiter waren.

    Nicht nur der Fürst, auch der kleine Mann: Alte Bauerngarten und Stadtgärten zeigen hier ein deutlich anderes Bild.
    Auch im Zusammenleben mit der Natur. Am modernen, top-gedämmten Neubau im Bauhausstil passt leider kein Vogelkasten mehr dran ...

    Gewiss, jede Generation hat das Recht neue Wege zu beschreiben, auch die genannten Negativ-Beispiele haben ihre Wurzeln in alten Gärten, aber die Entwicklung sollte nicht weitergehen in eine Richtung die man mit dem folgenden Worten beschreiben kann:

    "Möglichst sauber, industriefest und keine Arbeit machend"

    VG

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Info zum Foto"
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    • Suryo
    • 22. April 2013 16:15 Uhr

    Vielen Dank, Sie sprechen mir aus der Seele.

    Der Thuja und dem Kirschlorbeer keinen Fußbreit!

    • Suryo
    • 22. April 2013 16:15 Uhr

    Vielen Dank, Sie sprechen mir aus der Seele.

    Der Thuja und dem Kirschlorbeer keinen Fußbreit!

    Antwort auf "Danke!!!"

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  • Schlagworte Garten | Sachbuch | Buch | Literatur
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