Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich besitze eine Packung mit 800 Tabletten Aspirin, erworben in den USA. Sobald irgendwas ist, schlucke ich eine Aspirin, gegen Kopfschmerz, gegen trockene Füße, gegen Angst vor Altersarmut, gegen alles. Es hilft. Aspirin ist mein Fallschirm und mein Rettungsboot. Wenn jemand etwas über die Nebenwirkungen von Aspirin erzählt, höre ich einfach weg. Auf diese Weise bin ich vor den Nebenwirkungen relativ sicher. Das halten jetzt wieder viele für eine angreifbare Meinung. Aber ich habe die Wissenschaft auf meiner Seite.

In der Wissenschaft spricht man vom "Nocebo-Effekt". Der Placebo-Effekt ist bekannter, er besteht darin, dass einem auch Pillen helfen können, in denen überhaupt nichts drin ist. Weil man an die Pille glaubt. Beim Nocebo-Effekt wird man krank, weil man glaubt, eine Sache sei schädlich. Wenn im Beipackzettel eines Medikaments vor einer Nebenwirkung gewarnt wird, dann stellt sich genau diese Nebenwirkung auch bei einem gewissen Prozentsatz der Patienten ein. Sogar, wenn die Nebenwirkung erfunden war. Dazu gibt es Experimente. Wer schreibt: "Von Aspirin kriegt man Eiterbeulen an den Füßen", der bewirkt, dass viele Menschen Eiterbeulen an den Füßen bekommen. So einfach ist das.

Der Autor John Naish hat über die moderne Tendenz geschrieben, Probleme jeglicher Art zu therapiebedürftigen Krankheiten zu ernennen. In Fachzeitschriften wird zum Beispiel das "Discofinger-Syndrom" beschrieben, die "Golfball-Leber" und der "Kreditkarten-Ischias". Kreditkarten-Ischias kriegt man, wenn man eine volle Brieftasche in die Gesäßtasche der Hose steckt und damit zu lange sitzt, es gibt bisher weltweit zwei Patienten. Der Laie denkt: Steck die Brieftasche ins Jackett. Für die Wissenschaft liegt der Fall komplizierter. Die Golfball-Leber wurde bei einem 63-jährigen Ingenieur diagnostiziert, der die seltsame Angewohnheit besaß, Golfbälle abzulecken. Das Discofinger-Syndrom wurde erstmals 1979 bei einer 17-Jährigen festgestellt, die beim Tanzen ständig mit den Fingern schnippte.

Es gibt sogar einen Fachbegriff für das Erfinden neuer Krankheiten, "Disease Mongering". Neu ist zum Beispiel "Orthorexia nervosa", der krankhafte Drang, nur gesunde Lebensmittel zu essen. Da kenne ich mehrere Fälle, würde aber eher von einem "Spleen" sprechen. Kürzlich bin ich auf die Krankheit "Sissi-Syndrom" gestoßen. Sie tauchte erstmals 1998 in der Anzeige eines Pharmaunternehmens auf, das auch gleich ein Medikament dagegen anpries, Paroxetin. Das Sissi-Syndrom geht mit Sprunghaftigkeit, Hyperaktivität und Stimmungsschwankungen einher. Zumindest Stimmungsschwankungen hat jeder Mensch aufzuweisen, den ich im Leben jemals kennengelernt habe. Bei Leuten, die jahrelang tagein, tagaus immer in der gleichen Stimmung sind, würde ich, als Laie, "Exitus" diagnostizieren. Bei dem Wissenschaftsautor Jörg Blech habe ich die Information gefunden, dass es sich bei den "Wechseljahren des Mannes" wahrscheinlich um eine Erfindung handelt. Männer werden im Lauf der Zeit älter, dies immerhin darf als bewiesen gelten.

Ich möchte betonen, dass viele Leute mit solchen Diagnosen echte Beschwerden haben und wirklich leiden. Fraglich ist nicht das Leid, sondern die Diagnose. Fest steht aber auch, dass, sobald eine neue Krankheit in der Zeitung steht, diese Krankheit vom Publikum gut angenommen wird und sich reichlich Patienten finden. Insofern glaube ich, dass ein bisschen Ignoranz, ein bisschen Sport und Aspirin nicht die schlechteste Gesundheitsvorsorge darstellen.

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