Ingenieurinnen: "Meine Herren ...!"

Erst mal klarmachen, dass man nicht die Sekretärin ist: Zwei Ingenieurinnen berichten, wie es ist, in einer Männerwelt zu arbeiten.

DIE ZEIT: Wann haben Sie das letzte Mal gedacht, im nächsten Leben möchte ich ein Mann sein?

Judith Apold: Das habe ich noch nie gedacht.

Moniko Greif: Die Frage stellt sich mir nicht. Mir genügte die Erfahrung, von einem Mann mit "Guten Tag, Herr Greif" angeredet zu werden. Das ist zwar schon 30 Jahre her, aber der Lieferant konnte sich damals einfach nicht vorstellen, dass eine Frau vor ihm stand, obwohl ich mit langen Haaren recht weiblich aussah.

ZEIT: Passiert das heute auch noch?

Greif: Eher nicht, aber selbstverständlich ist es noch lange nicht, dass wir als Frauen in einem Männerberuf arbeiten.

ZEIT: Ärgern Sie sich denn oft über Ihre männlichen Kollegen?

Greif: Ich ärgere mich über Bürokraten, Karrieristen und inkompetente Wichtigtuer ohne Mumm, unabhängig vom Geschlecht.

Apold: Wenn ich mit Zulieferern zum ersten Mal zu tun habe, merke ich oft, wie sie nur mühsam registrieren: Ah, das ist ja gar nicht die Sekretärin, da steht Diplomingenieur auf der Visitenkarte. Dann kommt es schon mal vor, dass die Gespräche zunächst nur in Richtung der männlichen Kollegen geführt werden. Aber dann muss man einmal deutlich machen: Ich bin hier die Projektleiterin!

ZEIT: Wie kommt man als Frau auf die Idee, Maschinenbau zu studieren?

Apold: Ich dachte nach der Schule, ich mach einfach das, was ich besonders gut kann, und das waren Physik und Mathe.

Greif: Ich war in der Schule in allem gut außer in Sport und Musik, wäre aber zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, eine Sprache zu studieren. Ich fand nach einem Praktikum am Maschinenbau faszinierend, dass ich an der Herstellung eines realen Produkts mitarbeite.

ZEIT: Wie reagierten Eltern und Freunde auf den Berufswunsch?

Greif: Ich war die Erste in unserer Familie, die Abitur gemacht hat. Mir kam der Bildungsaufbruch Ende der sechziger Jahre sehr entgegen, es gab damals diese Stimmung: Es ist alles möglich. Du kannst alles werden. Meine Mutter hatte die Vorstellung, dass ich Handarbeits- und Kunstlehrerin werde. Sie selbst war handwerklich sehr begabt und betrieb eine Maschinenweberei. Als Kind bin ich dort immer herumgesprungen. Angst vor Maschinen hatte ich also keine. Trotzdem waren meine Eltern – beide Kaufleute – eher skeptisch, haben mich aber unterstützt. Auf dem Arbeitsamt sagte man mir allerdings: Oh Gott, als Mädchen Maschinenbau zu studieren, das geht doch nicht! Da musst du ein Gießereipraktikum machen, und die haben dort nicht mal Toiletten oder eine Umkleide für Mädchen.

Apold: Meine Eltern sind keine Naturwissenschaftler oder Techniker. Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen. Bei uns spielten alle mit Puppen und alle mit Lego. Ich wollte immer wissen, wie die Dinge genau funktionieren. Die Sendung mit der Maus habe ich nie versäumt. Am besten fand ich die kleinen Filme, die zeigten, wie bestimmte Produkte hergestellt wurden.

ZEIT: Wie wurden Sie in der Schule unterstützt?

Apold: Ich habe in der Schule nie erlebt, dass ich als Mädchen Nachteile hatte. Ich hatte Physik als Leistungskurs. Da war ich nur mit zwei anderen Mädchen drin, das war zwar auffällig, aber die Lehrer haben das nie zum Thema gemacht. Außerdem gab es bei uns an der Schule richtigen Handwerksunterricht. Wir hatten eine Schlosserwerkstatt und absolvierten dort quasi die Inhalte des ersten Jahres einer Schlosserlehre. Da war es zum Maschinenbau nicht mehr so weit.

Greif: Das ist natürlich ein Traum, solche Möglichkeiten zu haben. Ich ging auf ein Mädchengymnasium, aber in eine mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse mit sehr guten Lehrern. Von den Jungs außerhalb der Schule musste ich mir trotzdem anhören: Was kann man denn auf einer Mädchenschule schon lernen?

ZEIT: Empfanden Sie die Schule denn als Vorteil?

Greif: Es ist gut, wenn die Lehrer gar nicht erst in Versuchung geraten, Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu machen. Aus Studien weiß man ja, dass das selbst in der heutigen Schule noch passiert. Zum anderen kommt es eben nie zu dieser Konkurrenzsituation zwischen Jungen und Mädchen, in der viele Mädchen dann gerade in der Pubertät sagen: Wenn ich in Mathe und Physik gut bin, dann gelte ich vielleicht als unweiblich und bin für die Jungen weniger attraktiv. Oft nehmen sich die Mädchen in dieser Zeit dann absichtlich zurück in diesen Fächern, unterdrücken ihren Spaß und ihre Leidenschaft.

ZEIT: Wann haben Sie sich zum ersten Mal als Exotinnen gefühlt?

Apold: Als ich in Bochum mit dem Studium anfing, da waren wir unter 10 Prozent Frauen in meinem Semester. Der Lehrkörper bestand nur aus Männern, und die Professoren begrüßten uns mit: "Guten Morgen, meine Herren". Manchmal schauten sie dann zu uns und fügten ein "...ach ja, und meine Damen" hinzu.

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