Poproman "untitled"Ein Pamphlet für den Ernst

Was ist aus dem Poproman geworden? Rainald Goetz, selbst ein früher Popautor, freut sich über Joachim Bessings Roman "untitled". von Rainald Goetz

Freund ist der, vor dem man erschrickt. Der einen erkennt, sieht, selbst erschreckt zurückstößt und sagt: "Was ist denn aus dir geworden!"

Es war in Tutzing, bei Maxim Billers Todestagung über Pop und Literatur, irgendwann vor hundert Jahren, wir sprangen auf der Wiese vor dem Tutzinger Tagungsschloss aufgeregt voreinander und umeinander herum, besonders aufgeregt war Joachim Bessing, er hatte einen weichen Pulli in rosaner Farbe an, quirlte und funkelte und schrie mich plötzlich an: "Ih! Wie riechst du denn? Aramis! So hat mein Großvater gerochen!" Und ich zuckte zusammen und schämte mich.

Anzeige

Gestern sagte Joachim Bessing dem Magazin DE:BUG: "Ich mag Parfüme, eigentlich Düfte generell. Ich finde es wichtig, dass alles gut riecht. Damit meine ich nicht unbedingt parfümiert, aber ich bin für Wohlgerüche empfänglich."

Cover "untitled"

"untitled" von Joachim Bessing ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.  |  © Kiepenheuer & Witsch

Das sinnliche Erfahren der Welt, eine hochgereizte Nervosität für Körper und für die von dort ausgesendeten Signale: Ekel, Weltabscheu und Sehnsucht nach Schönem, nach schönen Dingen, schönen Menschen, nach "Beauty", wie Joachim Bessing in untitled (siehe Rezension in: ZEIT Nr. 12/13) immer wieder schreibt: vielleicht ist diese Art Fundamental- und Extrem-Erotik, das Besessensein von Körpern, gerade für die hochabstrakte Kunst, mit Worten der Schrift die Welt zu erfassen und zu erzählen, die wichtigste Voraussetzung, wichtiger als Denken, Sprache, Interesse, Wissen.

Joachim Bessing hat mit untitled eine glühende Streitschrift für die Nervosität geschrieben, nicht nur für die Liebe, das auch, ein hysterisches Pamphlet für den Ernst, so durchgeknallt und eigenartig, dass ich täglich nachgucke auf Google News: wo bleiben die Hymnen, die großen Rezensionen?

Der Roman hat eine unfassbar simple, nichtssagende Story: Mann liebt Frau. Die Frau ist verheiratet und will es bleiben. Der Mann – ein Icherzähler, so angenehm nah am Autorich Bessing dran, dass man vernünftig über Stilisierung und Erfindung, über parareale Fiktionalisierung nachdenken kann, dauernd auf diesen Gedanken nebenher beim Lesen gestoßen ist: was ist da wirklich geschehen? – dieser Mann will aber von der Liebe zu der Frau, die ihn auch, auf Distanz und in selbstbestimmter Dosierung, zurückliebt, keinesfalls lassen, denn in dieser Liebe erfährt er erstmals etwas über DIE Liebe, über Liebe an sich, darin über sich selbst.

untitled ist das radikalste Icherforschungsbuch, nahe am Irrsinn, kann man sagen, seit Strindberg die Liebe dazu benützt hat, sich von ihr zerreißen, zerstückeln zu lassen, um so, im Ichruin, Erkenntnis zu finden über das, was man ist als Mensch. Dabei ist Bessings Buch der Kaputtheit heiter und hell, verdrogt, abgerissen und verkommen und, am allerschönsten, unfassbar zeitgenössisch. Endlich wieder mal ein Buch von heute, für heute. Endlich wieder mal ein echter Poproman. Was auch heißt: das Buch klingt gut, weil Sound und Sprachaufmerksamkeit und Sprache stimmen.

Als einziger von uns früheren Popautoren hat Joachim Bessing es auf sich genommen, weiterhin ein Leben in der Gegenwart zu leben. Mit den Neuheiten der Dinge, der Mode, der Kontakttools und Gadgets, auch der Musik. Die Gewalt dieser Dinge hält man nur aus, wenn man selber, naturgegeben von der Frühe des Lebensmoments, von Jugend und Aufbruch ins Dasein, gewaltbereit und kraftberstend diesen Gewalten des Neuen begeistert entgegentritt. Auf quasi jeder Seite dieses Romans wird man mit Informationen beballert, von denen man noch nie gehört hat, hochinteressant alle, denen man im Internet vielleicht genauer nachgehen wird, ein vor Innerlichkeit bebendes Buch, gespickt mit einem irrwitzigen Reichtum an Weltdaten und Äußerlichkeiten.

Alles, was Joachim Bessing über die Liebe sagt und denkt, ist kompletter Unsinn. Auch das erhöht sehr die Freude beim Lesen, dass man mit diesem Buch und seinem Autor dabei dauernd streitet. Die Heftigkeit des Vortrags, die Monomanie, die Egozentrik: falsch! Grandios! Weit hinten, auf Seite 237, nimmt das Buch im Kapitel ON DARLING STREET eine extrem unerwartete, alles aufreißende Wendung, die hier nicht verraten werden soll. Twittert und sendet es aus, hinaus in die Welt: Joachim Bessing, untitled, Roman!

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • drohne
    • 11. April 2013 22:43 Uhr

    https://www.bic-media.com/dmrs/widget.do?layout=singlepage&buyButton=no&...

    Bei Stichprobenlektüre: Scheint ganz schön langweilig zu sein ... Macht müde.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Google | Liebe | Rainald Goetz | Roman
Service