Thailand : Mach mir den Tiger

Magische Tattoos versprechen Kraft und ein langes Leben. Im thailändischen Tempel Bang Phra kann man sie sich stechen und einmal im Jahr neu mit kosmischer Energie aufladen lassen. Unser Autor Johannes Strempel hat beim traditionellen Wai-Khru-Festival selbst die Haut hingehalten.
Beim diesjährigen Wai-Khru-Festival in Bang Phra, nahe Bangkok: Die Tätowierten geraten in Ekstase und fühlen sich dabei wie ein Affe, Elefant oder Vogel. © Ralf Tooten/laif

Der Tiger ist erwacht. Sein Knurren, guttural und bösartig, lässt die Leute um mich herum zusammenfahren, einige drehen den Kopf, um zu sehen, woher die Bedrohung kommt. Drei Reihen hinter uns hat sich ein hünenhafter Mann erhoben, der rasierte Schädel glänzt vor Schweiß, die Augen sind nach oben verdreht. Er senkt den Kopf, knurrt erneut, krümmt die Hand wie eine krallenbewehrte Tatze, während er in gebückter Haltung voranpirscht – ein Raubtier auf Beutezug im Dschungel. Ein Tiger.

Es ist der Auftakt zu einer Welle von Verwandlungen. Überall auf dem Platz springen jetzt Männer in Ekstase vom Boden auf, manche klatschen in die Hände und kreischen wie aufgebrachte Affen, andere mutieren zu Elefanten und bahnen sich trompetend ihren Weg, menschliche Vögel breiten ihre Schwingen aus, ein Mann ist zum Krokodil geworden und kriecht auf allen vieren über den staubigen Grund. Alles strebt dem Podium an der Stirnseite des Platzes zu, wo das heilige Wasser aufbewahrt wird und die schwarze Statue eines Mönchs lächelnd ins Nirgendwo blickt. Einige sprinten so schnell sie nur können nach vorn, ohne Rücksicht auf die um sie Sitzenden, andere bewegen sich wie eingefroren, mit zombiehafter Langsamkeit. Es ist wie eine Mischung aus Die Nacht der lebenden Toten und Bundesjugendspielen.

Kurze Zeit später kehrt der Mann, der zum Tiger wurde, an seinen Platz zurück, nun ein erschöpfter Koloss von Mensch mit verlegenem Gesichtsausdruck. Er trägt Shorts und ein kurzärmeliges Hemd, seine Haut ist mit Tätowierungen bedeckt – vom Hals bis zu den Fersen buddhistische Symbole, Schriftreihen, Tierabbildungen. Er spricht mit leiser Kinderstimme. Sein Name sei Tor, sagt er, und obwohl er wie ein zu jeder Gemeinheit fähiger Türsteher aussieht, ist er Lehrer von Beruf. Als ich ihn frage, was da eben mit ihm passiert sei, antwortet er: "Es beginnt mit einer gewaltigen Hitze im ganzen Körper. Das Herz hämmert, das Blut rast in den Adern. Ich versuche, die Kontrolle zu behalten, aber es geht nicht. Das sak yant ist stärker als ich." Tor zeigt auf den sich aufbäumenden Tiger, der auf seine Wade tätowiert ist. "Das magische Tattoo. Es verwandelt mich. Ich werde zu ihm."

Tor hat sich den Tiger schon vor Jahren hier in Wat Bang Phra stechen lassen, einer Tempelanlage gut 50 Kilometer nordwestlich von Bangkok. Magische Tätowierungen versprechen Kraft und ein langes Leben, sie verheißen Glück und gute Geschäfte, schützen vor Unfällen und Geistern, aber ihre Wirkungsdauer ist begrenzt. Man muss sie regelmäßig mit neuer Energie füllen. "So wie man eine Batterie auflädt", sagt Tor. Deshalb kehrt er einmal im Jahr hierher zurück, um am Wai Khru teilzunehmen, einem großen Fest, das übersetzt "Ehre den Lehrer" bedeutet und in diesem Jahr auf einen Samstag Ende März fällt.

Der religiöse Kult der Tätowierungen

Tausende Tätowierte sind seit Sonnenaufgang auf den fußballfeldgroßen Platz vor dem Tempel geströmt, um ihren sak yants in Gebet und Meditation neue Kraft zuzuführen. Als ich mich von Tor verabschiede und mich wieder in der Menge niederlasse, ist es gerade halb neun Uhr am Morgen, noch eine Stunde bis zum Beginn der eigentlichen Zeremonie, aber die Sonne glüht bereits, und die Gläubigen sitzen dicht an dicht in der sirrenden Hitze. Nach ein paar Minuten sehe ich eine vertraute Gestalt vorbeistürmen. Tor hat erneut den Kampf gegen eines seiner Tattoos verloren. Er ist jetzt ein Adler – mit verzerrtem Gesicht und weiten Flügelschlägen eilt er über den Platz, bereit, sich im nächsten Moment in die Lüfte zu erheben.

Magische Tätowierungen gibt es seit Jahrtausenden in Südostasien, ein uralter Kult aus Elementen des Buddhismus, Hinduismus und animistischer Religionen. Viele Mönche und Heiler verstehen sich auf deren Anfertigung, aber die Männer von Bang Phra sind in ganz Thailand berühmt für ihre Kunstfertigkeit. Tag für Tag arbeiten die 37 Mönche des Tempels mit der Nadel, vom frühen Morgen bis zum Nachmittag. Zu Ruhm in der westlichen Welt brachte es das Kloster im Jahr 2003, als Angelina Jolie anreiste, um sich ein ha taew, die "fünf heiligen Linien", auf das linke Schulterblatt stechen zu lassen.

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