Draußen, auf den Straßen von Rangun, rasen moderne japanische Geländewagen auf vier Spuren vorbei. Busse aus koreanischer Produktion und chinesische Laster pusten schwarze Abgase in die Luft. Drinnen spricht Ralf Wiegand über das Land, in dem er seit drei Jahren lebt: Myanmar, den momentan interessantesten Markt Südostasiens. Er vertritt dort die Interessen der Fritz Werner Industrie-Ausrüstungen GmbH aus Hessen. Wiegand, 54, ist manchmal ganz schön verwundert über dieses Land.

Als er ankam, galt das Land als eine der schlimmsten Militärdiktaturen der Welt. Als ein Schurkenstaat wie Nordkorea. Sein Arbeitgeber hatte dennoch als eines von wenigen westlichen Unternehmen jahrzehntelang mit den Diktatoren zusammengearbeitet, ihnen Waffen und Munition für die Aufrüstung geliefert. 2010 aber gab die Militärführung die Macht ab, nun steht Myanmar auf der Schwelle zur Demokratie, und alles sieht anders aus. Wiegand soll neue Aufträge heranholen, und das ist plötzlich gar nicht mehr so einfach. Wegen neuer Konkurrenten – und wegen der Geschichte des eigenen Unternehmens im Land.

Seit Kurzem zählt der Staat, der an Bangladesch, China, Indien, Laos und Thailand grenzt, zu den angesagtesten Märkten der Region. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten belohnten den Reformkurs im Land und setzten im Mai 2012 die meisten Sanktionen gegen Myanmar aus. Gleichzeitig vereinfachte das Regime den Marktzugang für ausländische Unternehmen.

Jetzt ist also jede Menge Konkurrenz im Land. Auch Konzerne aus Japan, Südkorea und Singapur. Auch westliche Firmen, sehr wenige, aber immerhin ein paar deutsche Unternehmen aus der Schiffahrts- oder Tourismusbranche. Myanmar ist reich an Erdgas, Kohle, Hölzern, Metallen und Edelsteinen. Der Wettkampf um Förderlizenzen und Aufträge hat begonnen. Die Infrastruktur wird verbessert, Anlagen für die Erdgasförderung sollen entstehen, Pipelines gebaut, die Häfen vergrößert werden. Es geht um Aufträge in Milliardenhöhe.

Das Unternehmen Fritz Werner gehört hier also nun zu den Veteranen vor Ort. Delegationen auch der deutschen Wirtschaft reisen im Moment gern zur Markterkundung nach Rangun, und viele Besucher kommen bei Ralf Wiegand mit Fragen vorbei. Wenige Deutsche kennen sich in dem südostasiatischen Land so gut aus wie er. Man trifft sich dann in der Repräsentanz von Fritz Werner und dem heutigen Mutterkonzern Ferrostaal; sie hat schon bessere Zeiten gesehen. Im Konferenzraum hängt ein vergilbtes, verblasstes Foto der Firmenzentrale in Geisenheim an der Wand. Das Büro liegt neben einem der wenigen modernen Einkaufszentren in Rangun, in der Nähe der berühmten Schwedagon-Pagode. Vor dem goldverzierten Tempel bessern Arbeiter die Straße aus – überall in der Stadt wird gebaut.

Das alte Regime ließ Proteste auch mit deutschen Waffen niederschießen

Wiegand erzählt dann begeistert von den Perspektiven Myanmars. Über die Vergangenheit seines eigenen Arbeitgebers schweigt er aber lieber. Schließlich wurde Fritz Werner in den vergangenen Jahren immer wieder von Menschenrechtsgruppen für dessen Engagement in Myanmar kritisiert – und das macht die Geschäfte im neuen Myanmar nicht leichter.

Das Unternehmen kam in den 1950er Jahren in das ehemalige Birma. Damals gab es nach der Kolonialzeit eine kurze Demokratiephase. 1962 putschte General Ne Win. Er ergriff die Macht und verteidigte sie in den folgenden 26 Jahren brutal. Seine Sicherheitskräfte sperrten Hunderte politische Gegner ein, Tausende Menschen flohen ins Exil. Parteien wurden verboten, die Presse- und die Versammlungsfreiheit wurde eingeschränkt. Die Militärjunta schottete Birma ab und benannte das Land in Myanmar um.

Fritz Werner arbeitete dennoch weiter mit dem Regime zusammen. General Ne Win war ein Freund des Unternehmens. Er besuchte häufig die Fritz-Werner-Zentrale in Geisenheim. Fritz Werner plante die Europareisen des Diktators und organisierte seine Arzttermine.