Es ist 15.27 Uhr am 4. November 2011, als André Emingers Handy zum dritten Mal innerhalb von acht Minuten klingelt. Er hört die Stimme von Beate Zschäpe, außer Atem, aufgeregt. Vor weniger als vier Stunden haben sich ihre Kameraden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt umgebracht. Jetzt hat sie die gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand gesteckt.

Eminger weiß, er ist der Einzige, den Beate Zschäpe noch anrufen kann, ihn, den treuesten Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Sie kennen sich seit 1998, dem Gründungsjahr der Neonazibande. Eminger war es, der für die drei Terroristen die erste konspirative Wohnung in Chemnitz mietete, der ihnen Bahncards besorgt und Wohnmobile für zwei Banküberfälle und ein Attentat beschafft haben soll. Jetzt will Beate Zschäpe, dass er ihr bei der Flucht hilft.

Bevor André Eminger sich auf den Weg macht, schreibt er seiner Frau Susann eine SMS. Der Inhalt muss so brisant sein, dass beide die Kurznachricht später wieder löschen. Eminger setzt sich in seinen schwarzen VW Golf, wenige Minuten später steigt Beate Zschäpe am Platz der Völkerfreundschaft zu. Die beiden fahren ins Umland und wieder zurück in die Stadt. Offenbar halten sie eine Flucht per Bahn nun für aussichtsreicher. Eminger setzt Zschäpe am Hauptbahnhof ab. Sie bricht zu einer viertägigen Irrfahrt durch Deutschland auf, am Ende stellt sie sich in Jena der Polizei.

Am Mittwoch beginnt in München der wohl aufsehenerregendste Prozess, den es in Deutschland gegeben hat, seit vor fast 40 Jahren die RAF-Spitze in Stuttgart-Stammheim vor Gericht stand. André Eminger wird dann neben Beate Zschäpe auf der Anklagebank sitzen – als wichtigster Unterstützer von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, die in den Jahren 2000 bis 2007 zehn Menschen ermordet haben sollen.

Eminger wird Beihilfe zum versuchten Mord, zur gefährlichen Körperverletzung, zum Raub und zum Herbeiführen einer schweren Sprengstoffexplosion vorgeworfen sowie Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Sein Anwalt Herbert Hedrich sagt der ZEIT: "Diese Vorwürfe beruhen bloß auf Vermutungen." Vor Gericht werde sein Mandant "weder Piep noch Papp sagen".

Im Mittelpunkt des Verfahrens wird Beate Zschäpe stehen, aber ohne André Eminger und die anderen drei Mitangeklagten sowie rund 20 weitere mutmaßliche Helfer wären die monströsen Taten unmöglich gewesen. Laut einer Liste der Ermittler stand der NSU mit 129 Personen in Kontakt.

Es war nicht so, dass da drei Nazis losgelöst vom Rest der Welt in den Untergrund gingen. Die Terroristen waren gut aufgehoben in einem nationalsozialistischen Milieu, das ihre Verbrechen begünstigte, begrüßte – und teilweise überhaupt erst ermöglichte.

Dies ist das Porträt zweier 33-jähriger Zwillingsbrüder, die prototypisch für dieses Milieu stehen. Der eine, André Eminger, ist ein Antisemit, der sich seinen Judenhass in Form der Wörter "Die Jew Die" ("Stirb, Jude, Stirb") auf den Bauch tätowieren ließ. So nah stand er dem NSU, dass die Ermittler ihn anfangs für den Urheber der Bekennervideos hielten.

Der andere, Maik Eminger, lebt ein Leben, wie Adolf Hitler es sich von jeder deutschen Familie wünschte: mit germanischen Bräuchen, traditionellem Liedgut und Hakenkreuz im Wohnzimmer. Eine direkte Verbindung zum NSU konnte ihm nicht nachgewiesen werden.

André und Maik Eminger wollten nicht mit der ZEIT sprechen. Auch ihre Eltern und die beiden Geschwister schweigen. Aber mithilfe von Polizeiakten, den Zeugenaussagen von Nazikameraden, Arbeitskollegen und Freunden sowie Gesprächen mit Lehrern, Sozialarbeitern und Nachbarn lässt sich das Leben der Emingers rekonstruieren.

Die Geschichte der Brüder beginnt im Erzgebirge, in einer Stadt wie aus einem Eisenbahnbausatz. Hügel, Nadelbäume, Schienen, ein Flüsschen. Ende März liegt hoher Schnee in Johanngeorgenstadt, auch rund um den größten frei stehenden Schwibbogen der Welt, dem Stolz der Stadt. Ganz in der Nähe gibt es die "Hartz-IV-Bar", in der jedes Getränk einen Euro kostet. Auf einem Schild wird "dringend" nach "1-€-Schoppern" gesucht.

Die Zwillinge sind talentierte Skispringer

Johanngeorgenstadt siecht vor sich hin. Die Hälfte der einst 10.000 Einwohner ist abgewandert, Häuser stehen leer. "Mit der Wende gab es den absoluten Crash", sagt Dieter Eberhart. Er war Direktor der Mittelschule, auf der André und Maik Eminger 1996 ihren Realschulabschluss machten. Eberhart, ein kleiner, rotgesichtiger Mann, sitzt in seiner Küche und beschreibt, wie nacheinander die volkseigenen Betriebe geschlossen wurden, die Textilfabrik, die Schuh- und Handschuhfabrik, die Werkzeugmaschinenfabrik.

Die Zwillinge sind talentierte Skispringer

Bekannte der Familie erzählen, dass auch die Emingers zu den Verlierern gehörten. Zu DDR-Zeiten ist der Vater eine lokale Berühmtheit, Skispringer in der B-Nationalmannschaft. Das Ehepaar Eminger lebt mit seinen vier Kindern in einem grauen Haus am Waldrand, sie haben sich in der DDR eingerichtet.

Nach der Wende arbeitet der Vater auf dem Bauhof der Gemeinde, schippt Schnee, die Mutter geht putzen.

André und Maik Eminger sind elf, als der Staat ihrer Kindheit aufhört zu existieren. Sie sehen, wie ihre Eltern kämpfen müssen, wie Nachbarn und Bekannte ohne Arbeit dastehen.

Erwachsene, die den Jugendlichen ein Vorbild sein könnten, suchen jetzt selbst ihren Platz in der Gesellschaft. Polizei, Jugendamt und Staatsschutz sind mit dem eigenen Wiederaufbau beschäftigt. Auf einmal stehen Parolen wie "Ausländer raus" und "Deutschland den Deutschen" auf Mauern und Hauswänden.

Anfangs eifern die Brüder ihrem Vater nach, sind talentierte Skispringer, wie der Schuldirektor Eberhart erzählt, doch Mitte der Neunziger rasieren sie sich die Haare ab, wie so viele andere. Reno R., ein ehemaliger Schulfreund der Emingers, sagt der Polizei, die rechte Einstellung habe zum guten Ton gehört, ansonsten sei man ein Außenseiter gewesen und habe auf die Mütze bekommen.

Nach der Grundschule gehen die Zwillinge aufs Gymnasium, wo sie nicht lange mithalten. Sie wechseln auf die Mittelschule, landen bei Eberhart im Gemeinschaftskunde-Unterricht. Fremdenfeindliche Sprüche hätten sie dort nie geklopft, sagt er, "sie waren keine Rabauken". Nur dass sie Bomberjacken trugen, habe jeder im Ort sehen können.

Erkundigt man sich heute in Johanngeorgenstadt nach den Eminger-Brüdern, ist es, als stelle man eine unanständige Frage. Türen werden vor der Nase zugeschlagen, einer knallt den Hörer auf, sobald er den Namen Eminger hört, andere schütteln nur wortlos den Kopf. Eine ehemalige Lehrerin der beiden sagt: "Müssen Sie denn hier jetzt auch noch recherchieren?"

Dann aber steht ein Mann in Jogginghose und T-Shirt vor seiner Haustür, vier Grad unter null – er zittert nicht. Günter M., der ehemalige Klassenlehrer der beiden, war Skispringer, wie der Vater der Emingers, ein Mann, der die Kälte gewohnt ist. Noch heute, mit fast siebzig Jahren, steht er da wie zum Absprung bereit: der Körper drahtig, kraftvoll.

Günter M. hat André und Maik zwei Jahre lang unterrichtet, in Geschichte und Sport. Er hat keine Scheu zu reden, doch er sagt: "Dass die Nazis sind, hätte ich nicht gedacht."

Der ältere Bruder von André und Maik, ein Handwerker, der gegenüber der Polizei angibt, er habe ein gutes Verhältnis, aber keine innige Beziehung zu den beiden, sagt, dass es damals eine Gruppe von Glatzen gegeben habe. Die seien aber nicht wirklich rechts gewesen.

Es ist, als hätten sich die Einwohner eines ganzen Ortes darauf verständigt, dass es bei ihnen keine Nazis gab. Vielleicht wären André und Maik Eminger auch anderswo überzeugte Rechtsradikale geworden. In Johanngeorgenstadt aber hat sich ihnen niemand in den Weg gestellt.

Nur wenige ihnen Nahestehende geben Auskunft, wie die Brüder damals wirklich dachten: André sei der extremste Rechte im Freundeskreis gewesen, Maik dagegen sei nicht so krass drauf gewesen, sagt Reno R., der alte Schulfreund.

André sei irgendwie ein Spinner gewesen, leicht beeinflussbar, sagt der Schwager der beiden der Polizei, Maik sei intellektueller, ein Anhänger des Deutschtums.

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre fängt Maik Eminger an, sich für Germanenkult, völkische Ideen und Rassenkunde zu interessieren. André hört lieber rechtsextreme Musik von Störkraft und den Zillertaler Türkenjägern. Bei einem Skinheadkonzert lernt er 1998 den Neonazi Max-Florian B. kennen. In dessen Wohnung in Chemnitz ist das NSU-Trio nach Erkenntnissen der Ermittler das erste halbe Jahr nach der Flucht aus Jena im Januar 1998 untergetaucht. Dort hatte die Polizei in der Garage von Beate Zschäpe eine Bombenwerkstatt entdeckt.

B. nimmt seinen neuen Freund mit in seine Wohnung. Hier trifft André Eminger das erste Mal auf Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

André ist beeindruckt – diese Leute schimpfen nicht, sie wollen töten

Der 19-jährige André scheint beeindruckt von den drei älteren Kameraden, die nur nachts das Haus verlassen. Bevor er die Wohnung betritt, befehlen sie ihm, den Handy-Akku aus dem Telefon zu nehmen, damit er nicht geortet werden kann. Sie sind keine Skinheads, die saufend und grölend durch die Straßen ziehen. Der NSU schimpft nicht bloß auf Ausländer. Er will sie töten.

Es ist eine Begegnung, die André Emingers Leben verändert. Die drei Thüringer Terroristen werden seine Freunde. Eminger ist der einzige Kamerad aus der Untergrundzeit, der ihnen fast 14 Jahre lang die Treue hält. Bis zum Ende.

Chemnitz ist damals eines der deutschen Zentren von Blood & Honour (B & H), einem europaweiten Netzwerk gewaltbereiter Neonazis. Hier haben Skins ein Musiklabel gegründet, das die Band Landser produziert, die erfolgreichste Rechtsrock-Gruppe in Deutschland. Mithilfe von Konzerten und CDs verbreiten die Mitglieder von B & H ihre braune Ideologie. Der bewaffnete Arm der Gruppe bekämpft Ausländer, Homosexuelle und politische Gegner nach dem Zellenprinzip des "führerlosen Widerstandes", das sich später der NSU aneignet. Blood & Honour wird für mehrere Sprengstoffanschläge in Belgien und England verantwortlich gemacht, bei denen drei Migranten sterben. Bekannte von Blood & Honour sind es, die den NSU-Terroristen nach dem Gang in den Untergrund Zuflucht gewähren.

André Eminger will Mitglied werden in dem elitären Bund. In seinem Zimmer hängt eine Flagge mit Keltenkreuz, 1999 verlässt ihn seine damalige Freundin, weil André in seinen Ansichten und Äußerungen immer rassistischer und fremdenfeindlicher geworden sei, wie Anja S. später den Ermittlern sagt.

André Eminger ist jetzt ein überzeugter Skinhead. In einem Verhör des Militärischen Abschirmdienstes, dem während Emingers Bundeswehrzeit im November 1999 dessen Gesinnung auffiel, gibt er unumwunden zu, dass er sich die Worte "Blut und Ehre" habe tätowieren lassen, weil er die militärische Leistung der SS bewundere.

Maik und Sylvia Eminger geben ihren fünf Kindern germanische Namen

Ende der Neunziger wohnen die Brüder noch bei ihren Eltern in Johanngeorgenstadt, in dem Haus am Waldrand, aus dem die älteren Geschwister längst ausgezogen sind. An den Wochenenden ist André oft in Chemnitz unterwegs.

Im April 1999 bitten ihn die drei untergetauchten Kameraden zum ersten Mal um Hilfe. Sie brauchen eine Wohnung. Eminger, der gerade seine Lehre als Maurer abgeschlossen hat, unterschreibt den Mietvertrag für 40 Quadratmeter in einem Chemnitzer Plattenbau. Das Trio zieht sofort ein. Von dem neuen Quartier aus startet es seine ersten Überfälle auf Postfilialen. Zu diesem Zeitpunkt geht es darum, Geld zu beschaffen, die späteren Morde vorzubereiten. Noch ist der Name Eminger keinem Verfassungsschützer ein Begriff.

Das ändert sich bald. André Eminger kommt hoch motiviert von seinen Ausflügen nach Chemnitz zurück, mit seinem Bruder Maik baut er eine eigene Kameradschaft auf, zu Hause, in der Provinz. Sie geben sich den martialischen Namen "Weiße Bruderschaft Erzgebirge (WBE)". Ihr Motto: "White Pride heißt unsere Relegion" (sic!). Die knapp 20 Mitglieder träumen von einer "weißen Revolution".

Die Zwillinge diktieren die Regeln der Bruderschaft, die sich "sehr nach rassistischen Maßstäben richten", wie sie selbst in einem Interview mit einer Zeitschrift der Neonaziszene sagen. Drogen und Alkohol sind tabu. Die Gruppe trägt schwarze Stiefel, weiße T-Shirts und ein schwarzes Armband mit dem WBE-Schriftzug. Das ist ihre Uniform. André Eminger lässt sich das Logo der Kameradschaft auf den linken Arm tätowieren.

Im Jahr 2000 beobachtet der Verfassungsschutz ein Treffen der WBE, auch Matthias D. ist dabei. Er wird später auf Vermittlung von André Eminger die konspirativen Wohnungen des NSU in Zwickau anmieten. Das Netzwerk des NSU, es wächst mithilfe von André Eminger, der ständig Kontakt zu dem untergetauchten Trio hält.

Maik und Sylvia Eminger geben ihren fünf Kindern germanische Namen

Mundlos und Böhnhardt ändern in dieser Zeit ihre Taktik. Nach den ersten Raubzügen waren sie auf einem alten DDR-Moped S50 geflüchtet, das erscheint ihnen nun zu riskant. Künftig wollen sie mit einem Wohnmobil nahe an den Tatort heranfahren, die letzten Meter mit dem Fahrrad zurücklegen und danach wieder im Wohnmobil verschwinden, bis die Rasterfahndung der Polizei beendet ist.

Laut Anklageschrift mietet André Eminger im November 2000 ein Wohnmobil, das die NSU-Männer benutzen, um eine Postfiliale in Chemnitz auszurauben. Vier Wochen darauf bestellt er einen weißen Fiat-Caravan. Damit fahren Mundlos und Böhnhardt kurz vor Weihnachten 2000 nach Köln. In einer Christstollendose platzieren sie eine Bombe in einem Lebensmittelgeschäft. Wochen später explodiert sie. Die deutsch-iranische Tochter des Ladeninhabers überlebt schwer verletzt und liegt wochenlang im Koma.

Maik und André organisieren derweil monatliche Treffen ihrer Bruderschaft, veranstalten einen Konditionsmarsch und geben das Szenemagazin The Aryan Law & Order heraus, in dem sie über die Physiognomie der "arischen Rasse" schreiben, Skin-Bands interviewen und Bücher besprechen. Zum Beispiel den in Deutschland inzwischen verbotenen Roman Die Turner-Tagebücher, in dem der amerikanische Nationalsozialist William Pierce empfiehlt, Rassenkonflikte durch gezielte Verbrechen kleiner Gruppen anzuheizen. Es liest sich wie eine Blaupause für die Taten des NSU.

Ende 2002 löst sich die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" auf. Maik Eminger zieht nach Niedersachsen, verlässt seine Heimat mit den Worten: "Das ist mir alles zu niveaulos hier." Das erzählt der Sozialpädagoge Michael S., der damals Kontakt zu ihm hatte. "Der Maik war kein Nazi-Dummkopf", sagt S., der seit 2001 als Streetworker in Johanngeorgenstadt arbeitet. Maik Eminger habe stets versucht, sich von seinen Gesprächspartnern etwas abzuschauen, zu lernen. Mehr will S. nicht sagen, er hat schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht. Ein Fernsehteam habe sogar Hakenkreuze an eine Garagenwand gesprüht, um zu illustrieren, wie braun verseucht der Ort ist.

Während Maik Eminger als Tätowierer in den Westen geht, bleibt André in Sachsen, zieht nach Zwickau, dorthin, wo auch die Terrorzelle jetzt ihren Wohnsitz hat. Im Job läuft es nicht besonders. Mal arbeitet er als Maurer, dann wird er arbeitslos, fährt Lkw, wird wieder arbeitslos. Später macht er sich als Webdesigner selbstständig, versucht, per Internet Jacken und "T-Hemden" zu verkaufen. In fünf Jahren erhält er fast 40.000 Euro als Unterstützung vom Arbeitsamt. Privat hat er mehr Glück.

Auf einer Party lernt André Eminger ein Skingirl kennen und verliebt sich in die schlanke, große Frau, die auf dieselbe Musik steht wie er. Für sie lässt er sich "Susann" in geschwungenen Lettern auf den Rücken tätowieren. Schnell ziehen sie zusammen, heiraten in seiner Heimat. Trauzeuge ist sein Bruder Maik.

Der arbeitet in Niedersachsen inzwischen verbissen an dem Ziel, ein perfekter Deutscher zu werden. In der Nähe von Hildesheim knüpft er Kontakt zu Blood-&-Honour-Größen. Der Verfassungsschutz hat Maik Eminger zwei Jahre lang, von 2003 bis 2005, auf dem Schirm. Im Blick der Beamten ist auch Sylvia K., Maik Emingers spätere Ehefrau.

Mindestens sechsmal nehmen die beiden an Veranstaltungen der "Artgemeinschaft Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung" teil, einer völkisch-neuheidnischen Neonaziorganisation um den mittlerweile verstorbenen Holocaustleugner und NPD-Anwalt Jürgen Rieger. Altvordere der Szene vermitteln dort den Nachwuchsnazis ihre Vorstellungen eines deutschen Lebens. Die "Artgemeinschaft" propagiert die "gleichgeartete Gattenwahl" als "Gewähr für gleichgeartete Kinder".

Sie werden als normale Familie wahrgenommen

Maik und Sylvia Eminger hängen der Blut-und-Boden-Ideologie der NSDAP an und glauben, dass ein echter Deutscher nur auf seiner eigenen Scholle glücklich wird. 2005 zieht das Paar nach Brandenburg, in acht Jahren bekommen sie fünf Kinder, denen sie germanische Namen geben. Einen ihrer Söhne nennen die Emingers mit drittem Namen Adolf.

Auch André und Susann Eminger in Zwickau bekommen Kinder, zwei Söhne. Die Familien besuchen sich, zu Weihnachten gestaltet André Grußkarten mit einem Hakenkreuz. Bekannten schickt er SMS, die mit "heil" oder "ein erfolgreiches kampfjahr" enden. Freunden schickt er eine Einladung zu einer Führung durch die Burg Schönfels bei Zwickau: "Je nachdem wie die Stimmung ist, werden wir selber singen, natürlich alte HJ-Lieder, wie es sich für Nationalsozialisten gehört."

Jedes Jahr organisieren Maiks und Andrés Eltern ein großes Familientreffen in Johanngeorgenstadt, zu dem nicht nur die Zwillinge, sondern auch die beiden anderen Geschwister mit ihren Familien kommen: der Bruder und die ältere Schwester, eine Rechtsanwaltsgehilfin. Beide haben mit der Naziszene nichts zu schaffen. Einmal beginnt Maik auf der Terrasse eine Grundsatzdiskussion über das "Dritte Reich". Sein Schwager bittet ihn, damit aufzuhören. Als Maik weiter fabuliert, wird der Schwager laut, er ist kurz davor, zuzuschlagen, wie er den Ermittlern später sagt. Erst als die Schwester darum bittet, das Geschrei bleiben zu lassen, legt sich der Streit.

Später bekommt die Schwester per E-Mail ein Foto von ihrem jüngeren Bruder geschickt, auf dem ein Hakenkreuz zu sehen ist. Sie retuschiert es weg, bevor sie ihren Kindern das Bild von Onkel Maik zeigt.

André Eminger gibt sich in der Öffentlichkeit unauffällig, seitdem sein erster Sohn geboren wurde. Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel weichen mittellangem Haar, Kinnbart und einfachen Turnschuhen. Seine wahren Ansichten trägt er auf der Haut: Neben dem judenverachtenden Tattoo hat er ein Horst-Wessel-Porträt auf der Brust, eine "Schwarze Sonne" aus drei übereinandergelegten Hakenkreuzen am Bein, einen Wehrmachtssoldaten am Arm.

Der Versuch, als normale Familie wahrgenommen zu werden, gelingt. Bekannte beschreiben André und Susann Eminger als sehr kinderlieb. Sie seien ruhige, stille Hausbewohner gewesen, sagen die Nachbarn in Zwickau. Auch der Vorstand der Kleingartenanlage Heimattreue e. V. kennt sie nur als unauffällige Pächter.

Mit ihrer scheinbaren Normalität verhindern André und Susann Eminger, dass ein Verdacht auf das NSU-Trio fällt, das in Zwickau mehr als ein Jahrzehnt lang wenige Kilometer entfernt von ihnen lebt. Fast jede Woche besucht Susann Eminger ihre Freundin Beate Zschäpe. Sie bringt die Kinder mit, die bei Zschäpe in der Badewanne plantschen und mit ihr und den Katzen zum Tierarzt gehen. Im Zwickauer Brandhaus findet die Polizei später eine Lego-Kamera, einen Spielzeughubschrauber, ein Kinderfahrrad und ein Foto, das Zschäpe und Susann Eminger Arm in Arm zeigt.

Die Freundschaft zu den Emingers rettet den NSU im Winter 2006. Zu diesem Zeitpunkt hat das Trio bereits elf Banken überfallen und eine beispiellose Blutspur in ganz Deutschland hinterlassen. 800 Zinknägel zerfetzten 2004 die Haut von 22 überwiegend türkischstämmigen Männern und Frauen in der Kölner Keupstraße. Im Sommer 2006 verblutete der 21-jährige Halit Yozgat hinter dem Tresen seines Internetcafés in Kassel, Böhnhardt und Mundlos hatten ihm zweimal in den Kopf geschossen. Auch die acht vorherigen Opfer starben durch Schüsse ins Gesicht.

An einem Dezembermorgen 2006 klingelt es in der Wohnung, in der sich die Untergetauchten verstecken. Beate Zschäpe öffnet, vor ihr steht ein Polizist. Es geht um einen Einbruch bei einem Nachbarn. Der Beamte bittet Zschäpe um eine Zeugenaussage. Sie stammelt, sie habe keine Zeit.

Sie wird auf die Polizeiwache geladen, um dort auszusagen, ob sie etwas von dem Einbruch mitbekommen habe. Aber Zschäpe ist das einzige Mitglied der Terrorzelle, das keinen gefälschten Personalausweis besitzt. Sie steckt in der Klemme.

André Eminger hilft. Er gibt ihr den Ausweis seiner Frau Susann und begleitet Zschäpe auf die Wache. Nach einer Dreiviertelstunde darf das vermeintliche Ehepaar Eminger wieder gehen, der Polizist hat die Lüge geglaubt. Näher kam die Polizei den Terroristen in all den Jahren nie. Ohne die Unterstützung von André Eminger wäre der NSU damals wohl aufgeflogen.

Dabei ist André Eminger den Behörden in Sachsen seit den Jahren der "Weißen Bruderschaft" kein Unbekannter. Im März 2003 sprechen ihn Beamte des Verfassungsschutzes an. Sie wollen ihn als V-Mann werben. Eminger antwortet, er sei ausgestiegen, und seine Familie sei jetzt das Wichtigste in seinem Leben. Weitere Gespräche lehne er ab, sagte er den Verfassungsschützern.

Die Beamten glauben ihm. Zwei Jahre später organisiert Eminger eine Rassenkundeschulung für 40 Neonazis. Auf Fotos, die 2007 aufgenommen wurden, zeigt er den Hitlergruß. 2011 findet das LKA auf seinem Rechner eine Hakenkreuzfahne und Hitler-Bilder. Sein Kundenkennwort bei seinem Mobilfunkanbieter lautet: "HorstWessel".

Während André Eminger den NSU unterstützt, macht sich Maik in der Naziszene einen Namen als Wander-Tätowierer. Er gilt als vielseitig, hat Kunden in Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Auch André und dessen Freunde lassen sich bei ihm tätowieren. Maik Eminger aber trägt seine Ideologie noch auf anderen Wegen in die Welt.

Der Vater sagt zu Freunden: "Meine Jungs kommen nicht in den Knast"

Auf einer Website, deren Inhalte nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden teilweise Maik Eminger zuzuschreiben sind, heißt es unter anderem, das deutsche Volk bestehe "nur noch aus Völker- und Rassenbastarden bzw. aus erbkranken Individuen". Der einzige Ausweg sei "der Nationale Sozialismus", der "nur durch fortgesetzte und dauernde Erziehung angestrebt, erreicht und erhalten werden kann".

Für viele junge Nazis ist Maik Eminger zu dieser Zeit eine Führungsfigur

Maik ist an der Produktion mehrerer Flugblätter beteiligt, auf einem fordert er: "Zukunft statt BRD – Dieses System bringt uns den Volkstod". Auf einem anderen Flugblatt, das bei einer Hausdurchsuchung bei Maik Eminger gefunden wurde, ist der ehemalige Fußballnationalspieler Gerald Asamoah abgebildet. "Nein Gerald, Du bist nicht Deutschland – Du bist BRD" steht darüber. Die Verteilung eines Flugblatts, auf dem ein Deutscher mehrere "jüdische Finanzspekulanten" in einen Abgrund tritt, bringt Maik Eminger 2006 eine Strafanzeige ein, er wird zu einer Geldstrafe verurteilt.

Die Brüder halten Kontakt zueinander, gemeinsame Aktionen gibt es aber nach Erkenntnissen von Sicherheitskreisen nicht. Maik, heißt es, behandelt seinen Bruder oft von oben herab. Er hält André für "unbedarft und doof", und das lässt er ihn auch spüren. In einem Telefonat, das die Behörden kurz vor der Festnahme abhören, erzählt André von einer Türkin, die mit seiner Susann bekannt sei. Maik regt sich maßlos auf und weist André scharf zurecht, dass das nicht in Ordnung sei.

Für viele junge Nazis in Sachsen und Brandenburg ist Maik Eminger zu dieser Zeit eine Führungsfigur. "Er hatte Ausstrahlung auf den Nachwuchs", heißt es aus Sicherheitskreisen. 2008 wird er Stützpunktleiter der Potsdamer Jungen Nationaldemokraten, des militanten Nachwuchsflügels der NPD. Für seine Kameraden veranstaltet er wöchentlich Lesezirkel, sie müssen Begriffsdefinitionen pauken, "Rasse", "Volksgemeinschaft", "Art".

Als einer von Maiks wichtigsten "Jüngern" gilt Marcel Guse, ein ehemaliger Potsdamer NPD-Stadtverordneter. Im Internet kursiert ein Foto von Guse. Lächelnd steht er vor dem Holocaust-Mahnmal in Berlin und hält sich die Nase zu.

Der Weg zu Guse führt über holprige Straßen. In einem schmalen Wohnhaus auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Großbetriebs im Süden Brandenburgs öffnet ein Mann mit jungenhaftem Gesicht die Tür. Als er den Namen Maik Eminger hört, strahlt er, als habe man ihm eine Reise in die Südsee geschenkt. Dann sagt er mit der Freundlichkeit eines Hotelportiers: "Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag, auf Wiedersehen." Guse winkt, dann schließt er die Tür.

Unweit der Wohnung von Marcel Guse, in dem 125-Seelen-Dorf Grabow, kaufen Maik Eminger und seine Frau im Jahr 2008 einen verwitterten Hof. Hier, zwischen Birken und Fichten, finden sie ihre Scholle. Sie mauern die offenen Seiten des Grundstücks zu, bauen sich ihre eigene kleine germanische Festung.

Hier wollen Maik und Sylvia Eminger die nächste Generation Neonazis großziehen, keines der fünf Kinder kommt in den Kindergarten. Sylvia Eminger, die früher auf Gedenkmärschen und Szenekonzerten unterwegs war, wird zum Heimchen, sie backt, kocht, strickt. Es gibt Hakenkreuz-Plätzchen, aber keinen "Elektrojuden". In der Sprache der Emingers ist dies das Wort für Fernseher.

Maik und Sylvia Eminger laden regelmäßig Gäste ein, zur Sommersonnenwende und zum Erntedankfest. Die Frauen tragen dann Trachten und geflochtenes Haar, die Männer Zunftkleidung. Sie singen völkische Lieder und hissen germanische Flaggen. Ansonsten bemühen sich Maik und Sylvia Eminger um Unauffälligkeit, genau wie André und Susann. Lehrer beschreiben sie als liebevolle Eltern mit "aufgeweckten und ehrgeizigen" Kindern.

Zu den anderen Dorfbewohnern in Grabow haben die Emingers wenig Kontakt, Maik hilft mit, wenn Holz fürs Osterfeuer gesammelt oder der Dorfteich gesäubert werden muss. Danach geht er schnell wieder heim. "Die sind hergekommen, um ihr eigenes Leben zu leben", sagt Grabows ehemaliger Ortsvorsteher Rudi Augustin. Er sitzt auf einer Bierbank in seinem Gartenhäuschen, früher hat er hier eine Vereinskneipe betrieben. Über der Theke prangt noch das Bierwerbeschild: "Rex Pils Potsdam". Zum Herrentag kamen 200 Leute.

Augustin erzählt von jenem Tag Ende November 2011, als das Dorf aus seiner Idylle gerissen wird. Die Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt laufen, in etwas mehr als einer Woche soll es losgehen. Auch Sylvia Eminger und ihre Kinder basteln Puppen für das Krippenspiel.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind zu diesem Zeitpunkt seit 20 Tagen tot, Beate Zschäpe sitzt in Untersuchungshaft. André Eminger, der ihr bei der Flucht half, weiß, dass die Ermittler hinter ihm her sind. Zwei Tage zuvor haben sie ihn befragt. Eminger gab an, er sei seit 13 Jahren aus der Naziszene ausgestiegen. Einem Freund schwor er beim Leben seiner Kinder, er habe mit der Sache nichts zu tun. Auch gegenüber den Eltern beteuerte er seine Unschuld. Sein Vater sagt Freunden der Familie: "Meine Jungs kommen nicht in den Knast."

Dann flieht André Eminger doch mit seinen Söhnen nach Grabow, weil er fürchtet, dass seine Lügen auffliegen, weil er Angst hat, dass die Polizei nicht nur ihn, sondern auch seine Frau verhaften könnte. Bei seinem Bruder Maik und seiner Schwägerin sieht er seine Kinder in guten Händen.

Es ist 6.28 Uhr am 24. November 2011, als die GSG 9 mit mehr als 20 Beamten das Gehöft stürmt. André Eminger schläft noch. Unter dem ausziehbaren Sofa im Wohnzimmer, auf dem er liegt, finden die Beamten eine Plastiktüte mit 3.835 Euro. Anderthalb Stunden lang durchsuchen sie das Haus, bevor sie André Eminger in Handschellen abführen und mit dem Hubschrauber zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe fliegen.

Noch am selben Tag sagen die Grabower ihren Weihnachtsmarkt ab. Nur der Gottesdienst findet statt, mit einer Schweigeminute für die Opfer des NSU.

Maik und Sylvia Eminger gehen nicht hin.