Maik ist an der Produktion mehrerer Flugblätter beteiligt, auf einem fordert er: "Zukunft statt BRD – Dieses System bringt uns den Volkstod". Auf einem anderen Flugblatt, das bei einer Hausdurchsuchung bei Maik Eminger gefunden wurde, ist der ehemalige Fußballnationalspieler Gerald Asamoah abgebildet. "Nein Gerald, Du bist nicht Deutschland – Du bist BRD" steht darüber. Die Verteilung eines Flugblatts, auf dem ein Deutscher mehrere "jüdische Finanzspekulanten" in einen Abgrund tritt, bringt Maik Eminger 2006 eine Strafanzeige ein, er wird zu einer Geldstrafe verurteilt.

Die Brüder halten Kontakt zueinander, gemeinsame Aktionen gibt es aber nach Erkenntnissen von Sicherheitskreisen nicht. Maik, heißt es, behandelt seinen Bruder oft von oben herab. Er hält André für "unbedarft und doof", und das lässt er ihn auch spüren. In einem Telefonat, das die Behörden kurz vor der Festnahme abhören, erzählt André von einer Türkin, die mit seiner Susann bekannt sei. Maik regt sich maßlos auf und weist André scharf zurecht, dass das nicht in Ordnung sei.

Für viele junge Nazis in Sachsen und Brandenburg ist Maik Eminger zu dieser Zeit eine Führungsfigur. "Er hatte Ausstrahlung auf den Nachwuchs", heißt es aus Sicherheitskreisen. 2008 wird er Stützpunktleiter der Potsdamer Jungen Nationaldemokraten, des militanten Nachwuchsflügels der NPD. Für seine Kameraden veranstaltet er wöchentlich Lesezirkel, sie müssen Begriffsdefinitionen pauken, "Rasse", "Volksgemeinschaft", "Art".

Als einer von Maiks wichtigsten "Jüngern" gilt Marcel Guse, ein ehemaliger Potsdamer NPD-Stadtverordneter. Im Internet kursiert ein Foto von Guse. Lächelnd steht er vor dem Holocaust-Mahnmal in Berlin und hält sich die Nase zu.

Der Weg zu Guse führt über holprige Straßen. In einem schmalen Wohnhaus auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Großbetriebs im Süden Brandenburgs öffnet ein Mann mit jungenhaftem Gesicht die Tür. Als er den Namen Maik Eminger hört, strahlt er, als habe man ihm eine Reise in die Südsee geschenkt. Dann sagt er mit der Freundlichkeit eines Hotelportiers: "Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag, auf Wiedersehen." Guse winkt, dann schließt er die Tür.

Unweit der Wohnung von Marcel Guse, in dem 125-Seelen-Dorf Grabow, kaufen Maik Eminger und seine Frau im Jahr 2008 einen verwitterten Hof. Hier, zwischen Birken und Fichten, finden sie ihre Scholle. Sie mauern die offenen Seiten des Grundstücks zu, bauen sich ihre eigene kleine germanische Festung.

Hier wollen Maik und Sylvia Eminger die nächste Generation Neonazis großziehen, keines der fünf Kinder kommt in den Kindergarten. Sylvia Eminger, die früher auf Gedenkmärschen und Szenekonzerten unterwegs war, wird zum Heimchen, sie backt, kocht, strickt. Es gibt Hakenkreuz-Plätzchen, aber keinen "Elektrojuden". In der Sprache der Emingers ist dies das Wort für Fernseher.

Maik und Sylvia Eminger laden regelmäßig Gäste ein, zur Sommersonnenwende und zum Erntedankfest. Die Frauen tragen dann Trachten und geflochtenes Haar, die Männer Zunftkleidung. Sie singen völkische Lieder und hissen germanische Flaggen. Ansonsten bemühen sich Maik und Sylvia Eminger um Unauffälligkeit, genau wie André und Susann. Lehrer beschreiben sie als liebevolle Eltern mit "aufgeweckten und ehrgeizigen" Kindern.

Zu den anderen Dorfbewohnern in Grabow haben die Emingers wenig Kontakt, Maik hilft mit, wenn Holz fürs Osterfeuer gesammelt oder der Dorfteich gesäubert werden muss. Danach geht er schnell wieder heim. "Die sind hergekommen, um ihr eigenes Leben zu leben", sagt Grabows ehemaliger Ortsvorsteher Rudi Augustin. Er sitzt auf einer Bierbank in seinem Gartenhäuschen, früher hat er hier eine Vereinskneipe betrieben. Über der Theke prangt noch das Bierwerbeschild: "Rex Pils Potsdam". Zum Herrentag kamen 200 Leute.

Augustin erzählt von jenem Tag Ende November 2011, als das Dorf aus seiner Idylle gerissen wird. Die Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt laufen, in etwas mehr als einer Woche soll es losgehen. Auch Sylvia Eminger und ihre Kinder basteln Puppen für das Krippenspiel.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind zu diesem Zeitpunkt seit 20 Tagen tot, Beate Zschäpe sitzt in Untersuchungshaft. André Eminger, der ihr bei der Flucht half, weiß, dass die Ermittler hinter ihm her sind. Zwei Tage zuvor haben sie ihn befragt. Eminger gab an, er sei seit 13 Jahren aus der Naziszene ausgestiegen. Einem Freund schwor er beim Leben seiner Kinder, er habe mit der Sache nichts zu tun. Auch gegenüber den Eltern beteuerte er seine Unschuld. Sein Vater sagt Freunden der Familie: "Meine Jungs kommen nicht in den Knast."

Dann flieht André Eminger doch mit seinen Söhnen nach Grabow, weil er fürchtet, dass seine Lügen auffliegen, weil er Angst hat, dass die Polizei nicht nur ihn, sondern auch seine Frau verhaften könnte. Bei seinem Bruder Maik und seiner Schwägerin sieht er seine Kinder in guten Händen.

Es ist 6.28 Uhr am 24. November 2011, als die GSG 9 mit mehr als 20 Beamten das Gehöft stürmt. André Eminger schläft noch. Unter dem ausziehbaren Sofa im Wohnzimmer, auf dem er liegt, finden die Beamten eine Plastiktüte mit 3.835 Euro. Anderthalb Stunden lang durchsuchen sie das Haus, bevor sie André Eminger in Handschellen abführen und mit dem Hubschrauber zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe fliegen.

Noch am selben Tag sagen die Grabower ihren Weihnachtsmarkt ab. Nur der Gottesdienst findet statt, mit einer Schweigeminute für die Opfer des NSU.

Maik und Sylvia Eminger gehen nicht hin.