Als Carsten S. von seiner Vergangenheit eingeholt wurde, so erzählt er es seinem Anwalt, stand er in seiner Küche. Er weinte. Carsten S. konnte nicht glauben, dass da auf einmal wieder diese andere, alte Wirklichkeit war. Die Wirklichkeit, das war doch jetzt sein Leben mit seinem Freund, die gemeinsame Wohnung in Düsseldorf, die Arbeit bei der Aids-Hilfe. Er war doch jetzt Carsten, der Sozialpädagoge. Carsten, der in Schwulenkneipen Kondome und Informationsblätter über HIV verteilte.

13 Jahre zuvor aber war er Carsten aus der rechten Szene von Jena.

Wenn vom 17. April an Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte vor Gericht stehen, sitzt auch Carsten S. auf der Anklagebank. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord. Er hat damals die Waffe besorgt, eine Česká, Modell 83, Waffennummer 034678, Kaliber 7,65 mit Schalldämpfer und Munition.

Seinem Anwalt Jacob Hösl sowie einem Psychiater und mehreren Ermittlern hat S. von seiner rechtsextremen Vergangenheit erzählt, davon, dass er damit längst abgeschlossen hatte, als er an jenem Tag Anfang November 2011 einen Spiegel TV- Bericht über den NSU sah. Carsten S. kannte die Gesichter, die da auf dem Bildschirm auftauchten. Ihm dämmerte, dass er damals in Jena einen viel größeren Fehler begangen hatte, als er dachte.

Was sollte er jetzt tun? Abwarten? Zur Polizei gehen? Oder hatte das alles doch nichts mit ihm zu tun? Diese Fragen seien ihm durch den Kopf geschossen. Carsten S. spricht mit seinem Freund. Der sagt: "Du brauchst einen Anwalt." Über drei Monate hinweg nähert sich S. daraufhin in Gesprächen mit dem Kölner Verteidiger Jacob Hösl nach und nach seiner eigenen Vergangenheit. S. will auspacken, doch er wartet noch auf den rechten Zeitpunkt. Die Polizei kommt ihm zuvor: Am 1. Februar 2012 gegen sechs Uhr morgens stehen Beamte der GSG 9 vor seiner Wohnung.

33 Jahre alt ist S. heute. Als er die Waffe für Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe besorgte, war er 19 und gehörte seit zwei Jahren zur rechten Szene. In der Verhandlung wird es nun um die Frage gehen, ob S. damit rechnen konnte, dass das Trio Morde plante. Und, wenn das Gericht die Frage bejaht: ob die Tat die eines Jugendlichen oder die eines Erwachsenen war, ob S. also mit maximal zehn Jahren Haft oder mit "lebenslänglich" rechnen muss. Möglicherweise wird es als strafmildernd zählen, dass er ein Geständnis abgelegt hat und erzählt, was er weiß.

Carsten S. lebt heute an einem geheimen Ort, den nicht einmal sein Anwalt und seine Familie kennen. Seine Arbeit hat er verloren. Persönlich kann man nicht mit ihm sprechen, denn er ist in Gefahr. Für die Ermittler ist er eine der wichtigsten Quellen, für die rechte Szene aber ein Verräter.

Carsten S. ist eine tragische Figur. Seine Geschichte ist die eines jungen Mannes, der früh merkt, dass er sich von Jungs angezogen fühlt, und damit überall aneckt. Carsten S. unterdrückt sein Verlangen. Bei den Rechten, von denen es zu der Zeit in Jena viele gibt, spürt er das erste Mal Anerkennung. Es ist eine harte Männerwelt, mit rasierten Schädeln, viel Leder und schwarzen Stiefeln. Es sind die Männer, die ihn anziehen. Die Ideologie, so sagen es frühere Weggefährten, sei ihm nicht so wichtig gewesen.

Carsten S. wurde 1980 in Neu-Delhi geboren, wo der Vater als Außenhandelsvertreter arbeitete. Gegenüber einem Psychiater beschreibt S. ihn als sehr streng. Die Mutter, stets besorgt um die Kinder, konnte sich gegen den Vater offenbar nicht durchsetzen.

Auf die beiden Erwachsenen in seinem Leben kann sich der Junge nicht verlassen, nicht in Neu-Delhi, nicht in Jugoslawien, wo die Familie zwischenzeitlich wohnt, und nicht in Jena, wohin sie zurückkehrt, als Carsten vier ist.

In der Schule wird er gemobbt und als "Mädchen" gehänselt. Carsten S. glaube heute, erzählt sein Anwalt, dass seine Mitschüler merkten, dass er schwul war. Zu Hause wird er gedemütigt. Als er den Film My Private Idaho aufnimmt, in dem es um zwei Stricher geht, nimmt der Vater ihm die Videokassette weg.

Wenn er alleine gewesen sei, habe er an Jungen gedacht, nicht an Mädchen, erzählt er später einem Psychiater. Er habe gehofft, dass das vorbeigeht. Aber es geht nicht vorbei.

Carsten S. macht die mittlere Reife und beginnt eine Lehre zum Fahrzeuglackierer. In der Berufsschule verliebt er sich in einen Mitschüler, der rechts eingestellt ist. Um ihm nahe zu sein, rasiert sich S. den Schädel, kauft sich eine Bomberjacke, eine Armeehose und Springerstiefel. Er besorgt sich Infomaterial der NPD. Im Dunstkreis der Partei findet er mit 17 Jahren endlich Anschluss: bei Jungs, die gemeinsam zu Demos fahren, an der Tanke abhängen, Party machen, Plakate kleben, sich prügeln, die Scheiben einer Dönerbude einwerfen, Musik von den Zillertaler Türkenjägern hören. Dabei mag er viel lieber Technomusik, Abba und Boney M.

Egal. Diese Zeit kommt ihm vor wie ein endloser Klassenausflug mit lauter gut aussehenden jungen Männern. Carsten S. steigt nun schnell auf: zum stellvertretenden Vorsitzenden des NPD-Kreisverbandes Jena und stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Jungen Nationaldemokraten. Er mag das einfache Weltbild, das keine komplizierten Fragen nach Identitäten aufwirft, und: Endlich schauen andere zu ihm auf. In Schulungen erklärt er ihnen, was es heißt, rechts zu sein. Für ihn selbst heißt es vor allem: das Schwulsein zurückzudrängen.