Daniela Dahn

"Nach der Enthüllung der Verbrechen war es für mich unheimlich, in einem Deutschland leben zu sollen, in dem von den konkreten Personen unabhängige, rein rassistisch motivierte Morde möglich sind und sich über einen längeren Zeitraum unentdeckt wiederholen können. Noch unheimlicher ist nun, hinzunehmen, dass zu den engen Vertrauten der Verbrecher von Anfang bis Ende mindestens 24 V-Leute des Verfassungsschutzes, des Militärischen Abschirmdienstes und der Kriminalpolizei gehörten und es keine Möglichkeit gibt, zu überprüfen, ob die Akten darüber tatsächlich vernichtet wurden oder nicht herausgegeben werden. Fakt ist, dass die Verbrecher über die V-Leute auf Wunsch des Geheimdienstes Geld bekommen haben, mit dem sie sich Sprengstoff, Waffen und Autos besorgen konnten. Es ist gruselig, zu begreifen, dass der Staat zum Zwecke unklarer Fahndungserfolge wissentlich Menschenleben aufs Spiel setzt und sich dafür nicht öffentlich verantworten muss. Der Geheimdienst mitsamt seinen V-Leuten verhöhnt den Rechtsstaat und gehört abgeschafft."

Dahn, 63, Schriftstellerin, war Mitbegründerin des "Demokratischen Aufbruch" in der DDR.

Manuela Schwesig

"Die Anschläge haben die menschenverachtende Ideologie der Rechtsextremen mit aller Grausamkeit gezeigt. Ich erlebe immer wieder, wie sich Rechtsextremisten im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern als Biedermänner aufführen. Das ist zynische Maskerade, hinter der sich das Treiben von Brandstiftern verbirgt. Als das ganze Ausmaß und die Brutalität der Terrorgruppe deutlich wurden, hat mich das darin bestärkt, in meiner politischen Arbeit noch mehr für die Werte der freiheitlichen Demokratie zu werben."

Schwesig, 38, Sozialministerin in Schwerin, ist stellvertretende SPD-Vorsitzende.

Marius Müller-Westernhagen

"Wäre linke Gewalt von den Sicherheitsbehörden unseres Landes genauso lässig behandelt worden wie die, die von Nazis ausgeht, würde die RAF noch immer aktiv sein und hätte man Herrhausen und Ponto wahrscheinlich für Opfer der Finanzmafia gehalten. Angesichts der deutschen Geschichte unerklärlich: Eigentlich müssten wir doch alle besonders alarmiert sein, wenn die Gewalt von rechts kommt!"

Marius Müller-Westernhagen, 64, ist einer der erfolgreichsten deutschen Musiker.

Wolfgang Schäuble

"Die bisher vorliegenden Ermittlungsergebnisse rund um den sogenannten NSU haben mich aufgewühlt. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass es in Deutschland eine rechtsradikale Mordserie geben könnte. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich in unserem Land eine Gruppe Rechtsradikaler formiert, die sich einbildet, Herr über Leben und Tod sein zu können und Menschen wegen ihrer Herkunft zu töten.

Es wird entscheidend darauf ankommen, die Hintergründe der Taten aufzudecken. Nur so können wir alle den Hinterbliebenen der Opfer, denen mein tiefes Mitgefühl gilt, sagen, dass wir alles getan haben, die Schuldigen zu bestrafen und für die Zukunft vorzubeugen. Rechtsradikales Gedankengut und Handeln dürfen keinen Raum in Deutschland haben, und dies müssen wir alle gemeinsam jeden Tag aufs Neue beweisen und leben."

Schäuble (CDU), 70, war bis 2009 Bundesinnenminister und ist nun Bundesfinanzminister.

Anetta Kahane

"Die einfache Antwort ist: Nein. Es hat sich nichts geändert. Nachdem die Taten des ›NSU‹ aufgedeckt wurden, hatte ich Hoffnungen. In die Politik, auch in die Zivilgesellschaft. Aber die zynische Wirklichkeit ist: Es passiert nichts, selbst jetzt nicht. Es gibt einen Hype und eine Debatte, aber in der täglichen Bekämpfung des alltäglichen Rassismus geht nichts voran. Das Schlimme daran ist, dass Leute, die sich lange engagiert haben, jetzt aufhören, weil sie die Nase voll haben. Und ich kann diese Leute verstehen."