Regisseur Jonas MekasBilder, die atmen, zittern, beben

Wie filmt man den Fluss der Zeit, die Schritte eines Kindes? Jonas Mekas hat es versucht. Wien ehrt den Avantgarde-Filmer. von Daniel Nehm

Ein älterer Mann sitzt an einem Tisch, etwas unscheinbar, der Hut wirft einen grauen Schatten über das Gesicht. Er signiert ein Buch nach dem anderen, müde und routiniert, ein abgebrühter, in die Jahre gekommener Künstler, möchte man meinen.

Dann bricht ein Sonnenstrahl durch die Vitrine der kleinen Filmboutique in der Rue du Faubourg-Saint-Martin. Der Mann legt den Stift zur Seite, nimmt sein anderes Werkzeug, sein Instrument, zur Hand, beginnt aufzuzeichnen, einzufangen. Seine Augen wirken nun wachsam und zugleich schüchtern, der Blick eines Kindes, der Blick einer Katze, die die Welt in jeder Sekunde neu für sich entdeckt. Er filmt, und gleichzeitig ist sein Auge schon weiter, suchend, drängend. Er beobachtet die ihn umgebenden Menschen, lässt seinen Blick über den Tisch gleiten, filmt einen geöffneten Granatapfel, ein in ein Buch versunkenes Mädchen. Der neunzigjährige Jonas Mekas, kürzlich mit einer großen Retrospektive im Pariser Centre Pompidou zu Gast, ist kein Filmregisseur, sondern ein filmender Musiker, ein filmender Tänzer.

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Als der litauische Bauernsohn Jonas Mekas in New York ankam, 1949, nach dem Krieg und dem Aufenthalt in einem deutschen Arbeitslager, war er eine displaced person, verloren in der fremden Stadt, aus der Welt gefallen. Nach wenigen Wochen erstand er eine 16-Millimeter-Kamera. Die Bolex, die er fortan stets bei sich trug, wurde sein Instrument, das Filmen weit mehr als eine Leidenschaft, ein Weg der Resilienz, eine Lebensnotwendigkeit.

Seit den fünfziger Jahren filmte er New York, seinen Alltag und seine Familie, seine Freunde, die Allen Ginsberg, John Lennon, Yoko Ono, Andy Warhol oder Stan Brakhage hießen, er filmte in der Form eines fortlaufenden Bildertagebuchs. Zusammengefasst und poetisch verdichtet hat Mekas diese Tagebücher erst Jahre später, in seinen Werken Walden (1969), Lost Lost Lost (1976), oder As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty (2000), die nun im Rahmen einer großen Werkschau im Wiener Filmmuseum zu sehen sind. Dazu versammelt das französische Experimentalfilmlabel Re:Voir seine Hauptwerke, Kurzfilme und Videoarbeiten sowie seinen ersten Spielfilm Guns of the Trees (1962) in einer DVD-Reihe. Selbst wenn nur manche von ihnen deutsch untertitelt sind, lohnt es sich, die Filme dieses radikalen Poeten in der Originalsprache zu sehen.

Ausstellung

Die Retrospektive "Jonas Mekas", in Anwesenheit des Regisseurs, findet bis 26. April im Wiener Filmmuseum statt. Infos unter www.filmmuseum.at

Mekas, Gründer des großen Avantgarde-Filmmuseums Anthology Film Archives und der Zeitschrift Film Culture, leidenschaftlicher Sammler und Verteidiger von Filmkunst, war eine zentrale Figur des New Yorker Undergrounds. Seine Filme mögen dokumentarische Züge tragen, als Blicke eines Kenners und Freundes hinter die Kulissen von SoHo, der Fluxus-Bewegung, Warhols Factory. Im Kern kreist Mekas Werk jedoch wie ein einziger langer Film um zutiefst eigene Gefühle: den Heimatverlust, die Erfahrung des Exils, seelische Häutungen, den Versuch, Boden unter den Füßen zu gewinnen, eine zweite Heimat zu finden, neues und neues und immer wieder neues Wurzelschlagen. Die Kamera als Instrument der Aneignung des anderen und der Distanznahme, die Kamera als Instrument unmittelbaren Ausdrucks. Mekas filmt, um die Essenz eines alltäglichen Moments zu erfühlen, zu ertasten. Aber wie lässt sich diese kurze Berührung mit dem Fluss der Zeit, wie lassen sich der Schritt eines Kindes, einer Katze, ein Vorhang im Wind, das Licht in einer Meeresbucht einfangen und filmisch abbilden, ohne ins Klischee, ins Sentimentale zu verfallen? Ohne im tausendfach Gesehenen schließlich nichts als austauschbare Bilder wiederzufinden.

Der Filmemacher entwickelte eine eigene Technik, die er über Jahrzehnte hinweg mit seiner Bolex praktizierte. Er "schneidet" das Material schon im Dreh, variiert die Aufnahmegeschwindigkeit und die Blende laufend, schießt Einzelbilder, statt durchgehend zu filmen und gibt dem Material dadurch eine elliptische Struktur, den Rhythmus seiner Improvisation. Über die Jahre des regelmäßigen Filmens löste sich auch sein Auge immer mehr vom Sucher, der Film wurde zum Resultat seiner alltäglichen Gesten, seiner Körperbewegung. Mekas selbst hat seine Arbeit mit der eines Free-Jazz-Saxofonisten wie Ornette Coleman verglichen, der sein Instrument quasi blind beherrscht, wenn die Finger genau wissen, was sie tun, wenn sie "kopflos" auf dem Tastenwerk der Seele spielen und fremde, vertraute innere Strukturen und Bilder wiedergeben.

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