Gibt es die optimale Schule? Natürlich nicht! Eine optimale Schule wäre eine Schule, die von jedem Lehrer und jedem Schüler als perfekt empfunden wird. Das ist nicht möglich. Aber nach all dem, was wir aus der Hirnforschung, der Entwicklungs- und der Lernpsychologie wissen, kann man von einem "gehirngerechteren Lernen" ausgehen und im Gegensatz dazu von einem, das den Spielregeln des nachhaltigen Lernens widerspricht.

Was also wäre eine gute Schule? Und wie können wir unsere Schulen besser machen? Das Leistungsniveau steigern bedeutet vor allem eines: nicht schneller lernen und nicht mehr Schulstoff, sondern langsamer lernen, tiefer, eindringlicher, und in jenen Wissensgebieten, die dafür geeignet sind, individueller. Gutes Lernen, so könnte man sagen, ist wie guter Sex: Nicht auf Tempo und Frequenz kommt es an, sondern auf die Eindringlichkeit, die individuelle Variation und den nachhaltigen positiven Effekt auf unsere Psyche. Der Vergleich ist schon deshalb nicht weit hergeholt, weil es sich bei allen Erregungen unseres Gemüts immer um das gleiche Belohnungszentrum handelt, das jedes Mal (mit leichten Unterschieden in den chemischen Cocktails) aktiviert wird.

Man stelle sich also eine Schule vor, bei der unsere Kinder und Jugendlichen von den 100 Prozent Wissensstoff ein paar Jahre später mehr als nur ein Prozent in Erinnerung haben. Eine Schule, in der man so lernt, dass man statt loser Brocken und toter Phrasen Zusammenhänge behält. Kurz: Es geht um ein höheres Bildungsniveau! Doch wie erreicht man das?

1. Kinder wollen lernen

Seit Maria Montessoris Vorstellung vom Kind als "Baumeister seines Selbst" ist es eine kluge Einsicht, Kinder nicht mehr "belehren zu wollen", sondern ihnen zu helfen, sich selbst etwas beizubringen. Dafür gilt als erstes Gebot, die intrinsische Motivation des Kindes nicht zu zerstören, sondern sie zu pflegen und zu fördern. Eine gute Pflege besteht dabei gewiss nicht darin, Kinder mit Angeboten zuzuballern, wie manche Eltern dies heute tun, sondern unter anderem im rechtzeitigen Rückzug der Lernbegleiter. Kinder müssen sich auch einmal langweilen dürfen, allerdings nicht gerade deshalb, weil man sie mit schlechtem Unterricht traktiert. Beim Lernen unterstützend tätig zu werden, das Potenzial eines Kindes zu entfalten, heißt weder, es überfordernd alleinzulassen, noch, es an jeder erdenklichen Stelle zu sichten, es hervorzuzerren und zu vernutzen. Die intrinsische Motivation ist eine sensible Pflanze. Sie stirbt, wenn man sie nicht mit Anregungen gießt, aber man kann sie auch ebenso leicht überdüngen und ertränken.

2. Jedes Kind ist anders

Das zweite Prinzip besteht darin, ein Kind individuell lernen zu lassen. Eine gute Schule muss sich nach den Bedürfnissen, den Begabungen und dem Lerntempo eines jungen Menschen richten und ihn dazu befähigen, dieses Tempo selbst zu steuern. Ob man dazu wie früher in einer Bibliothek stöbert und von Buch zu Buch wandert oder sich heute in den digitalen Labyrinthen des Internets vorwärtsforscht, ist in der Sache letztlich das Gleiche. Nur dass es heute weniger sinnlich, dafür aber erheblich einfacher und schneller geworden ist. Wer auf diese Weise seine Neugier befriedigt und spielerisch lernt, erlebt die Freude der Selbstständigkeit und entwickelt fortschreitend Selbstvertrauen. Was unter diesen psychologischen Umständen gelernt wird, hat weit bessere Chancen, für das Leben erhalten zu bleiben, als das heutige Lernen im standardisierten Klassenzimmerunterricht. Wenn der Lehrer dazu als Coach Hilfestellungen leistet und allzu viele verlockende Ablenkungen unterbindet, ist einem optimalen aufbauenden Lernen keine Grenze gesetzt. Desgleichen gilt für die wechselseitige Hilfe und den Ansporn durch Mitschüler im jahrgangsübergreifenden Unterricht.

3. Vergesst die Fächer

In der Schule gleicht die Welt einem Apothekerschrank, bei dem jede Ausziehschublade ein anderes Etikett trägt: Mathematik, Physik, Biologie, Geschichte oder Englisch. Aber in der Welt außerhalb der Schule hängen all diese Gebiete untrennbar miteinander zusammen. Dieser Zusammenhang wird im heutigen Schulunterricht kaum sichtbar. Die Demarkationsgrenzen zwischen den Fächern hemmen den Erkenntnisgewinn und zügeln die Neugier. Vielmehr kommt es auf das Verstehen von Sinn und Sinnlichkeit der Dinge an und die Zusammenhänge dieser Welt. Vieles lernt sich einfacher und wird besser erinnert, wenn das Lernziel nachvollziehbar ist. So lassen sich viele Bereiche der Geografie, der Geschichte, der Physik, der Chemie, der Biologie, der Ökonomie und der Politik am besten in Projekten verstehen. Zum Beispiel zum Thema "Klimawandel". In so einem Projekt könnte der Erdkundelehrer mit dem Physiklehrer die meteorologischen Verhältnisse aufzeigen und der Politiklehrer die Klima-Kriege in der sudanesischen Darfur-Region darlegen, während die Klasse Argumente und Ideen sammelt und austauscht, welche Lösungen es geben könnte – und zwar des Spaßes und der Übung halber auf Englisch. Auch die Spielregeln unseres Wirtschafts- und unseres Rechtssystems, zwei sträflich vernachlässigte Themen an unseren Schulen, lassen sich in Projekten darstellen und durchspielen.

4. Bildet Lernteams

Auf einen Klassenunterricht, der die Kinder nach dem Alter rekrutiert und sie zwingt, im Gleichschritt dasselbe zu lernen, wird die Schule der Zukunft verzichten. Es ist bekannt, dass Kinder und Jugendliche umso freudiger lernen, je stärker sie sich in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen. Die Frage ist nur, ob dies tatsächlich Jahrgangsklassen sein müssen. Was für die ersten vier bis sechs Schuljahre sinnvoll sein mag, sollte nicht für die gesamte Schulzeit gelten müssen. Spätestens mit dem siebten Schuljahr finden sich Freundschaften auch schnell jahrgangsübergreifend (die älteren Jungen sind ohnehin interessanter für die Mädchen). Wichtiger als das gleiche Alter sind ähnliche Interessen, die sich zu Lernteams organisieren lassen.

5. Vertieft Beziehungen

In einer konventionellen Schule gibt es einen Schulleiter und darunter ein Kollegium von vielleicht hundert Lehrern. Eine intensive Arbeitsbeziehung zwischen Schulleitung und Lehrern entsteht auf diese Weise eher selten oder gar nicht; man kennt sich oft nur flüchtig. Das Gleiche gilt für das Verhältnis von Lehrern und Schülern. Der Chemielehrer, der eine Klasse für ein Jahr unterrichtet und im nächsten Jahr eine andere übernimmt, hat kaum die Möglichkeit, mehr über seine Schüler zu erfahren, geschweige denn sich persönlich für sie verantwortlich zu fühlen. Deshalb ist es notwendig, den Schulkörper zu untergliedern in einzelne Lernhäuser. Von der ersten bis zur zehnten Klasse gehören die Schüler des Zuges A einem Lernhaus an, die Schüler des Zuges B einem anderen und so weiter. Jedes Lernhaus wird von einem Lernhausleiter betreut und verantwortet. Statt aus einem anonymen Lehrerkollegium besteht die Schule nun aus mehreren kleineren Kollegien, die als Teams in den Lernhäusern zusammenarbeiten. Kompetition, die durch den Wegfall des Ziffernsystems nicht mehr innerhalb einer Jahrgangsklasse stattfindet, gibt es jetzt als spielerischen Wettbewerb zwischen den Lernhäusern, die auf Vorleseturnieren oder im Kopfrechnen gegeneinander antreten können.