DIE ZEIT: Herr Precht, lassen sich Bestseller über Bildung nur als Untergangsszenarien und Erlösungsfantasien schreiben?

Richard David Precht: Ich formuliere keine Erlösungsfantasien, sondern konkrete Vorschläge, wie man die Schule heute besser machen kann. Darüber möchte ich eine Debatte auslösen. Deshalb ist das Buch zum Teil mit der Glut des Apostels geschrieben.

ZEIT: Sie schreiben von "Lernfabriken, die Kreativität töten", und warnen, dass man einer Mittelschichtfamilie heute nicht mehr mit gutem Gewissen empfehlen kann, ihr Kind auf eine staatliche Schule zu schicken. Geht’s nicht eine Nummer kleiner?

Precht: Ich habe die Schule mit drei Stiefkindern in Luxemburg durchgemacht und erlebe jetzt gerade die Grundschule meines Sohnes. Und da frage ich mich schon, wie das, was in heutigen Klassenzimmern gang und gäbe ist, noch möglich ist. Etwa dass die Schüler an einem Tag fünf oder sechs verschiedene Fächer haben, die nichts miteinander zu tun haben. Oder dass sie pausenlos Tests und Klausuren schreiben und anschließend das meiste von dem Gelernten wieder vergessen dürfen. Ich glaube, dass das, was unsere Kinder in der Schule lernen, und das, was sie im Leben brauchen, stärker als jemals zuvor auseinanderfallen.

ZEIT: Deutschland ist eine führende Exportnation; unsere Jugendarbeitslosigkeit gehört zur niedrigsten der Welt; deutsche Doktoranden sind an internationalen Spitzenuniversitäten willkommen. Ganz so schlecht können unsere Schulen nicht sein.

Precht: Zum einen gibt es keine Garantie, dass unser Wohlstand noch lange erhalten bleibt. Zum anderen will ich gar nicht ausrechnen, wie viel mehr tolle Ingenieure und fantastische Forscher unser Bildungssystem hervorbringen könnte, wenn wir Schulen hätten, in denen auf Nachhaltigkeit gelernt wird. Es kann doch nicht sein, dass wir mehr als neunzig Prozent von dem, was wir in der Schule lernen, wenige Jahre später vergessen haben. Oder wissen Sie noch, was das Ohmsche Gesetz ist oder der Ablativus absolutus?

ZEIT: Wie viel Faktenwissen bei den Schülern hängen bleibt, ist doch kein Kriterium für Erfolg.

Precht: Von Erfolg kann man angesichts der deutschen Schulmisere nun wirklich nicht sprechen. Sonst wäre es kaum erklärlich, dass jedes Jahr mehr Eltern ihre Kinder an Privatschulen anmelden.

ZEIT: Der Privatschulanteil liegt in Deutschland bei gerade einmal acht Prozent.

Precht: Ich rede von gefährlichen Entwicklungen, die wir heute noch aufhalten können. Seit Bekanntwerden der Pisa-Studie ist die Zahl der Kinder, die in Privatschulen gehen, rasant gestiegen. Wenn das so weitergeht, werden zumindest in der Mittelschicht irgendwann mehr Kinder auf private als auf öffentliche Schulen gehen. Dann haben wir die Zweiklassengesellschaft ab der Grundschule. In so einer Gesellschaft will ich nicht leben. Schon heute gehört Deutschland ja zu den Ländern, in denen sich die Herkunft besonders stark auf den Schulerfolg auswirkt.

ZEIT: In Ihrem Buch schreiben Sie sogar, Deutschland habe eines der schlechtesten Bildungssysteme unter allen Industrienationen der Welt. So viel wir wissen, hat sich unser Schulsystem in vielerlei Hinsicht verbessert. Beim Pisa-Vergleich liegen unsere Schüler inzwischen beim Lesen im Mittelfeld, in Mathe und den Naturwissenschaften im oberen Drittel.

Precht: Wenn Sie mein Buch lesen, wissen Sie, was ich von den Pisa-Untersuchungen halte. Ich glaube nicht, dass man den Bildungsstand einer Nation in einem zweistündigen Test messen kann.

ZEIT: Sie selbst berufen sich doch laufend auf Pisa-Daten, um zu beweisen, wie schlecht die deutschen Schulen sind.

Precht: Ich zitiere Pisa ein paar Mal, und zwar hauptsächlich dort, wo die Studie meiner Meinung nach eine Aussagekraft hat: bei den Sozialdaten. Und die belegen nun einmal eine sehr hohe Abhängigkeit des Schulerfolgs in Deutschland vom Elternhaus. Sollte sich die Situation in jüngster Zeit etwas verbessert haben, freut mich das natürlich.