SteueroasenDie Spur führt nach London

Nicht nur kleine Inselstaaten helfen bei der Steuerflucht. Die Drahtzieher sitzen in den Finanzzentren der Welt. Ein privater Fahnder zeigt, wie man ihnen auf die Schliche kommt. von 

Londons Tower Bridge mit dem Finanzdistrikt Canary Wharf im Hintergrund (Archivbild)

Londons Tower Bridge mit dem Finanzdistrikt Canary Wharf im Hintergrund (Archivbild)  |  © Richard Heathcote/Getty Images

Es hat ungewöhnlich lange gedauert, bis der Detektiv auf die richtige Fährte stieß. Mehrere Wochen lang war Lugano gegen Wände gelaufen, hatte vergeblich versucht herauszufinden, wer hinter diesen zwei merkwürdigen bulgarischen Geschäftsleuten stehen mochte. Beide Herren hatten sich quasi über Nacht angeschickt, einen wichtigen Teil des europäischen Warenverkehrs aufzumischen. Sie boten Logistik und Transporte aus dem Osten der früheren Sowjetunion über Russland und den Balkan bis nach Südeuropa – günstig und so schnell und unbürokratisch, als hätten sie fliegende Lastwagen erfunden, die über die Zollämter entlang des Weges einfach so hinwegsegelten.

Lugano ist einer, der solche Ungereimtheiten aufklärt – nicht für den Staat, sondern gegen Bezahlung. Man kann ihn anheuern, wenn man beispielsweise selbst ein Speditionsunternehmen führt und wissen will, ob man mit dieser neuen Firma Geschäfte machen sollte. Man kann Lugano auch in ganz anderen Fällen beauftragen: etwa dann, wenn ein Schuldner beteuert, dass er kein Geld mehr habe, und man ihm das nicht glaubt. Oder wenn man einem Betrüger aufgesessen ist und noch ein paar Beweise braucht, um vor Gericht zu ziehen. Lugano sagt, dass er auch dort brauchbare Ergebnisse liefere, wo die Fahnder von Staatsanwaltschaften oder Finanzämtern längst aufgesteckt hätten. Lugano hat sich spezialisiert auf Erkundungen in der Welt der internationalen Finanzwirtschaft, er kennt sich aus in den komplizierten Verästelungen des globalen Geschäftemachens.

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Doch in der Sache mit den zwei Wunder-Logistikern vom Balkan kam Lugano nun einfach nicht mehr weiter – und das lag an einem Problem, auf das Fahnder wie er immer wieder stoßen. "Wochenlang hat unser Team alle erdenklichen Informationen über die zwei Herren und ihre Geschäfte gesammelt", erzählt er, "aber wer wirklich hinter ihrer Firma stand, war einfach nicht zu ermitteln." Denn die Spur führte nach Zypern, in eine der verschwiegensten Jurisdiktionen auf der Welt. Die verschiedenen Logistikunternehmen der beiden Geschäftspartner, so viel war noch herauszubekommen, waren zu einer Holdinggesellschaft auf Zypern zusammengefasst, und diese Holdinggesellschaft wiederum gehörte überhaupt keiner richtigen Person mehr – sondern einer anonymen Stiftung, die ebenfalls auf Zypern gemeldet war. Und wem, zum Teufel, gehörte die?

Das britische System

Zentralmacht

Steueroasen und Offshorefinanzzentren stellt man sich meist als idyllische Fleckchen an entlegenen Orten der Weltkarte vor: palmengesäumte Karibikinseln oder winzige Operettenstaaten in den Bergen. Das Bild ist nicht falsch, aber unvollständig: Die City of London gilt Finanzinsidern als die größte Steuer- und Geheimhaltungsoase überhaupt. Großbritannien ist eine Art Zentralmacht der Paradiese, die sich wie Ringe um die Mutternation legen: Kronkolonien, abhängige Territorien und locker angebundene Regionen, die höchste Geheimhaltung wahren, manch zweifelhafte Geschäfte dulden und damit der Londoner Finanzwelt neue Kunden zuführen.

Angriffe

Es gab schon etliche Versuche, Offshorezentren zu schließen, aber trotzdem existieren sie noch. In den neunziger Jahren erklärte die Reiche-Länder-Organisation OECD dem »schädlichen Steuerwettbewerb« einen Krieg, man setzte »unkooperative« Steueroasen auf schwarze Listen. Doch heute ist die schwarze Liste leer. »Ein Witz«, wie ein Branchenexperte kommentiert, denn viele Gebiete befolgten die ihnen auferlegten Regeln nur auf dem Papier. Durchbrüche gab es nach dem 11. September 2001: Die Kontrollen zur Verhinderung von Geldwäsche sind straffer geworden. Und die USA setzen Finanzdienstleister unter Druck, die Amerikanern bei der Steuerflucht helfen.

Ausblick

Kippt die Stimmung? In den USA, Großbritannien und Deutschland nehmen Proteste gegen private Steuerhinterzieher und »steueroptimierende« Konzerne zu. Diese Bewegung richtet sich auch gegen die Steueroasen.

Das US-System

Seit den siebziger Jahren locken US-Banken Kapitalfluchtgelder aus Lateinamerika an, und kürzlich wehrten sich etliche Finanzinstitute erfolgreich gegen die Umsetzung eines Gesetzes, das neue Meldepflichten eingeführt hat. Auch die USA haben einen Ring externer Steueroasen.

Das europäische System

In Kontinentaleuropa und im Mittelmeer findet man eine ganze Reihe klassischer Steueroasen, oft spezialisiert auf große Nachbarländer: zum Beispiel Zypern für die Russen und Madeira für die Portugiesen. Doch auch manch großer Staat fungiert als Offshoreparadies, zum Beispiel die Niederlande für internationale Konzerne

Der Detektiv könnte in einer beliebigen Hauptstadt Europas zu Hause sein, und so soll es in diesem Artikel auch bleiben. Er hat sich gleich mehrfach zusichern lassen, dass weder sein wahrer Name noch die Stadt, in der er arbeitet, zu lesen sind – die ZEIT soll ihn anders nennen, Lugano zum Beispiel, und sogar in den dargestellten Fällen mussten ein paar Details verändert werden, damit man nicht auf ihn schließen kann.

"Sie müssen verstehen, dass wir hier außergewöhnlich vertrauliche Untersuchungen anstellen", sagt er und huscht noch mal kurz hinüber zu dem kleinen Schreibtisch-Ensemble in der Ecke des Raums, den er "meine Zentrale" nennt, um seine E-Mails zu checken. Das macht er ständig, nervös und wachsam. Die Anonymität ist der Preis dafür, dass die ZEIT ihm für diesen Artikel eine Weile über die Schulter schauen durfte.

Was tut man also als Detektiv, wenn eine Spur sich in einem Offshorezentrum verliert? Solche Orte – die Mittelmeerinsel Zypern, der palmengesäumte Südseetraum Vanuatu, das Bergparadies Andorra, die grandiose Hafenkulisse Panama City – werden oft als "Steueroasen" bezeichnet, weil sie reichen Menschen geheime Verstecke für ihr Vermögen bieten. Je nach Schätzung liegen zwischen 8 und 21 Billionen Dollar ausländischer Anlagegelder auf irgendwelchen Konten in diesen exotischen Finanzzentren, viel davon Schwarzgeld, das keiner Steuerbehörde gemeldet ist.

Doch etliche Experten sagen, dass der Begriff "Steueroasen" missverständlich sei, weil Offshorezentren noch viel mehr zu bieten hätten: ein raffiniert aufeinander abgestimmtes System, in dem jede Insel und jeder Operettenstaat ihre bestimmten Teilfunktionen haben, in dem jede Jurisdiktion sich den Rechtsrahmen für ganz spezielle Dienste schafft, von schlichten Nummernkonten bis hin zu kompliziert verschachtelten Steuerstrukturen, von legitim bis kriminell. Eine extreme Form der internationalen Arbeitsteilung.

Wenn man will, kann man heute ein paar Millionen auf ein Bankkonto in Panama einzahlen, als Kontoinhaber aber nicht den eigenen Namen, sondern bloß eine Stiftung auf den Bahamas angeben, deren Stiftungsverwalter wiederum auf der Kanalinsel Guernsey wohnt und somit der Pflicht unterliegt, über Mandanten zu schweigen. Nutznießerin der Stiftung ist vielleicht eine anonyme Firma in einem jener US-Bundesstaaten, wo man Unternehmen gründen kann, ohne einen Personalausweis vorzulegen, im Zweifelsfall also völlig anonym. Der Fantasie der Unternehmensplaner und Steuerberater sind kaum Grenzen gesetzt.

Leserkommentare
    • thbode
    • 11. April 2013 20:07 Uhr

    Soll jetzt hier wieder Nebel geworfen werden? Warum soll es "falsch" sein die klassischen Oasen jetzt unter Kontrolle zu bekommen?
    Wichtig ist vor allem dass überhaupt ernsthaft vorgegangen wird. Wo man anfängt ist doch völlig egal.
    Die Politik, speziell die Steuergestalter-Lobbyisten wie Kubicki, ach was die ganze Bagage, wissen genau Bescheid, auch wenn sie jetzt so überrascht und empört tun. Ihre heimischen Territorien werden sie am zähesten verteidigen, klar. Aber jedes Dominosteinchen im System das fällt ist nützlich.
    Das graue und schwarze Kapital das da herumwabert würde ausreichen um auf einen Schlag alle Staaten zu sanieren. Das wissen unsere allerliebsten Eliten auch. Sie wissen auch dass das was statt findet im Grunde der ewige Kampf der Raffer ganz "oben" gegen den Rest ist, ein Wirtschaftskrieg INNERHALB der Gesellschaften. Und der wird seelenruhig geführt.
    Daher: vermutlich passiert jetzt bzgl. Oasen ebenso viel wie puncto Finanzmarktregulierung, - Kosmetik.

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    lustig, wie die Empörten jetzt wieder nicht merken, wie im Wahlkampf die rotgrüne Position geuppt werden soll.

    Die Verbindung von Verbrechern (Steuerhinterziehern) und Reichen dient als letzte Aufmache für den Umverteilungswahnsinn.
    Die Medien sind vermutlich enttäuscht , dass die Kampagne der SPD bislang nicht eingeschlagen hat.

    Auch der letzte Bürger soll gegen die böse Oberschicht scharf gemacht werden.
    Tragisch

    • fatkat
    • 13. April 2013 11:20 Uhr

    Ich glaube eher, dass Sie derjenige sind, der hier auf Propaganda herein fällt. Inwiefern haben wir bitte eine Umverteilung von oben nach unten? Es ist offensichtlich, dass es in den letzten 15 Jahren eine Umverteilung von unten nach oben gegeben hat - ermöglicht durch Rot Grün und dann weitergeführt von Schwarz Gelb und eine Kursänderung ist nicht in Sicht. Legen Sie mal Ihre ideologisch gefärbte Brille ab

  1. Zumindest mir erscheint das logisch das die Ideen dort entstehen, wo man die Steuern vermeiden will.

    Und wenn das große Geld winkt, dann ist ein Partner der einem den Rücken frei hält sehr schnell gefunden.

    Und das wir, mit unserem "innovativen" Steuerrecht die Sache auch noch unnötig unterstützen, wissen die Verantwortlichen wahrscheinlich schon recht lange.

    Deshalb bin ich auch der Meinung, das ein einzelner Staat gegen die Finanzindustrie keine Chance hat, das klappt m.E. nur in einem Staatenverbund. Aber ob die sich jemals einig werden, das wissen alleine die Götter.

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  2. nimmt uns unseren Schuldigen. Ganz schlechte Kinderstube.

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  3. nun wirklich nicht neu. jeder halbwegs informierte mensch weis das die eigentlichen steueroasen die vsa und london sind.

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  4. "Die Spur führt nach London
    Nicht nur kleine Inselstaaten helfen bei der Steuerflucht."

    Herzlich Willkommen auf dem Kontinent liebe Briten ;)

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  5. Mein indischer Meister M.M.Y. hat schon vor 15 Jahren eine neue weltweite Währung vorgeschlagen, die er Raam nannte, nach dem Gottkönig Rāma, der den zehnköpfigen Offshore-Dämon Ravaṅa besiegte.

    Wenn also die ganzheitliche Intelligenz erstarken sollte (die man in verschiedenen Kulturen unter dem Begriff der Göttlichkeit subsumiert), dann fangen wir am besten neu an - mit e i n e r neuen Währung und mit einer Währungsreform.

    Kann allerdings sein, dass noch einige Plagen kommen, bevor wir ins Gelobte Land ziehen können...

  6. Es gibt partout Menschen, die der Meinung sind, dass sie in Deutschland schon genug Steuern zahlen und deswegen jede Möglichkeit nutzen, um der Steuerpflicht zu entgehen. Da mag kriminelle Energie im Spiel sein, Überheblichkeit, Sozialautismus - diese Leute gibt es und hat es immer schon gegeben. Und wird es immer geben; solange wir bei der Steuer (doof) Leistungen/Waren und Gewinne besteuern.

    Die Kreativität in der Steuervermeidung muss mit einer Kreativität bei der Bekämpfung der Steuerflucht begegnet werden - man darf sich nicht zu schade sein, unser Steuersystem, was in Wirklichkeit als Steuervermeidungssystem zum Vorteil einer vermögenden Oberschicht konzipiert wurde, in Frage zu stellen.

    Die Bierdeckel-Reform des Professors aus Heidelberg war nämlich eine Mogelpackung - sie wollte die steuerwirksamen Ausgaben pauschalieren.

    Was wir brauchen ist etwas anderes: die Besteuerung von Geld, beim Überweisen ins Ausland, beim Abheben und beim Einnehmen. Zu niedrigsten Sätzen... Und wer von den Freunden in Europa und weltweit das gleiche System einführt, bekommt Nachlässe beim Auslandstarif.

    Und wer deswegen für sein Unternehmen die Tauschwirtschaft einführt - ohne Geld auskommt - wandert in den Knast.

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    Es wird eine Finanztransaktionssteuer eingeführt, die auf jede Überweisung fällig wird. Mit kleinem Satz, sagen wir 0.1% - sofern beteiligte Firmen auf einer Whitelist stehen, die z.B. von der Weltbank geführt wird. Ansonsten wird ein höherer Satz fällig, sagen wir 1%.
    Eine Firma kommt auf die Whitelist, wenn ihre Besitzverhältnisse bekannt sind und ihr Geschäftsgebaren vom Finanzamt verifiziert wird.

    "Die Bierdeckel-Reform des Professors aus Heidelberg war nämlich eine Mogelpackung - sie wollte die steuerwirksamen Ausgaben pauschalieren."

    Ihre Aussage mag wahr sein, darüber weiss ich zu wenig, aber:

    Steueroptimierung wie sie Reiche und Unternehmen betreiben, können vor allem dann betrieben werden, wenn das Steuerrecht komplex ist und viele Ausnahmen und Sonderregelungen kennt. Je einfacher hingegen das Steuersystem, desto weniger Schlupflöcher gibt es.

    • clarin
    • 11. April 2013 23:06 Uhr

    Ich komme mir vor, wie in einem Spiel. Und wie für blöd verkauft. Alle diese Meldungen, Artikel und Kommentare über die Offshore Finanzwelt und Offshore Leaks sind doch nur dazu da, jetzt mal schnell davon abzulenken, was wirklich läuft. Aber das ist och alles eh längst bekannt, die Steueroasen auf den Cayman-Inseln oder den Kanalinseln oder sonstwo!

    Aber richtig, nach London muss man schauen - oder besser die "City Of London". Das ist nicht etwa das Stadtzentrum der englischen Hautstadt. Nein, das gehört nicht einmal richtig zu ihr!

    Hier wird das richtig große Rad gedreht:

    <a href="http://www.wissensmanufaktur.net/city-of-london">Die City Of London - der maechtigste Staat der Welt</a>

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    "The City of London" ist KEIN ex-territoriales Gebiet auf britischem Boden.

    Die Selbstverwaltung bezieht sich auf die rein kommiunale Ebene.

    Dort gilt englisches Recht.

    Man könnte die City of London mit den alten Hansestädten, Hamburg und Lübeck vergleichen, deren Nachfolger sie historisch ist.

    Die City ist kein Staat und wird es auch nie sein, sie hat sich den Gesetzen die im Westminster Palace, vor allem im "HoC" gemacht werden zu beugen.

    Das werden "histor. Privilegien" mit matteriellem recht vermengt und schon hat man Halbwahrheiten.

    durchliest, kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen: wir sind rettungslos verloren, oder wir zerschlagen diese Finanzmafia. Nur wie? An den Menschen, als humanes Geschöpf zu glauben, kann man abhaken. Dies wird nie so sein. Nur wie können wir es hinbekommen, dass die die human sind, das sagen haben? Ich glaube je mehr Gedanken man sich macht, umso ratloser wird man. Kann uns nur ein blutiger Knall in eine humanere Zukunft retten? Oder kommen dann neue Rothschilds, die gewissenlos die Mitmenschen ausbeuten? Sicher gehören immer zwei dazu, die die Ausbeuten und die die sich Ausbeuten lassen!!! Womit man wieder beim Anfang der Menschheit ist. Da muss irgendwas falsch gelaufen sein!!!

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