GenerationengerechtigkeitViel für die Alten

Eine Studie vergleicht die Generationengerechtigkeit in 29 Ländern. von 

Noch nie haben die Parteien den Rentnern im Wahlkampf so viel versprochen wie in diesem Jahr. Die Union will Milliarden für höhere Renten älterer Mütter ausgeben, die SPD die 67er-Altersgrenze erheblich lockern, die Grünen versprechen eine Altersrente von mindestens 800 Euro, die Liberalen wollen bessere Zuverdienstchancen für Rentner. All das steht in eigentümlichem Gegensatz zu mehreren Studien, die zuletzt vor schwierigen Jahren warnten, weil schon bald die Zahl der Älteren stark steigen wird und weniger junge Menschen für deren Alterssicherung aufkommen müssen.

Auch die Bertelsmann-Stiftung wird in der kommenden Woche einen Ländervergleich vorstellen, der in diese Richtung weist. Für diese Studie, die der ZEIT vorliegt, wurden Schuldenstand, Einkommenssituation von Kindern und alten Menschen sowie Ressourcenverbrauch in 29 Industrieländern verglichen. Deutschland schneidet dabei nur mittelmäßig ab. Während beispielsweise in Estland auf jedes Kind nur 6.400 Dollar Staatsschulden entfallen, steht jedes deutsche Kind unter 15 Jahren heute mit rund 267.000 Euro in den Miesen. Selbst in den hoch verschuldeten Vereinigten Staaten ist diese Zahl geringer, was vor allem an der höheren Geburtenrate liegt. Besonders dramatisch ist die Lage in Japan, hier hat die Stiftung eine Pro-Kind-Verschuldung von 794.000 Dollar errechnet.

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Die Studie fragt außerdem nach dem "ökologischen Fußabdruck" einer Gesellschaft – einer Größe, in der sich Produktions- und Konsumverhalten der heutigen Erwachsenengenerationen niederschlagen. Dabei schneiden die Vereinigten Staaten, Belgien und überraschenderweise ganz besonders Dänemark schlecht ab – der Ressourcenverbrauch pro Kopf ist hier besonders hoch.

Auch der Vergleich von Kinder- und Altersarmut enthält Überraschungen: Hier hat die Stiftung beispielsweise errechnet, dass in den Niederlanden das Missverhältnis besonders groß ist – was aber vor allem daran liegt, dass die Niederländer mit einem Armutsquotienten von 1,7 Prozent bei den Älteren besonders gut dastehen, die Kinderarmut liegt mit einer Quote von 8,3 Prozent im Mittelfeld. Generell ist Kinderarmut in Nordeuropa ein deutlich kleineres Problem als in anderen wohlhabenden Regionen der Welt, der Anteil der Armen an der gesamten Altersgruppe liegt zwischen zwei und sieben Prozent. In Südeuropa hingegen geht es dem Nachwuchs schlechter. Deutschland steht mit einer Kinderarmutsquote von deutlich unter zehn Prozent weitaus besser da als die meisten Länder. In den USA liegt sie dagegen bei 21 Prozent.

Erhebliche Unterschiede gibt es auch bei den finanziellen Mitteln, die der Staat den Älteren im Vergleich zu den Jüngeren zur Verfügung stellt. Zehn der 29 untersuchten Länder geben mindestens fünfmal so viel Geld für die ältere Generation aus wie für die jüngere. Dabei gilt tendenziell, dass dieser Vorteil für die Älteren dort besonders stark ist, wo es auch besonders viele ältere Wähler gibt. Augenfällig ist aber auch, dass Gesellschaften, deren Altersstruktur ganz ähnlich ist, darauf sehr unterschiedlich reagieren: Griechenland macht siebenmal so viel Geld für die Älteren wie für die Jüngeren locker, Schweden nur 3,4-mal so viel.

Abschließend versucht die Bertelsmann-Stiftung auch festzustellen, welche Industrienationen in ihrer Behandlung von Älteren und Jüngeren am "gerechtesten" sind. Besonders schlecht schneiden Japan, die USA, Polen, Griechenland und Italien ab. Am gerechtesten sind Estland und Südkorea.

Insgesamt entsteht in der Studie ein Bild, das nicht ganz zum Sound des deutschen Wahlkampfs passt: Mehr Ehrgeiz beim Schuldenabbau wäre demnach nicht nur in Südeuropa eine gute Idee, sondern auch in Deutschland. Wenn es um Kinder geht, war zuletzt meistens von Ausgaben des Staates die Rede – es ging um das Betreuungsgeld oder auch den Kita-Ausbau. Beides wird unmittelbar vor der Bundestagswahl Gesprächsthema sein, denn der Rechtsanspruch auf öffentliche Betreuungsangebote für Kleinkinder tritt knapp zwei Monate vor dem Wahltermin, dem 22. September, in Kraft. Von August an wird auch Betreuungsgeld gezahlt. Der Ländervergleich der Bertelsmann-Stiftung erinnert daran, dass staatliche Angebote nicht alles sind – auch Haushaltssanierung kann man als Anstrengung für künftige Generationen verstehen.

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    • Schlagworte Generation | Chancengerechtigkeit | Studie | Alte | Kinder
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