Ein Strand, von dem ich nicht sagen kann, wo er liegt: Ich stehe am Ufer und beobachte das Meer. Das Wasser ist ruhig, dann fängt es an, sich zu bewegen. Die Wellen werden größer, aber erst als sie sich zu einer Wand aufbauen und fast über mir zusammenbrechen, begreife ich das drohende Unglück. Ein Tsunami. Ich bin wie gelähmt. Bevor mich die Welle erfasst, wache ich auf.

Als Kind hatte ich diesen Traum zum ersten Mal. Damals war ich beim Aufwachen total verängstigt. Seither träume ich immer wieder von diesem Szenario. Die Intensität hat zum Glück etwas nachgelassen, ich bin danach nicht mehr so ergriffen wie früher. Trotzdem beschäftigt mich der Traum. Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Soll ich einen Gang zurückschalten? Irritierenderweise empfinde ich die Phasen, in denen ich von der Welle träume, nicht als besonders stressig. Das liegt vielleicht daran, dass ich zu beschäftigt bin und das Chaos um mich herum gar nicht wahrnehme.

Ich bin ein Mensch, der viel träumt. Manchmal sogar von neuen Liedern. Die Texte sind meist Quatsch, die Melodien aber recht gut. Aus diesem Grund hatte ich eine Zeit lang ein Aufnahmegerät neben meinem Bett und sang nach dem Aufwachen hinein. Beim Anhören war das ziemlich ernüchternd: Was im Traum noch Sinn machte, klang mit verschlafener Stimme schräg. Trotzdem habe ich die Aufnahmen aufgehoben. Ich betrachte sie als Schätze aus einer anderen Welt. Vielleicht wird aus einem dieser Fragmente tatsächlich mal ein fertiges Lied.

In den letzten Wochen war ich häufig unterwegs. Ich habe Konzerte in den USA und Europa gegeben. Eine Angst begleitet mich dabei: bei der Passkontrolle abgewiesen zu werden. Deshalb träume ich von einer Welt, in der Grenzen und die Herkunft eines Menschen keine Rolle spielen. Das mag für einige vielleicht pathetisch klingen, hat bei mir aber einen realen Hintergrund: Dass ich Bulgarin bin, empfinde ich manchmal als Stigma. Vor allem, wenn ich in die USA fliege. Meine Anspannung stammt vermutlich aus der Zeit, als Bulgarien noch nicht in der EU war. Reisen bedeutete damals für mich nicht Freiheit. Es war ein sehr bürokratischer und zweckorientierter Akt. Um in Berlin studieren zu können, musste ich ein Visum beantragen und mich dabei auf ein Studienfach festlegen. Hätte ich das Fach wechseln wollen, wäre dieses Visum ungültig geworden, und ich hätte zurückgemusst. Vor sechs Jahren wurde Bulgarien in die EU aufgenommen. Seither ist es leichter für mich, zu reisen, zumindest innerhalb Europas. Man gehört dazu und muss sich nicht mehr erklären. Ein gutes Gefühl. Nur neulich, auf dem Weg zu einem Festival in den USA, flackerte meine Angst wieder auf. Ich stand am Einreiseschalter, war total verkrampft, mir wurden Fingerabdrücke abgenommen. Meine Freunde versuchten, mich zu beruhigen: Das seien nur Stichproben, ich hätte mir doch nichts zuschulden kommen lassen, der Kalte Krieg sei längst vorbei, und ich solle mich lockermachen. Erleichtert war ich erst, als ich durchgewinkt wurde und meinem Auftritt nichts mehr im Weg stand.

Und wovon träumen Sie? Wenn Sie morgens aufwachen – an welchen Traum erinnern Sie sich? Schicken Sie uns eine Mail an traum@zeit.de. Eine Auswahl der Einsendungen veröffentlichen wir in diesem Frühjahr

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