Kluge Gegner der katholischen Kirche und ihrer Privilegien setzen auf Zeit. Denn diese arbeitet nicht für die Kirche, jedenfalls nicht in Österreich. Jedes Jahr treten Zehntausende Gläubige aus. Immer weniger finden sich am Sonntag zu den Gottesdiensten ein. Kirchen stehen leer, Pfarren können nicht mehr besetzt werden, und der Priesternachwuchs trocknet aus. Warum also nicht zuwarten, während die derzeit noch 5,4 Millionen Seelen umfassende Glaubensgemeinschaft weiter schrumpft und eines Tages sogar zu einer Minderheit wird, der bestimmte Ansprüche ohnehin abhandenkommen?

Weniger kluge Gegner blasen zur Jagd auf diese Schrumpfkirche. Sie können es nicht erwarten, ins Feld zu ziehen. Und liefern damit dieser Kirche eine neue Chance: Denn nun kann sie sich zur Beschützerin der Rechte von Minderheiten aufschwingen. Denn mit der Verteidigung der eigenen Privilegien verteidigt sie auch die des Islams und des Judentums und aller anderen anerkannten Religionsgemeinschaften. Deren Status ist jenem der katholischen Kirche ähnlich. Wer aber will sich nachsagen lassen, die Rechte von Juden und Muslimen einschränken zu wollen?

Das Volksbegehren, das sich vordergründig gegen tatsächliche und vermeintliche Privilegien der katholischen Kirche wendet, gibt ihr die Chance, aus ihrer Verteidigungshaltung auszubrechen. Sie wird endlich wieder ernst genommen und stößt nicht mehr nur auf gleichgültiges Achselzucken. Auf etwas Besseres hätte diese Kirche in Österreich, dem Land der de facto ungläubigen Taufscheinkatholiken, gar nicht hoffen können. Sie kann sich verfolgt fühlen – und sich als Schutzmacht der anderen Konfessionen und Verteidigerin der Religionsfreiheit aufspielen. Wüsste man es nicht besser: Das Volksbegehren könnte der raffinierte Einfall einer Strategieabteilung der österreichischen Bischofskonferenz sein.

Die unklugen Kirchengegner haben in ihrem hektischen Übereifer einen stümperhaften und fast dilettantischen Text formuliert. Zu behaupten, so der Volksbegehrenstext, die römisch-katholische Kirche genieße "in Österreich eine Sonderstellung, die aus dem Mittelalter herrührt", ist Unsinn. Der römisch-katholischen Kirche stehen die anderen anerkannten Religionsgemeinschaften in grundsätzlicher Gleichberechtigung gegenüber. Und eben das war im Mittelalter undenkbar.

Nun werden alle zu einem Offenbarungseid gezwungen. Die SPÖ will aus guten Gründen den Modus Vivendi nicht antasten, den sie in den letzten Jahren mit der katholischen Kirche erreicht hat, wodurch der politische Katholizismus endgültig erledigt war. Nötigenfalls können Sozialdemokraten daran erinnern, dass das angebliche auf das Dollfuß-Regime zurückgehende Konkordat die Unterschrift von Bruno Kreisky trägt.

Die ÖVP hingegen kann sich in dieser Situation neuerlich als Treueste der Treuen geben, im Wettstreit mit der FPÖ, die ihr "wehrhaftes Christentum" wieder unter Beweis zu stellen vermag.

Kluge Gegner der Kirche suchen keine Konfrontation. Die in ihrer Dynamik ermüdete katholische Kirche sollte man nicht reizen. Der Kulturkampf ist ohnehin Geschichte. Die Kirche hat sich damit abgefunden, dass sie – etwa, wenn es um die Abtreibung oder die gleichgeschlechtliche Ehe geht – zwar auf ihrer Ethik beharren kann, aber anderseits nicht erwarten darf, diese Ethik in den Gesetzen der Republik vollinhaltlich umgesetzt zu sehen.