William T. VollmannWie schreibt man ein Meisterwerk?

Der amerikanische Schriftsteller William T. Vollmann hat ein grandioses Epos über den Zweiten Weltkrieg verfasst: "Europe Central". Wie ihm das gelungen ist, erläutert er im Gespräch mit seinem Übersetzer Robin Detje und einem seiner größten Bewunderer, dem österreichischen Schriftsteller Clemens Setz. Das Werkstattgespräch moderierte Ijoma Mangold von 

William T. Vollmann ist ein literarischer Berserker. Sein Roman "Europe Central" hat über 1.000 Seiten, und in das Werk sind Berge an Archivmaterial eingegangen. Der Anmerkungsapparat gibt einen spannenden Einblick, wie Vollmann aus historischen Quellen heraus seine literarischen Phantasmagorien entwickelt. "Europe Central" erzählt von jenem Europa, das im Zweiten Weltkrieg verwüstet wurde. Das absurde Mahlwerk der Geschichte wird am Beispiel historischer Künstlerfiguren wie Käthe Kollwitz und Schostakowitsch oder der Militärs Wlassow und Paulus erzählt. Dabei springt der Roman hin und her zwischen deutscher und sowjetischer Perspektive. Ein Buch, das den Schrecken scharf herausarbeitet, aber ein großes Erbarmen mit all seinen Figuren hat.

DIE ZEIT: Herr Setz, Sie sind ein erklärter Verehrer von William T. Vollmann. Wie haben Sie sein Werk kennengelernt?

Clemens Setz: 2003 bekam ich eine Ausgabe von McSweeney’s in die Hand, der Literaturzeitschrift, die Dave Eggers herausgibt. Da war ein Kapitel aus Vollmanns Buch Rising Up and Rising Down abgedruckt. Ich las es und war fasziniert. Also kaufte ich mir alle seine Bücher und wurde richtig süchtig. Vollmann gehört für mich zu den Autoren mit einer großen Seele. Ich finde, Schriftsteller sollten eine Mindestseelengröße haben.

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ZEIT:Europe Central erzählt von den zwei großen totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts, vom "Dritten Reich" und von der Sowjetunion. Herr Detje, Sie haben dieses Werk gewissermaßen auch zurückübersetzt in die Sprache des Landes, von dem der Roman zu einem großen Teil handelt.

Robin Detje: Ich habe mir bei meiner Arbeit manchmal die möglichen Abwehrreaktionen der Leserschaft vorgestellt. Und als Übersetzer habe ich dann versucht, das Buch davor zu beschützen.

William T. Vollmann

1959 in Los Angeles geboren. Immer schon reiste Vollmann in Krisen- und Kriegsregionen und schrieb darüber Reportagen für amerikanische Magazine. Sein Werk, das Essays, Romane und Reportagen umfasst, ist wahrhaft umfangreich. Die Frage der Gewalt und ihrer ethischen Bewertung spielt darin eine große Rolle. 2006 erschien sein erster Roman auf Deutsch, »Huren für Gloria«, der im Prostituiertenmilieu spielt. Für »Europe Central«, das jetzt bei Suhrkamp auf Deutsch erscheint, erhielt Vollmann 2005 den National Book Award.

ZEIT: An welche Art von Reaktionen denken Sie?

Detje: Mein innerer Martin Walser hat immer gerufen: Müssen wir uns das wirklich noch einmal von einem Amerikaner erzählen lassen, nachdem ich doch den Schlussstrich gezogen habe? Und dann las ich alle diese Quellen über Hitlers Generäle, mit denen Bill arbeitet, diese Generäle, die noch in den siebziger Jahren fröhlich in Bayern saßen und erklärten, wie sie den Krieg für Hitler gewonnen hätten, wenn Hitler sie nur hätte machen lassen. Und da dachte ich: Ja, wir haben diesen Roman verdient! Die Übersetzung hat mich zurück in meine Kindheit versetzt. Meine Eltern sind Jahrgang 1926. Sie haben die Nazizeit als Erwachsene erlebt, aber nicht wirklich darüber reden mögen. Aber Kinder entwickeln ihre eigenen Strategien, mit dem Verdrängten umzugehen. Ich hatte Tonnen von Spielzeugsoldaten und las diese ganze Literatur der alten Nazipropagandisten, Paul Carells Unternehmen Barbarossa zum Beispiel. All diese SS-Kommandanten, die nach dem Krieg Wehrmachts-Infotainment schrieben. Während der Übersetzung von Europe Central habe ich diese Kindheitsstrategien mit Bills Hilfe neu verstanden.

ZEIT:Europe Central handelt davon, wie Menschen immer wieder in neuen Situationen moralische Entscheidungen fällen müssen. Ob in der Sowjetunion oder in Nazideutschland.

Robin Detje

Geboren 1964. Arbeitet als Übersetzer, Regisseur und Journalist. 2008 gründete er die Theatergruppe bösediva in Berlin. Er ist der deutsche Übersetzer von »Europe Central«.

Vollmann: Ich konnte Europe Central erst schreiben, nachdem ich Rising Up and Rising Down geschrieben hatte. Ich versuche immer, so mitfühlend zu sein, wie irgend möglich. Ich mag die meisten Menschen, die ich treffe. Es fällt mir deshalb total schwer, zu jemandem zu sagen: "Was du getan hast, ist falsch!" Mit Rising Up and Rising Down hatte ich mir vorgenommen, Kriterien zu finden, die es mir erlauben, Menschen moralisch zu beurteilen. Alle Situationen, in die ein Mensch gestellt wird, sind immer ambivalent, aber man kann sie in ihre Bestandteile zerlegen. Es gibt eine endliche Anzahl von Rechtfertigungen für Gewaltakte. Das hat mir geholfen, einige der Figuren in Europe Central besser zu verstehen.

Setz: In Rising Up and Rising Down gibt es ein Kapitel, das von einer Frau handelt, die gefoltert wird. Ihre Folter besteht darin, zuschauen zu müssen, wie ihr Kind gefoltert wird, wenn sie nicht die Namen ihrer Kampfgenossen verrät. Sie redet nicht, und das Kind wird getötet. Und dann schreibt Er wisse nicht, was der Frau durch den Kopf gegangen sei, aber wenn sie nachgedacht und dann diese bewusste Wahl getroffen habe, dann würde er sich immer noch vor ihr verbeugen, denn sie habe eine Wahl in einer ausweglosen Situation getroffen. Meine erste Reaktion wäre gewesen: Diese Frau ist böse. Vielleicht ist sie es, wir wissen es nicht.

Vollmann: Wir wissen es nie.

Clemens Setz

Schriftsteller. 1982 in Graz geboren. Seine Werke erscheinen im Suhrkamp Verlag. 2012 erschien sein Roman »Indigo«. 2011 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse.

Setz: Ich kenne keinen Schriftsteller, der sich so verhält wie Sie. Normalerweise sind Schriftsteller immer wahnsinnig schnell im Aburteilen.

Vollmann: Mein bester Freund pflegt mir zu sagen: "Bill, entspann dich: Was immer du tust, es ist immer falsch." Das ist ein sehr tröstlicher Satz. Aber die Frau hat in dieser Situation mehr Stärke bewiesen, auch wenn sie sich danach bestimmt schuldig gefühlt hat. Egal, wie man sich entscheidet, man fühlt sich immer schuldig.

ZEIT: Wie sehen die moralischen Entscheidungen eines Schriftstellers aus?

Vollmann: Für mich ist es ziemlich einfach. Ich brauche keine Verfolgung zu fürchten, ich kann sagen, was ich will. Ich muss nur den kommerziellen Verlockungen widerstehen. Das steht in keinem Vergleich zu den moralischen Entscheidungen, die zum Beispiel Schostakowitsch zu bewältigen hatte.

Leserkommentare
  1. aber wir leben mit Sicherheit nicht in "postideologischen Zeiten".

    Unsere derzeitige Ideologie heißt Kapitalismus bzw. - in der Steigerung - Kapitalismus und Demokratie würden sich gegenseitig bedingen.

    2 Leserempfehlungen
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    das kommt drauf an, wie sie "ideologie" verstehen. ich empfehle an der stelle nicht den wiki-artikel, sondern die wunderbaren bücher von terry eagleton, max horkheimer, lenk, althusser, habermas oder adorno, die sich an diesem thema sowas von abgearbeitet haben. "postideologische zeiten" ist auf jeden fall treffender, als kapitalismus und demokratie als ideologie zu bezeichnen.
    nicht jede abhängigkeit bzw. "herrschaft" ist ideologisch, vor allem nicht in so komplexen systemen, wie wir sie heute haben. aber das ist ein großes thema und muss ja hier nicht weiter ausgeschlachtet werden.

    ----

    zum thema: spannender einblick und interessanter autor, trotz schwer thematik irgendwie verlockend zu lesen. danke dafür.

  2. das kommt drauf an, wie sie "ideologie" verstehen. ich empfehle an der stelle nicht den wiki-artikel, sondern die wunderbaren bücher von terry eagleton, max horkheimer, lenk, althusser, habermas oder adorno, die sich an diesem thema sowas von abgearbeitet haben. "postideologische zeiten" ist auf jeden fall treffender, als kapitalismus und demokratie als ideologie zu bezeichnen.
    nicht jede abhängigkeit bzw. "herrschaft" ist ideologisch, vor allem nicht in so komplexen systemen, wie wir sie heute haben. aber das ist ein großes thema und muss ja hier nicht weiter ausgeschlachtet werden.

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    zum thema: spannender einblick und interessanter autor, trotz schwer thematik irgendwie verlockend zu lesen. danke dafür.

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    • hairy
    • 20. April 2013 23:49 Uhr

    denn in der 'Dialektik der Aufklärung' steht zB.: "Daß der hygienische Fabrikraum und alles, was dazu gehört, Volkswagen und Sportpalast, die Metaphysik stumpfsinnig liquidiert, wäre noch gleichgültig, aber daß sie im gesellschaftlichen Ganzen selbst zur Metaphysik werden, zum ideologischen Vorhang, hinter dem sich das reale Unheil zusammenzieht, ist nicht gleichgültig. Davon gehen unsere Fragmente aus."

    Ich bin der Meinung von Nutzer stabilobox. Vielleicht ist jedes "post...." nur elaboriertes Gefasel, das mit solchen Schlagworten firmiert, um gehört zu werden.

  3. einen solch (selten) guten Artikel mit einer Lobpreisung notorisch anmaßender Schwätzer wie Adorno oder Habermas verbunden zu kommentieren?

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    • hairy
    • 20. April 2013 23:52 Uhr

    wer hier anmaßend ist. Außerdem ging es in dem Kommentar um einen Einzelbegriff, nicht um eine Lobpreisung eines Herrn Habermas oder Adorno.

    • hairy
    • 20. April 2013 23:49 Uhr

    denn in der 'Dialektik der Aufklärung' steht zB.: "Daß der hygienische Fabrikraum und alles, was dazu gehört, Volkswagen und Sportpalast, die Metaphysik stumpfsinnig liquidiert, wäre noch gleichgültig, aber daß sie im gesellschaftlichen Ganzen selbst zur Metaphysik werden, zum ideologischen Vorhang, hinter dem sich das reale Unheil zusammenzieht, ist nicht gleichgültig. Davon gehen unsere Fragmente aus."

    Ich bin der Meinung von Nutzer stabilobox. Vielleicht ist jedes "post...." nur elaboriertes Gefasel, das mit solchen Schlagworten firmiert, um gehört zu werden.

    Antwort auf "ansichtssache"
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    habe ich persönlich nicht. ich bin zu dem persönlichen schluss gekommen, dass alle genannten die gemeinsame sicht hatten, wie inflationär und unumrissen der begriff gebraucht wird. sie alle (bis auf foucault, der den begriff zu gunsten des "diskurses" aufgibt) verwenden ihn, meinen aber so viel mehr damit, als im allgemeinen sprachgebrauch noch heute üblich ist.
    ideologie meint z.b.: systematisch verzerrte kommunikation, gesellschaftliche denkweise, sozial notwendige illusion, identitätsdenken, vermischung sprachlicher und phänomenaler wirklichkeit, zusammentreffen von macht und diskurs; vorstellungen, die dazu beitragen, eine herrschende politische macht zu legitimieren, medium, in dem gesellschaftlich handelnde personen eine sinnvolle welt gestalten. und andere.
    das zeigt, wie vielschichtig er ist.

    POSTideologisch meinte doch vor allem NACH den klassischen ideologien der herrschaft, also ungefähr alles nach 1850. wenn sie die dialektik der aufklärung erwähnen - gerade die frankfurter, die sich stark an marx abgearbeitet haben, sehen doch die ideologie in der art und weise der produktionsweise und des konsum. kulturindustrie usw. natürlich hat das eine politische dimension, aber eben keine, in der ideologie im sinne von herrschaft immanent ist. so gesehen leben wir in POSTideologischen zeiten. schon lange. das bedeutet aber nicht, dass die dinge heute keinen ideologischen charakter haben.
    aber es stimmt - post wird genauso inflationär und ungenau verwendet.

    sry4offtopic

    • hairy
    • 20. April 2013 23:52 Uhr

    wer hier anmaßend ist. Außerdem ging es in dem Kommentar um einen Einzelbegriff, nicht um eine Lobpreisung eines Herrn Habermas oder Adorno.

    Eine Leserempfehlung
    • hairy
    • 21. April 2013 0:22 Uhr

    und zum Buch: Herr Setz ist offenbar sehr voreigenommen, und der Übersetzer auch. Das schmälert den Wert des Artikels leider doch.

    Das Buch habe ich bislang nicht gelesen, nur die Leseprobe beim Verlag. Sind z.B. die grafischen Späße 'SS' und 'Geheim' nicht etwas arg abgenutzt? Und warum Endnoten?? Und m.E. sind das keine "Mägdelein" aus Marmor, die diverse Großpolitikerbalkone stützen, sondern Damen von etwas größerem Kaliber, ob unbefleckt oder nicht. Anstatt Diminutiv hätte sein Gegenteil mehr Wirkung.

    Aber wie auch immer: angesichts all der Plattheiten allerlei deutscher Schriftssteller der Gegenwart darf man über ein solches Buch vermutlich froh sein.

    • drohne
    • 21. April 2013 7:53 Uhr

    Dieses Interview ist so was von überflüssig. Vollmann mag etwas zu sagen haben. Setz trägt nichts, aber auch gar nichts bei. Er will originell sein, sagt aber nur Lächerliches. Es ist ein selbstverliebtes Patygespräch, mehr nicht, und alle haben anscheinend einen im Tee. Dümmliche Witzchen, undurchdacht. Z.B. "Beförderung" bezüglich Unabomber und Anthrax. Nur peinlich, weil bemüht geistreich und dabei dämlich. Und dann die Waffen und Prostituierten... Setz hatte nie Geld, pubertäre Unterhaltung. Wie gesagt, Vollmann hätte wahrscheinlichl etwas Neues mitteilen können, wenn er nicht immer so niveaulos zugelabert worden wäre. Und Mangold? Hätte es nicht veröffentlichen sollen. Reine hohle Schicki-Micki-Literatur-Selbstbespiegelung. Würde sich hervorragend für eine Dittsche-Satire eignen, mit irrwitzig schönen, uferlosen Strömen von Verspottung.

    Eine Leserempfehlung
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    Sie haben mich bestätigt: Ich habe den Namen Mangold gesehen und es nicht erst gelesen.

    • RdStar
    • 21. April 2013 11:31 Uhr

    bei clemens setz handelt es sich nicht um einen deutschen, sondern um einen österreichischen Schriftsteller.

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