Sachbuch "Normal" : Ist dieser Junge nicht krank?

Der Psychiater Allen Frances fordert: Wir dürfen aus normalen Menschen keine Patienten machen.

Natürlich hätte man Friedrich Rückert in der Trauer um seine Kinder auch eine Packung Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wünschen können. Das Medikament hätte ihn zwangsläufig aufgeheitert. Aber dann gäbe es die Zeilen seiner Kindertodtenlieder nicht, die der Dichter schrieb, untröstlich, als er im Jahr 1834 seine beiden Kinder Ernst und Luise beerdigen musste: "Man hofft und hofft, bis hoffnungslos / Geworden das geliebte Leben, / Dann gibt man auf die Hoffnung blos, / Das Leben war schon aufgegeben." Auch Petrus hätte in seinem vorösterlichen Verzweiflungsanfall, den Freund Jesus verraten zu haben, etwas pharmazeutische Aufhellung vielleicht gutgetan, man hätte ihm wohl eine "Affektregulationsstörung" attestiert, als er plötzlich so "bitterlich" weinen musste. Und natürlich wäre jenem Faust, dem prototypischen Hochdruckmann, mit regelmäßig eingenommenen Pillen auch etwas ruhiger ums Herz geworden: Seiner zerstörerischen Rastlosigkeit – "vom Himmel durch die Welt zur Hölle" – hätte man ohne Weiteres eine Diagnose auf "Restless Legs" oder sonst eine Variante der Hyperaktivität stellen können.

Wenn man denn ihn oder den trauernden Vater Rückert oder den verzweifelten Freund Petrus als Kranke betrachten wollte. Aber das muss man nicht.

Die Trauer, der Gefühlsausbruch, die Unruhe: Es ließe sich eine Geschichte des Menschen schreiben, die in diesen Seelenverfassungen einige der vitalsten Quellen der Kreativität erkennt und einer Ausdruckskraft, deren Zeugnisse den Müll der Jahrhunderte überdauern. Aber zugleich gehörten sie, jenseits aller Kunst- und Geistesgeschichte, zur Ausstattung des sogenannten normalen Menschen, der seit Jahrtausenden schimpfte, jubilierte, weinte und fluchte – bis man dazu überging, in dieser Normalität ein einträgliches Geschäft zu entdecken. Wenn man nur gründlich den Krankheitswert im Menschlichen erkannte, um ihm mit Medikamenten zu Leibe zu rücken, was nachweislich zunehmend seit 1980 geschieht.

"Anfang der achtziger Jahre hatte etwa ein Drittel der Amerikaner die Diagnose einer lebenslänglichen psychischen Störung zu gewärtigen. Heute ist es bereits rund die Hälfte. Und mit über 40 Prozent holt Europa rasch auf": An diesem "diagnostischen Überschwang", wie er es nennt, hat der Psychiater Allen Frances lange selbst mitgewirkt, zu lange, wie er nun meint. Deshalb hat er jetzt eine leidenschaftlich kluge Verteidigungsschrift des normal Menschlichen verfasst, das er gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen in Schutz nehmen will. Im politischen Sinne tritt Frances dabei gegen die expansive Pharmaindustrie mit ihren Werbestrategien an und gegen ein Krankenversicherungswesen, das den Ärzten Behandlungshonorare nur zahlt, wenn sie anerkannte Diagnosen stellen. Damit wäre Normal vor allem eine inneramerikanische Kampfschrift. Aber weil Frances auch gegen sich selbst antritt, gegen seine Fehler als Arzt, verdient das Buch weit über Amerika hinaus Beachtung.

Wer nach ein paar Wochen noch trauert, gilt als krank

Und der Zeitpunkt zählt: Allen Frances, emeritierter Professor an der Duke University, den die New York Times den "einflussreichsten Psychiater Amerikas" nennt, bringt seine Kampfschrift Normal auf Englisch wie auf Deutsch genau in dem Moment auf den Markt, wo in den Vereinigten Staaten ein Handbuch in aktualisierter Form erscheint, das seit 1952 die Klassifikationen festhält, nach denen weltweit Ärzte in Symptomen Krankheiten erkennen können, die der Behandlung bedürfen: das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, das nun im Mai als DSM-5 in seiner seit 1994 aktualisierten neuen Fassung das Krankhafte vom Normalen neu abgrenzt, als ein machtvolles gesamtgesellschaftliches Normierungsinstrument – und dabei die Zahl der Kranken potenziell ins Unüberschaubare anwachsen lässt. Kulturgeschichtlich ließe sich sagen: Die Figur des eingebildeten Kranken wird gegenwärtig von der des besorgten Gesunden abgelöst. Normal ist da fast keiner mehr. Und was als normal gelten könne, sagt Allen Frances, habe ohnehin noch keine Wissenschaft zu keinem Zeitpunkt genau angeben können.

In der medizinischen Einschätzung von Trauer spitzt sich die Situation heute zu, und an ihr entzündet sich in Amerika ein breiter Protest: denn jetzt soll auch als krank gelten, wer nach ein paar Wochen immer noch um einen Menschen trauert, den er verlor. Es handelt sich hier um eine besonders rasante Fortschrittsgeschichte: Im Jahr 1980 galt ein Jahr der Trauer als "normal", im Handbuch DSM-4 von 1994 sodann blieben einem noch zwei Monate Zeit zu trauern, bis man als behandlungsbedürftig galt, wenn man sich in seiner Traurigkeit nicht konzentrieren und nicht in den Schlaf finden konnte. Und jetzt ist im Zuge der allgemeinen Beschleunigung die Frist auf wenige Wochen verkürzt. Wer nach deren Ablauf noch trauert, bekommt es im Zweifelsfall mit Pillen zu tun.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Der eingebildete Kranke vs. Der eingebildet Kranke

Lieber Autor,

erst war er nur eingebildet krank und nun muss er sich auch noch als eingebildeter Kranker denunzieren lassen?! ;-)

Da ist Ihnen ja der klassische Lapsus unterlaufen.

Deutlicher wird es im französischen Originaltitel: "Le Malade imaginaire" von Molière.

Er ist nämlich gar nicht eingebildet sondern er bildet sich seine Krankheit nur ein. Zumal gegen Einbildung auch keine Pillen helfen würden.

Vielen Dank für diesen interessanten Buchvorschlag.

T. Thiel

Kann man sehr wohl so schreiben

Nämlich wenn Menschen sich die Krankheit eines anderen einbilden, sich also auch den "Kranken" einbilden. Dann ist der "Kranke" tatsächlich eingebildet, der so bezeichnete Mensch deshalb aber noch lange nicht zu sehr von sich eingenommen.

Zum Artikel: Diese Pathologisierung sehe ich seit vielen Jahren kritisch. Man sollte auch nicht unterschätzen, was sie bereits außerhalb der Praxen anrichten können, wo Menschen sich in Küchenpsychologie üben und andere Menschen für krank halten, nur weil sie ein bisschen von der Norm abweichen, oder wo sich Menschen selber einreden, krank zu sein, weil sie z.B. in diesem aktualisierten Handbuch ihre Eigendiagnosen stellen.