Unter dem Markenzeichen "Partei neuen Typs" hat sich am Wochenende in Berlin die "Alternative für Deutschland" (AfD) gegründet. Es war wohl eher ein Zufall, dass Bernd Lucke seiner Anti-Euro-Partei damit dasselbe Typenschild verpasste, das vor 65 Jahren die SED für sich in Anspruch nahm. Wenn die AfD schon vor ihrer Gründung unter Ideologieverdacht stand, ging es dabei schließlich nicht um linkes, sondern eher um rechtes Gedankengut.

Gemessen allein am Programm der Partei lässt sich dieser Verdacht kaum erhärten. Man mag die Abschaffung des Euro, die Renationalisierung politischer Entscheidungen oder den Rückbau europäischer Institutionen für unsinnig oder nostalgisch halten, "rechts" sind diese Forderungen nur, wenn man allein schon die Rückbesinnung auf den Nationalstaat mit diesem Begriff brandmarken wollte. Natürlich lässt sich die Aufwertung des Nationalen als Vorstufe zum Nationalismus sehen, doch auf dem Gründungskongress wurden solche Befürchtungen allenfalls von einem bärtigen älteren Herrn verkörpert, der eine schwarz-rot-goldene Schärpe trug, die er hin und wieder in die Kameras schwenkte.

Dass der unvermeidlich nationale Unterton einer Anti-Euro-Partei das Interesse rechter Sympathisanten weckt, ist dennoch nicht überraschend. So versuchte in den vergangenen Wochen schon die NPD an die neue Bewegung anzudocken, und die Rechtspostille Junge Freiheit widmete den Euro-Gegnern ihre Seite eins.

Umso intensiver versuchen die Initiatoren ihre Neugründung gegen jeden Anschein rechter Gesinnung abzuschirmen. Dass die Partei ihre Erfolgsaussichten bei kommenden Wahlen schmälert, wenn sie die weit verbreitete Skepsis gegen die Euro-Rettungspolitik mit rechten Ideen vermischt, davon sind die Gründer fest überzeugt. Wenn die neue Partei "Einwanderung in die Sozialsysteme" verhindern will und fordert, Zuwanderer nach Deutschland müssten "integrationsfähig und integrationswillig" sein, bewegt sie sich damit im Mainstream der deutschen Politik.

So liegt das Unheimliche der neuen Bewegung nicht in rechten Programmsätzen; es liegt im populistischen Eifer, den sie an den Tag legt. Was auf dem Gründungsparteitag verblüffte, war die enorme Diskrepanz zwischen dem nüchtern formulierten Anti-Euro-Programm und der aufgeheizten Stimmung im Saal. Über Stunden hinweg gierte die Versammlung nach jeder Gelegenheit, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Die Kritik an den "verbrauchten Altparteien", an der "Degeneration des deutschen Parlamentarismus", am "politischen Betrug" der Euro-Politik, das sind die Stichworte, auf die der AfD-Sympathisant offenbar anspringt. Es handelt sich hauptsächlich um mittelalte Männer, die andauernd zwischen Wut und Euphorie, Frust und Jubel hin- und herschwanken. "Wollt ihr, dass mit euren Steuern Griechenland finanziert wird? Wollt ihr für ein Land zahlen, in dem Steuerhinterziehung Volkssport und Korruption Gewohnheit ist?" Das sind die Fragen, von denen sich die AfD-Anhänger begeistern lassen.

Dass die Partei ihren Euro-Frust mit anderen populismusgängigen Themen – etwa der Wut auf Migranten – kurzschließen könnte, dafür gibt es derzeit keine Anzeichen. Die Gründungsveranstaltung zeigte, dass die AfD eine zwar leicht entzündliche, zugleich aber eine überraschend straff geführte Bewegungspartei ist. Die Führung wird alles daransetzen, dass das so bleibt. Sie will den Frust einer verunsicherten gesellschaftlichen Mitte auf das Euro-Thema konzentrieren. Weiter rechts kann sie nur verlieren. Und doch brodelt eine enorme populistische Energie in der Alternative für Deutschland. Die Gefahr, die darin liegt, muss die Partei beständig bannen.