Deutschland, so dachte man bis vor Kurzem, sei ein Land des Kompromisses, des sozialen Ausgleichs, geprägt durch Versorgungs- und Sozialprogramme, von denen am Ende immer die Mitte profitiert. Nun müssen wir lernen, unser Land ganz neu zu sehen. In Wirklichkeit gilt eine Regel: Der Sieger bekommt alles.

Soeben hat die Europäische Zentralbank die Vermögensverhältnisse in den Euro-Ländern untersucht. Deutschland ist, wenig überraschend, nach diesen Daten ein reiches Land, sehr reich sogar, bedenkt man die Zerstörung in zwei Weltkriegen. Nur: In der Mitte der Gesellschaft und darunter ist von diesem Reichtum wenig angekommen. Sicher, auch ganz unten wachsen die Fernsehgeräte, ein Smartphone findet sich noch in der ärmsten Hütte. Echte Vermögenswerte aber, Immobilien, Aktien, Staatsanleihen, sind nirgendwo sonst in der Euro-Zone so ungleich verteilt wie bei uns. Mehr als doppelt so viel Ungleichheit wie in Finnland, den Niederlanden, Italien, fast doppelt so viel wie im Durchschnitt der Euro-Länder: Mit unserer Art, die Früchte der gemeinsamen Arbeit aufzuteilen, sind wir im Euro-Raum eine extreme Ausnahme.

Man hätte angesichts dieses neuen und verblüffenden Befundes einen Moment des Erstaunens erwartet, gefolgt von Nachdenklichkeit. Wie kommt das? Wollen wir das eigentlich? Können wir es ändern und, wenn ja, wie? Stattdessen erfolgten unmittelbar zwei Reaktionen, die so abwegig und ärgerlich sind, dass es naheliegt, zu sagen: Wenn das alles ist, dann haben wir es nicht besser verdient.

Die eine Reaktion ist populistisch: Arme Deutsche sollen reiche Südeuropäer retten – wie ungerecht! In Wirklichkeit ist Deutschland nicht arm. Es ist der Reichtum weniger, der eine große Mehrheit im europäischen Vergleich arm erscheinen lässt.

Die zweite Reaktion ist die der Ausreden-Erfinder, die kleinreden wollen, was sich nicht länger bestreiten lässt. Die Ungleichheit betreffe doch "nur" die Immobilien, das ist so eine Ausrede. Wieso "nur"? Dass die untere Hälfte des Landes beim oberen Fünftel zur Miete wohnt und so den Reichtum der ohnehin Begüterten mehrt, statt Rücklagen zur eigenen Absicherung zu bilden – das mag man in Deutschland normal finden. Es ist aber nicht normal.

Eine andere Ausrede besagt, die EZB-Statistiker hätten Rentenansprüche und die unterschiedlichen Haushaltsgrößen nicht ausreichend berücksichtigt. Auch dafür spricht wenig. Das deutsche Rentensystem ist in seiner Leistungsfähigkeit dem vieler Nachbarländer zu ähnlich, um größere Unterschiede auszugleichen. Und große Haushalte sind in Deutschland typischerweise arm, während es in Südeuropa üblich ist, dass junge Erwachsene lange bei ihren Eltern wohnen. Würde man also individuelle Besitztümer vergleichen statt Haushaltsvermögen, wie es die EZB getan hat, dürften die Unterschiede eher noch stärker hervortreten.

Nun ist Ungleichheit an sich nicht verwerflich. In einer offenen Gesellschaft konkurrieren die Bürger um begehrte Güter und Positionen. Die Regeln dieses Konkurrenzkampfes bestimmen sie selbst, und wenn sie es mehrheitlich so wollen, spricht nichts dagegen, dies Spiel nach der Regel zu spielen: Der Sieger bekommt alles.

Der Sieger bekommt alles? Wann wäre das je beschlossen worden? Keine politische Kraft hat sich dazu bekannt. In der Regierung wechseln zwei Lager ab, deren eines vorgibt, die Schwächsten zu fördern, während dem anderen angeblich die Mitte der Gesellschaft besonders am Herzen liegt. Sogar das Gezeter der Linken mit ihren Kapitalverschwörungstheorien und Ausbeutungsklagen bestätigte die Illusion: Wenn das die besten Argumente für mehr Gleichheit sind, dachte man, dann kann die Ungleichheit so groß nicht sein. Welch ein Irrtum!

Vor allem den Parteien, die sich "bürgerlich" nennen, sollte die Vermögensverteilung in Deutschland zu denken geben. Welches Bürgertum ist es, um das es ihnen geht? Wer ist gemeint, wenn sie die "Leistungsträger" rühmen? Ist es wirklich richtig, den vermeintlich "anstrengungslosen Wohlstand" von Hartz-IV-Empfängern zu beklagen und vom wirklich anstrengungslosen Wohlstand reicher Immobilienbesitzer zu schweigen?

Wichtiger ist, was die Bürger in der Mitte der Gesellschaft mit der neuen Erkenntnis anfangen. Die Ungleichheit in Deutschland ist Folge einer Vielzahl politischer Entscheidungen – und kaum eine davon wäre ohne ihr Einverständnis möglich gewesen. Vermögen besteuern? Aufwendig, bringt wenig. Erbschaften besteuern? Schadet den Unternehmen und vernichtet womöglich Arbeitsplätze! Sozialabgaben auf Kapitalerträge? Politisch nicht durchsetzbar! Sozialer Wohnungsbau? Gestrig und etatistisch. All das kann man so sehen – wenn man es unwichtig findet, wer vom Reichtum des Landes wie viel abbekommt.

Bislang haben die Bürger so getan, als sei ihnen das egal. Sie können es auch ändern.

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