Asaf Avidan schaut wie ein ernstes Kind. Er lehnt seinen Kopf schräg an die Wand, als könne er, hier in einem Café irgendwo in den Niederlanden, einen Anker werfen und andocken. Die Hotelbar ist an diesem Nachmittag kein Ort, der sich aufdrängt. Es gibt keine Gäste, nur vereinzelt klappern Teller von irgendwoher, Imagine von John Lennon klingt aus der Ferne der Lobby nebenan. Die Frau, die Avidan hier abgegeben hat, ist nach leiser Begrüßung und wenigen Worten Hebräisch, die sie wie kurze Codes einer Geheimsprache mit ihm gewechselt hat, wieder in der Kälte draußen verschwunden. Während zu Hause in Israel heute Pessach gefeiert wird, herrscht in Eindhoven noch tiefer Winter. "Israel ist nicht mein Zuhause", die Korrektur klingt freundlich, aber absolut. Avidan spricht sanft, es ist angenehm, ihm zuzuhören. "Ich habe kein Zuhause", sagt er entschuldigend, wenn auch nicht bedauernd. "Ich habe kein Zuhause" – in immer neuen Worten wird dieser Satz die Antwort auf jede Frage sein, die man ihm stellt. Sein Anker habe noch nie gehalten, nirgendwo, kein einziges Mal, solange er denken kann.

"No more tears / My heart is dry / I don’t laugh / And I don’t cry", so beginnt das Lied, mit dem er im Sommer 2012 in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in unzähligen anderen Ländern sensationell erfolgreich war. Bei YouTube ist der Clip zum Song inzwischen mehr als 90 Millionen Mal geklickt worden.

Reckoning Song, so heißt das Lied in seiner Originalversion von 2008, es war eigentlich ein Stück mit schlichter Akustikgitarrenbegleitung, das Avidan und seine alte Band The Mojos in ihrem ersten Repertoire hatten, mit dem sie durch Israel und kleine Bars in Europa tourten. Bis ein Fan, der bis dahin unbekannte Berliner DJ Wankelmut, sich das Stück nahm und elektronisch daran herumexperimentierte. Wankelmut unterlegte Avidans melancholisch-markante Stimme mit House-Musik, Beats, die tanzbar waren. One Day, wie er den Remix nannte, verbreitete sich online wie ein Virus. Von unten stürmte er innerhalb weniger Wochen die internationale Clubszene und, als er schließlich offiziell bei Sony herausgebracht wurde, auch die Charts – ein kometenhafter, ein unfreiwilliger Erfolg.


Plötzlich war Asaf Avidan ein Star, es gab Videos, die Menschenmassen zeigten, die zu seinem Lied tanzten, Frauen wie Männer schrieben dem israelischen Sänger mit der androgynen Wahnsinnsstimme Liebes- und Fan-Mails aus aller Welt, aus Europa kamen ebenso begeisterte Reaktionen wie aus China, Indien und den arabischen Ländern, von Dubai bis zum Libanon. Den "heiseren Engel" nannte man ihn, "Bob Dylan and Janis Joplin made a baby together!", hieß es über seine Stimme. Und doch blieb Avidan als Künstlerfigur jemand, der nie ganz zuzuordnen war, zu wenig wollte er in die Clubwelt passen, die ihn aus der Geheimtippecke auf die internationale Bühne katapultiert hatte.

Wenn man Asaf Avidan gegenüber sitzt, hat er nichts von einem DJ. Er wirkt überhaupt nicht hip, und man kann ihn sich auch nicht hinter einem Mischpult vorstellen. Immer noch an der Wand lehnend, schaut er mit klaren blauen Augen über den Tisch, ein Blick, der ans Tageslicht gehört, nicht in die Dunkelheit zwischen flüssigen Stickstoff, in die vom Tanzen aufgeheizte Luft, in das Blitzlichtgeflimmer von Diskokugeln. Sein Hemd, die Hosenträger, die ruhige, fast allzu aufmerksame Art, einen Raum wahrzunehmen – all das würde in zappeligen Tanzschuppen nicht funktionieren. Genauso wenig wie seine Undercut-Irokesenfrisur, die man im Augenblick überall in den Cafés, Bars und Galerien der Metropolen von Berlin bis Tokio besichtigen kann. "Das war einfach nicht mein Stil", sagt Avidan über den Wankelmut-Remix, der ihm noch immer nicht gefällt und dessen Veröffentlichung er zunächst verhindern wollte. Die Verfremdung seiner Musik war ein Kontrollverlust, der nicht das Urheberrecht, sondern seine Gefühle verletzt hat.