Jäger betrachten die vier Meter lange Haut eines Tigerpython. © Josh Ritchie/Polaris/laif

Everglades, Florida. Im Kanal dümpelt ein Krokodil. Durchs Schilf staken Waldstörche. Über den Sandweg huscht ein Rotfuchs. Es grenzt an Ironie, dass wir ausgerechnet jene Tiere sehen, denen der Python angeblich den Garaus macht. Seit zwei Tagen pirschen wir durch die Everglades, um das Ungetüm zu jagen. Doch von der Riesenschlange, die sich massenhaft vermehrt, wie es heißt, findet sich weit und breit keine Spur. Weder im trüben Wasser der Mangrovensümpfe noch im dichten Gebüsch entlang der Tümpel. Auch nicht unter Felsvorsprüngen, in Erdlöchern oder auf den Bäumen. Dabei sollen die kaltblütigen Mörder doch überall lauern. Zu Tausenden.

Immer wieder springt Nick Gadbois aus seinem Geländewagen und stochert mit einem langen Stab in der Gegend herum. Er hat sich mit einer Machete bewaffnet und mit einer Schlinge, die an einer langen Metallstange aufgehängt ist. Für den Notfall hat er auch sein Gewehr dabei, eine 12-kalibrige Mossberg, mit der er schon als Kind auf Fasane schoss. Gadbois, 34, muskulös, schwarzer Backenbart, kennt die Everglades wie seine Westentasche. Hier, in diesem Naturschutzpark, etwa doppelt so groß wie das Saarland, arbeitet der Biologe und passt auf, dass beispielsweise der Bau von Straßen und Brücken keine Nistplätze oder Brutstätten stört. Er besitzt sogar einen Sonderschlüssel, mit dem er die rostigen Schranken öffnet, die gewöhnlichen Besuchern die Fahrt ins Innere dieses einzigartigen Biotops im Süden von Florida versperren.

Gadbois’ Auge ist geschult, und seine Kollegen sagen, er sei wie einer dieser Spürhunde, die mit ihrer feinen Nase Witterung von Schlangen aufnehmen. Doch in diesen Tagen wird selbst Gadbois nicht fündig. Außer einer einzigen Schleifspur im Gras weist nichts darauf hin, dass diese mächtigen Reptilien allgegenwärtig sind. Sie bleiben unsichtbar, wie vom Erdboden verschluckt.

Die Rede ist von Tigerpythons, riesigen Würgeschlangen, die bis zu sieben Meter lang und 90 Kilogramm schwer werden können und ihre Beute mit Haut und Haar verschlingen. Sie haben hier im subtropischen Florida eigentlich nichts zu suchen, sondern gehören in die Alte Welt, in die Urwälder Südostasiens, so wie Kaa, die Riesenschlange aus dem Dschungelbuch. Deshalb nennt man diese Eindringlinge in Amerika, in ihrer neuen Welt, auch Burmesische Pythons.

Doch irgendwann, wohl in den siebziger oder achtziger Jahren, haben unverantwortliche Menschen ein paar von ihnen in den Everglades ausgesetzt. Wahrscheinlich hielten sie die Tigerpythons als Haustiere und wurden der wachsenden Schlangen nicht mehr Herr. Überdies wütete im August 1992 Hurrikan Andrew in Florida und zerstörte reihenweise Häuser, darunter mehrere Zoohandlungen und eine Python-Zucht. Es wird vermutet, damals könnten bis zu tausend dieser Tiere in die unwegsamen Sümpfe entwichen sein. Nachweisen lässt sich das allerdings nicht, es handelt sich um eine reine Spekulation.

Langsam schlingt sich der muskulöse Körper um die Beute und erwürgt sie

1989 wurde der erste Tigerpython in den Everglades gesichtet, aber erst 2004 entdeckte man entsetzt, dass die Schlangen Eier gelegt hatten und sich in atemberaubenden Tempo vermehrten. Weibchen tragen im Durchschnitt rund 40 Eier, in einem wurden sogar 85 gefunden. Die bittere Erkenntnis: Anders als der aus Südamerika stammenden Großen Anakonda ist es dem Tigerpython gelungen, den Süden Floridas als neuen Lebensraum zu erobern und heimisch zu werden.

Die Pythons sind nicht die einzigen Eindringlinge. Etwa 140 exotische Tierarten wurden irgendwann einmal von ihren Besitzern in den Everglades losgelassen. Auch die argentinischen Schwarzweißen Tejus, eierfressende Echsen, sind eine Plage. Doch keine Art gilt als so bedrohlich für das Gleichgewicht der Natur wie die afrikanischen und asiatischen Pythons. Fern der ursprünglichen Heimat, wo Parasiten und Krankheiten sie in Schach hielten, haben Pythons kaum natürliche Feinde. Wissenschaftler zählen sie deshalb zu den "invasiven Spezies", die mehr schaden als nutzen. Ihre Einfuhr nach Amerika ist mittlerweile verboten – aber dies greift zu spät.