Die Krise des Euro hat auch etwas mit Schein und Anschein zu tun. Die deutsche Regierung unternimmt scheinbar alles, um diese Krise zu beenden. Sie will aber vor allem den Anschein vermeiden, das Ganze könne für Deutschland noch teuer werden. Sie will die Steuerzahler schonen. Also werden die möglichen Kosten der Krise auf Teilgruppen der Gesellschaft abgewälzt. Und nun sind die Sparer dran.

Geht eine Bank pleite, sollen künftig deren Aktionäre, Anleihenbesitzer und eben auch die Sparer haften. Die EU-Kommission will das; die Bundesregierung unterstützt den Plan. Alle Sparguthaben von mehr als 100.000 Euro würden herangezogen. Erst wenn die Sparer gezahlt haben, müsste der aus Steuergeld gespeiste Hilfsfonds ESM einspringen.

Die Regierung verkauft das als neue Ehrlichkeit: Als Sparer sei man verantwortlich dafür, was mit dem eigenen Geld geschehe. Und wer sein Geld einer Bank anvertraue, müsse eben genau hinschauen, ob dieser Bank auch zu trauen sei. Es ist ein zutiefst marktwirtschaftlicher Ansatz, weil der Gewinn (also der Zins auf dem Sparbuch) und das Risiko (die Pleite der Bank) nun einmal zusammengehören. Und dennoch hat die neue Ehrlichkeit etwas Unehrliches an sich. Denn die Sparer sind gar nicht fähig, so verantwortungsvoll mit ihrem Geld umzugehen. Und wahrscheinlich weiß die Regierung das auch.

Man muss sich nur einmal die Irrtümer der Vergangenheit anschauen: Telekom-Aktien, geschlossene Immobilienfonds oder isländische Tagesgeldkonten – immer verloren deutsche Sparer viel Geld, weil sie nicht verstanden, wem oder was sie Geld gegeben hatten. Die Verbraucherschutzzentralen kennen unzählige Fälle, in denen Sparer aus Unwissenheit in die unsinnigsten Dinge investieren. Und diese Leute sollen nun ernsthaft beurteilen, ob eine Bank kurz vor der Pleite steht?

Wenn der Finanzminister glaubt, auch die Sparer in die Verantwortung nehmen zu müssen, dann sollte er auch dafür sorgen, dass sie dieser Verantwortung nachkommen können. Die finanzielle Bildung zu fördern – etwa in den Schulen – wäre ein Projekt, mit dem die schwarz-gelbe Regierung zeigen könnte, dass sie die richtigen Lehren aus der Krise zieht. Es wäre aber auch ein Projekt über viele, viele Jahre. Doch weil demnächst Wahlen sind, setzt Wolfgang Schäuble eher auf kurzfristige Effekte. Vielleicht sind die Sparer ja so blöd, auch das nicht zu verstehen.