NachhaltigkeitEin Wort geht um die Welt

"Nachhaltigkeit", "sustainable development" – der Begriff ist jetzt genau 300 Jahre alt. Aber war sein Schöpfer tatsächlich schon ein Grüner? Fragen an den Kulturhistoriker Ulrich Grober von 

DIE ZEIT: Das Wort Nachhaltigkeit hat globale Karriere gemacht. Keine Regierungserklärung und keine Umweltresolution der UN, in der es heute nicht an prominenter Stelle vorkommt. Besteht nicht Abnutzungsgefahr?

Ulrich Grober: Dass der Begriff in der Mitte der Gesellschaft – und als sustainable development in der Weltgemeinschaft – angekommen ist, finde ich erst einmal großartig. Er ist eine Art Navigationsbegriff für die Reise in die Zukunft. "Sustainability is the key to human survival", also der Schlüssel zum Überleben der Menschheit. So hat der sri-lankische Richter am Internationalen Gerichtshof, Christopher Weeramantry, den Rang des Begriffs beschrieben. Die Gefahr liegt eher im Etikettenschwindel. Wo alles "nachhaltig" wird, ist am Ende nichts mehr nachhaltig. Oft wird die Vokabel benutzt, um dem Weiter-so ein gutes Gewissen zu machen. Aber deswegen den Begriff meiden? Wir reden ja auch von Demokratie, von Menschenrechten, obwohl selbst damit Schindluder getrieben wird.

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ZEIT: Der Begriff hat schon einige Jahrhunderte überlebt. Erfunden wurde er im Sachsen des Barock. Wie kam es dazu?

Ulrich Grober

ist Publizist, er lebt in Marl. Sein Buch Die Entdeckung der Nachhaltigkeit (Kunstmann Verlag) wurde gerade ins Englische übersetzt.

Grober: Damals wie heute ist Nachhaltigkeit ein Kind der Krise. Solange Gesellschaften im Wesentlichen ohne Übernutzung ihrer Ressourcenbasis leben und wirtschaften, brauchen sie den Begriff nicht. Afrikanische Bäuerinnen haben schlicht und einfach ihr Saatgut nicht vermahlen. Die Reisterrassen in China sind seit ein paar Tausend Jahren permanent fruchtbar. In vielen Kulturen der Welt waren Respekt für die Ahnen und Verantwortung für künftige Generationen mehr oder weniger eine Selbstverständlichkeit. Erst die Dynamik der frühindustriellen und frühkapitalistischen Expansion im Europa des 17. Jahrhunderts schürte die Angst vor einer drohenden Ressourcenkrise, nämlich einem "einreissenden Holzmangel". Der kursächsische Silberbergbau mit seinen holzfressenden Schmelzöfen war besonders krisenanfällig. Dessen Leiter, der Oberberghauptmann Carlowitz, hat den neuen Begriff dann in die Welt gesetzt. Das spricht für die Lernfähigkeit der Gesellschaft in der Ära der Frühaufklärung.

ZEIT: War Carlowitz tatsächlich der Erste, dem der Raubbau an der Natur auffiel?

Grober: Natürlich nicht. In England hatte der Gartenplaner, Bienenzüchter und Erfolgsautor John Evelyn im Auftrag der Royal Society ein flammendes Plädoyer für die Wiederaufforstung des Landes formuliert. Das war 1664. Gleichzeitig hatte in Frankreich Ludwig XIV., der Sonnenkönig, höchstpersönlich eine groß angelegte Forstreform in Gang gesetzt. Carlowitz kannte das alles aus eigener Anschauung. Er kannte auch die Forstordnungen der deutschen Territorien und nicht zuletzt die Praxis der bäuerlichen Allmende-Wälder. Überall waren bereits Regulierungen des Holzeinschlags vorgesehen. Das hat er in seinem Buch verarbeitet und auf den neuen Begriff gebracht.

ZEIT:Sylvicultura oeconomica heißt schlicht "Waldwirtschaft". War Carlowitz mehr Technokrat oder ein früher grüner Fundi?

Grober: Na ja, erst mal verstand man unter oeconomica damals etwas anderes als heute. Das Wort meinte "haushälterisch", also den sparsamen Umgang mit den Ressourcen. Heute verstehen wir unter Ökonomie ja vor allem: "Let’s make money!" Carlowitz war Kameralist. Er sah sich als Hüter des Gemeinwohls. Seine Sorge galt dem "Flor", dem Aufblühen des Landes, und der "Glückseligkeit" aller, auch der armen Untertanen und der "lieben Posterität", der künftigen Generationen. Die Natur war für ihn noch "mater natura", Mutter Natur. Ressourcen sah er als eine Gabe Gottes. Bei ihrer Nutzung darf man folglich nicht "wider die Natur" handeln, sondern muss "mit ihr agieren" – naturgemäß wirtschaften.

ZEIT: War Carlowitz eigentlich ein religiöser Mensch?

Grober: Sein Leichenprediger Hieronymus Wäger lobte 1714 die "rein evangelische" Gesinnung dieses "christlichen Edelmanns". Demnach war er ein frommer Lutheraner. Blättert man in seinem Opus, stößt man auf Wortfügungen wie "Gott und die Natur" beziehungsweise "die Natur oder vielmehr Gott, der Allmächtige".

ZEIT: Das klingt eher nach Spinoza!

Grober: In der Tat. " Deus sive natura" – das ist Spinozas Formel, damit setzt er Gott und die Natur ineins. Auf seiner Grand Tour war der junge Carlowitz ja auch in Leiden, damals lebte der Niederländer noch. Und einer der engsten Vertrauten Spinozas, der sächsische Philosoph und Erfinder Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, gehörte zum Umkreis des Oberbergamtes. Spinozas Gedankengut war um 1700 allerdings noch eine brisante Sache. Denn Spinoza galt als Atheist.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für dieses Interview! Hätte nie vermutet, dass der heute geradezu schon inflationär verwendete Begriff der Nachhaltigkeit schon im 17. Jahrhundert vertreten wurde.

  2. "sustainability" zu übersetzen, denn - was da als mit diesem Ausdruck aus den US und dem UK nach Deutschland kam - das war schon damals nur unzureichend mit Begriffen aus der heimatlichen Forstwirtschaft des 18.- oder-wie hier gar verdeutlicht wird-des 17. Jahrhunderts zu beschreiben.
    Etymologische Diskurse wie hier sind immer wieder sehr spannend und in jedem Falle sehr lehrreich, aber-Epplers Rede von 2002 trifft es eher: nicht das Wort "Nachhaltigkeit" geht um die Welt-sondern-das viel weit reichendere Wort "Sustainability".
    Deutschland war Anfang der 1980er Jahre führend in allen ökologischen Themen-das kleine Land da in der Mitte Europas jedoch konnte da keine "Trends" oder gar Entwicklungen vorgeben-weitaus mächtigere Gegenentwicklungen strömten da im Zuge von Reagonomics und Thatcherism auch nach Mitteleuropa. Orte wie Freiburg als "Solar-Hauptstadt" blieben zunehmend marginalisierte Inseln-heute scheint da alles im neoliberalen Strom der "mit magischer Hand" (de-) regulierten Märkte zu versinken. Und-etymologische Diskurse wie hier haben da irgendwie etwas selbst Beschwichtigendes - ein Schulterklopfen am Rande des Abgrunds sozusagen.
    Eppler setzt 2002 noch Neoliberalismus vs. "ökologische Vorsorgepolitik" und - zu Recht fragt da einer, was sich denn Substantielles seitdem geändert habe. Vielleicht bringt der Abgrund uns ja auch eher dazu, den Sprung über den eigenen Schatten zu wagen?
    http://befoo.wordpress.co...

  3. 3. [...]

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