US-ÖlpestGiftige Kosmetik

Drei Jahre nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko zeigt sich: Bei der Bekämpfung hat BP mit einer gefährlichen Substanz operiert. Viele Helfer haben mit ihrer Gesundheit bezahlt. von Mark Hertsgaard

Mai 2010: Südlich von Venice (Louisiana) ziehen Arbeiter nach dem Unglück der "Deepwater Horizon" Ölbarrieren über den Strand.

Mai 2010: Südlich von Venice (Louisiana) ziehen Arbeiter nach dem Unglück der "Deepwater Horizon" Ölbarrieren über den Strand.  |  © Carlos Barria/Reuters

Eine stinkende, in Regenbogenfarben schillernde Schmiere bedeckte den Fußboden einer Art schwimmenden Hotels im Golf von Mexiko. Jamie Griffin kochte während der Ölpest vor drei Jahren für Hunderte von Reinigungskräften. Griffin war Mädchen für alles und versuchte also auch, den Boden von dem klebrigen Zeug zu reinigen, das Arbeiter wohl mit ihren Schuhen hineingetragen hatten. Aber nicht einmal kochend heißes Wasser half.

Ein "BP-Vertreter meinte: Jamie, wisch das einfach auf, wie du jeden anderen dreckigen Boden wischen würdest." Griffin erinnert sich an diese Worte. Die Schmiere auf dem Boden sei "so sicher wie das Spülmittel Dawn", habe der Mitarbeiter des Ölkonzerns BP gesagt.

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Es waren die Wochen der "schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte Amerikas", wie Barack Obama sagte. Am 20. April 2010 um 21.45 Uhr hatte eine Explosion auf der Ölplattform Deepwater Horizon elf Arbeiter in den Tod gerissen und 17 weitere verletzt. Eine Meile unter der Wasseroberfläche hatte das Macondo-Bohrloch ein riesiges Leck bekommen, aus dem riesige Mengen Öl in den Golf von Mexiko strömten. Das Öl bedrohte Fanggebiete, aus denen rund ein Drittel des Fischkonsums in den USA gedeckt wurde. Das milliardenschwere Tourismusgeschäft an den Stränden von Texas bis Florida stand ebenso infrage wie die Wiederwahl Barack Obamas. Die gegnerischen Republikaner griffen ihn an, seine Umfragewerte sanken, und sogar seine elfjährige Tochter fragte fordernd: "Papa, hast du das Loch schon zugemacht?"

Infografik: Ölpest
Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum interaktiven Rückblick der Katastrophe im Golf von Mexiko zu gelangen

Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum interaktiven Rückblick der Katastrophe im Golf von Mexiko zu gelangen  |  © ZEIT ONLINE

Griffin tat, was ihr aufgetragen worden war. "Ich versuchte mit dem Reinigungsmittel Pine Sol und mit Bleiche diese Böden sauber zu kriegen." Während sie schrubbte, spritzte gelegentlich ein Gemisch aus Reinigungsmittel und Schmiere auf ihre Arme und ihr Gesicht. Innerhalb von wenigen Tagen hustete die 32-jährige alleinerziehende Mutter Blut und litt an permanentem Kopfschmerz. Sie verlor ihre Stimme. "Mein Hals fühlte sich an, als hätte ich Rasierklingen verschluckt."

Es kam noch schlimmer.

Wie Hunderte, möglicherweise Tausende Arbeiter, die mit der Bekämpfung der Ölpest beschäftigt waren, wurde Griffin bald Opfer vieler qualvoller und bizarr wirkender Leiden. Im Juli verdrehten unkontrollierte Muskelspasmen ihre Hände zu unbeweglichen Klauen. Im August verlor sie kurzfristig ihr Erinnerungsvermögen. Nachdem sie zehn Jahre lang als Köchin gearbeitet hatte, erinnerte sie sich mit einem Mal nicht mehr, wie man eine Gemüsesuppe kocht. An einem Morgen stieg sie ins Auto und bemerkte, dass sie keine Hose angezogen hatte. Die rechte Seite ihres Körpers – und nur die rechte – "begann verrückt zu reagieren. Es fühlte sich so an, als würden die Nerven durch die Haut kommen. Es war höllisch schmerzhaft. Mein rechtes Bein schwoll an, irgendwann hatte mein Knöchel den Umfang meiner Wade, und meine Haut begann furchtbar zu jucken."

"Es sind dieselben Symptome, unter denen Soldaten gelitten haben, die aus dem Mittleren Osten mit dem Golfkriegssyndrom zurückgekommen sind", sagt Michael Robichaux, ein Arzt in Louisiana und früher Mitglied des Senats in diesem Bundesstaat. Er hat Griffin und 113 weitere Patienten mit ähnlichen Beschwerden behandelt. Aber als Allgemeinmediziner habe er, sagt Robichaux, "solche Symptome noch nie zusammen gesehen: Hautirritationen, neurologische Schädigungen und dazu Probleme mit der Lunge". Erst die Zusammenarbeit mit Kaye H. Kilburn, einem der führenden Experten für die gesundheitlichen Folgen von Umweltverschmutzungen in den USA, half ihm weiter. Nachdem dieser in Louisiana 14 von Robichaux’ Patienten getestet hatte, erkannten die beiden Mediziner Ähnlichkeiten zum Golfkriegssyndrom.

Unterdessen quoll weiter Öl aus dem Bohrloch unter der See, die Medien berichteten rund um die Uhr, und die Welt sah mit angehaltenem Atem zu, wie dem BP-Konzern ein Versuch nach dem anderen misslang, das Leck zu schließen. Quälende 87 Tage vergingen, bis die Quelle am 15. Juli endlich dicht war. Nach Schätzungen der US-Regierung waren 210 Millionen Gallonen Rohöl in den Golf geflossen, und damit war es die größte Ölpest infolge eines Unfalls in der Weltgeschichte.

Jetzt aber, drei Jahre später, ist die Katastrophe weltweit fast in Vergessenheit geraten. Nur die Wirtschaftspresse berichtet noch im Detail über den "Jahrhundertprozess" (Financial Times) in New Orleans, bei dem BP eine Strafzahlung von mehreren Milliarden Dollar droht. Und was Obama angeht: Der Präsident, der am Anfang der BP-Krise die "skandalös enge Beziehung" zwischen Ölfirmen und Regierungsbehörden scharf kritisiert hatte, warb zwei Jahre später im Wahlkampf damit, wie viele Erkundungen neuer Öl- und Gasquellen seine Administration gebilligt habe.

Leserkommentare
  1. Bei soviel perfidem Kalkül gepaart mit Abgebrühtheit und Verantwortungslosigkeit fehlen einem die Worte...

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    • gorgo
    • 20. April 2013 20:43 Uhr

    Eine kurze Email an den Konzern ev. mit Hinweis auf diesen Artikel, sollte Leuten, die dort arbeiten wenigstens zeigen, dass sie mit Öffentlichkeit rechnen müssen. Natürlich gerät das nicht direkt an die Schw...e, die dafür verantwortlich sind. Indirekt aber wird es für Aufregung sorgen. Schließlich wird nicht nur hier berichtet.
    Hätte ich ein Auto oder eine Ölheizung, ich würde sicher keine Produkte von dieser unfassbar unverschämten Firma kaufen.
    Hier kann man sich äußern - die Pressesprecher stehen bereit:
    http://www.deutschebp.de/...

    benzin oder diesel?

    wollen sie es warm im winter?

    reflektieren sie dabei?

  2. bleiben Mensch und Natur fast immer auf der Strecke. Die ständige Gewinnmaximierung erfordert zwangsläufig, dass der ärmere Teil der Gesellschaft die Drecksarbeit macht und mit seiner Gesundheit für die Aktiengewinne der Reichen bezahlt.

    Wenn schon in relativ unschwierigen Gewässern wie im Golf von Mexico Bohrunfälle zu solchen Katastrophen führen, kann man sich auch ohne Schwarzmalen zu wollen, das entsprechende Szenario in den zukünftigen Bohrfeldern der Arktis vorstellen. Irgendwann ist der Stoff sowieso zu Ende, warum ist ein Umdenken so schwer?

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  3. ...weil sie aufgrund ihrer Größe "systemrelevant" sind, dann diktieren sie Regierungen ihre Regeln - die Subventionen, die arbeitsrechtlichen Regelungen, und eben auch die Umweltstandards und die Auslegung der Gesetze.
    Das ist im Falle "Deepwater Horizon" eine Katastrophe für Mensch und Umwelt und die Demokratie gleichermaßen.
    Es ist, davon abgesehen, auch ein Nachteil für kleinere Unternehmen, die sich an die Regeln halten müssen.
    Mehr demokratische Kontrolle im "big business" und transparentere Strukturen wären deswegen nicht nur für Staaten und "einfache Bürger" ein Vorteil, sondern würden auch die Fairness in der Wirtschaft befördern.

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    Als kleiner Einzelhändler für Bio-Lebensmittel sehe ich die selben Probleme im Lebensmittelbereich. Gier- und Machtsucht einiger wenigen gefährden unsere Gesellschaft. Politik, Behörden, Rechtsprechung wurden zu Steigbügelhaltern dieser "Menschen".
    Dies ist und war allen bekannt. Warum ändern die "kleinen Leute" nichts an ihrem Vehalten? Das haben wir nicht gewußt - kann heute niemand mehr sagen.
    Wenn viele kleinen Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Taten vollbringen wird viel verändert. (afrikanisches Sprichwort) Vielleicht gehören wir zwei ja schon zu dieser Gruppe von Menschen.
    Alles Gute
    Peter Washausen

  4. daß es eine schlechte Idee sein könnte, einem Ölkonzern selbst die Wahl der Mittel zu überlassen, diese Sauerei wegzumachen? Jene sind doch sonst immer ein Musterbeispiel an moralischer Integrität.

    Nächstes mal unabhängige Wissenschaftler und Fachmänner machen lassen und BP die Rechnung schicken.

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  5. verwendet wurden, war doch schon zum Einsatzzeitpunkt bekannt.
    Erstaunt hat zwischenzeitlich nur, dass ja auch schon mal Entwarnung gegeben wurde, frei nach den Motto "alles auf natürlichem Weg verschwunden".
    Das war wohl Wunschdenken und man hofft die Betroffenen (Mensch und Natur) nur das Beste.

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    • rb001
    • 20. April 2013 20:40 Uhr

    Habe ich richtig gelesen, daß nach langen Seiten des Laments nicht einmal erwähnt wird: Was ist denn nun drin in Corexit ??? - Alles schlimm und böse - alles Correxit,

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    • 15thMD
    • 20. April 2013 21:36 Uhr

    "Nach Information des Herstellers Nalco an die US-Umweltbehörde EPA sind in Corexit die folgenden Substanzen enthalten: Docusat-Natrium, Sorbitanmonooleat, Polysorbat 80, Polysorbat 85, Propan-1,2-diol und Butylglykol." - Wikipedia

    Sagen wir mal so: Ihre Eltern haben Ihnen nicht umsonst gesagt, dass Sie keinen Kleber, keine Wandfarbe und keinen Kloreiniger verzehren sollen, sowie keine Zigaretten rauchen sollen.

    Das ganze ist ein Gemisch aus verschiedensten Lösungsmitteln. Wenn BP gesagt hätte, dass Sie jede Menge Lack ins Meer kippen, dann hätten vielleicht mehr Leute protestiert.

    Versucht man gerade zu verdrängen, wie giftig das Erdöl selber ist?

    Als Anfang dann http://en.wikipedia.org/w...
    ist etwas ausführlicher als das deutsch, besonders zur Toxizität

    • gorgo
    • 20. April 2013 20:43 Uhr

    Eine kurze Email an den Konzern ev. mit Hinweis auf diesen Artikel, sollte Leuten, die dort arbeiten wenigstens zeigen, dass sie mit Öffentlichkeit rechnen müssen. Natürlich gerät das nicht direkt an die Schw...e, die dafür verantwortlich sind. Indirekt aber wird es für Aufregung sorgen. Schließlich wird nicht nur hier berichtet.
    Hätte ich ein Auto oder eine Ölheizung, ich würde sicher keine Produkte von dieser unfassbar unverschämten Firma kaufen.
    Hier kann man sich äußern - die Pressesprecher stehen bereit:
    http://www.deutschebp.de/...

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sprachlos"
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    ... daß ich nicht mehr BP tanke und dies auch meinem gesamten Bekanntenkreis empfehle.

    Wenn das viele tun, tut es BP zumindest weh. Nach dem Brent-Spar-Skandal der Shell hat der Boykott der Verbraucher etwas bewirkt.

  6. ...das BP geglaubt hat das da niemand zu schaden kommt bzw man nicht dahinter kommt was es mit den Chemicalien auf sich hat.
    Und hat Nalco seit drei Jahren nichts dazu zu sagen gehabt? Die haben wissen müssen(!) das das gesundheitliche Folgen hat für die Menschen.
    Es war nicht deren Schuld wie Corexit BP verwendet hat, aber drei Jahre schweigen wenn man Bedenken hat das das Zeug unsachgemäß verwendet worden ist? Tonnenweise?
    Und wo war die Presse? Die Staatsanwaltschaft? Die Ökobewegungen?
    Man hat doch nicht ernsthaft gelaubt das das Problem einfach so erledigt ist, oder?

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