Mai 2010: Südlich von Venice (Louisiana) ziehen Arbeiter nach dem Unglück der "Deepwater Horizon" Ölbarrieren über den Strand. © Carlos Barria/Reuters

Eine stinkende, in Regenbogenfarben schillernde Schmiere bedeckte den Fußboden einer Art schwimmenden Hotels im Golf von Mexiko. Jamie Griffin kochte während der Ölpest vor drei Jahren für Hunderte von Reinigungskräften. Griffin war Mädchen für alles und versuchte also auch, den Boden von dem klebrigen Zeug zu reinigen, das Arbeiter wohl mit ihren Schuhen hineingetragen hatten. Aber nicht einmal kochend heißes Wasser half.

Ein "BP-Vertreter meinte: Jamie, wisch das einfach auf, wie du jeden anderen dreckigen Boden wischen würdest." Griffin erinnert sich an diese Worte. Die Schmiere auf dem Boden sei "so sicher wie das Spülmittel Dawn", habe der Mitarbeiter des Ölkonzerns BP gesagt.

Es waren die Wochen der "schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte Amerikas", wie Barack Obama sagte. Am 20. April 2010 um 21.45 Uhr hatte eine Explosion auf der Ölplattform Deepwater Horizon elf Arbeiter in den Tod gerissen und 17 weitere verletzt. Eine Meile unter der Wasseroberfläche hatte das Macondo-Bohrloch ein riesiges Leck bekommen, aus dem riesige Mengen Öl in den Golf von Mexiko strömten. Das Öl bedrohte Fanggebiete, aus denen rund ein Drittel des Fischkonsums in den USA gedeckt wurde. Das milliardenschwere Tourismusgeschäft an den Stränden von Texas bis Florida stand ebenso infrage wie die Wiederwahl Barack Obamas. Die gegnerischen Republikaner griffen ihn an, seine Umfragewerte sanken, und sogar seine elfjährige Tochter fragte fordernd: "Papa, hast du das Loch schon zugemacht?"

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Griffin tat, was ihr aufgetragen worden war. "Ich versuchte mit dem Reinigungsmittel Pine Sol und mit Bleiche diese Böden sauber zu kriegen." Während sie schrubbte, spritzte gelegentlich ein Gemisch aus Reinigungsmittel und Schmiere auf ihre Arme und ihr Gesicht. Innerhalb von wenigen Tagen hustete die 32-jährige alleinerziehende Mutter Blut und litt an permanentem Kopfschmerz. Sie verlor ihre Stimme. "Mein Hals fühlte sich an, als hätte ich Rasierklingen verschluckt."

Es kam noch schlimmer.

Wie Hunderte, möglicherweise Tausende Arbeiter, die mit der Bekämpfung der Ölpest beschäftigt waren, wurde Griffin bald Opfer vieler qualvoller und bizarr wirkender Leiden. Im Juli verdrehten unkontrollierte Muskelspasmen ihre Hände zu unbeweglichen Klauen. Im August verlor sie kurzfristig ihr Erinnerungsvermögen. Nachdem sie zehn Jahre lang als Köchin gearbeitet hatte, erinnerte sie sich mit einem Mal nicht mehr, wie man eine Gemüsesuppe kocht. An einem Morgen stieg sie ins Auto und bemerkte, dass sie keine Hose angezogen hatte. Die rechte Seite ihres Körpers – und nur die rechte – "begann verrückt zu reagieren. Es fühlte sich so an, als würden die Nerven durch die Haut kommen. Es war höllisch schmerzhaft. Mein rechtes Bein schwoll an, irgendwann hatte mein Knöchel den Umfang meiner Wade, und meine Haut begann furchtbar zu jucken."

"Es sind dieselben Symptome, unter denen Soldaten gelitten haben, die aus dem Mittleren Osten mit dem Golfkriegssyndrom zurückgekommen sind", sagt Michael Robichaux, ein Arzt in Louisiana und früher Mitglied des Senats in diesem Bundesstaat. Er hat Griffin und 113 weitere Patienten mit ähnlichen Beschwerden behandelt. Aber als Allgemeinmediziner habe er, sagt Robichaux, "solche Symptome noch nie zusammen gesehen: Hautirritationen, neurologische Schädigungen und dazu Probleme mit der Lunge". Erst die Zusammenarbeit mit Kaye H. Kilburn, einem der führenden Experten für die gesundheitlichen Folgen von Umweltverschmutzungen in den USA, half ihm weiter. Nachdem dieser in Louisiana 14 von Robichaux’ Patienten getestet hatte, erkannten die beiden Mediziner Ähnlichkeiten zum Golfkriegssyndrom.

Unterdessen quoll weiter Öl aus dem Bohrloch unter der See, die Medien berichteten rund um die Uhr, und die Welt sah mit angehaltenem Atem zu, wie dem BP-Konzern ein Versuch nach dem anderen misslang, das Leck zu schließen. Quälende 87 Tage vergingen, bis die Quelle am 15. Juli endlich dicht war. Nach Schätzungen der US-Regierung waren 210 Millionen Gallonen Rohöl in den Golf geflossen, und damit war es die größte Ölpest infolge eines Unfalls in der Weltgeschichte.

Jetzt aber, drei Jahre später, ist die Katastrophe weltweit fast in Vergessenheit geraten. Nur die Wirtschaftspresse berichtet noch im Detail über den "Jahrhundertprozess" (Financial Times) in New Orleans, bei dem BP eine Strafzahlung von mehreren Milliarden Dollar droht. Und was Obama angeht: Der Präsident, der am Anfang der BP-Krise die "skandalös enge Beziehung" zwischen Ölfirmen und Regierungsbehörden scharf kritisiert hatte, warb zwei Jahre später im Wahlkampf damit, wie viele Erkundungen neuer Öl- und Gasquellen seine Administration gebilligt habe.

BP bestand auf Verwendung von Corexit

Es gibt eine Art Massenamnesie, an der auch der Ölkonzern großen Anteil hat: BP begann damals mit einer zwar spontanen, aber groß angelegten Verschleierung. Sie verhinderte, dass die Medien und damit auch die Öffentlichkeit sahen, wie viel Öl tatsächlich in den Golf von Mexiko strömte. Die Katastrophe erschien auf diese Weise kleiner und weniger zerstörerisch, als sie tatsächlich gewesen ist.

Dass der Konzern Falschinformationen darüber in die Welt gesetzt hat, wie viel Öl ausgelaufen ist, ist inzwischen bekannt. Im vergangenen November gaben BP-Verantwortliche zu, dem US-Kongress diesbezüglich die Unwahrheit gesagt zu haben. Diese "Richtigstellung" war Teil der außergerichtlichen Einigung mit der amerikanischen Justizbehörde, in der sich BP für 14 Vergehen schuldig bekannte und 4,5 Milliarden Dollar zahlte. BP ließ sich darauf ein, um einen Strafprozess zu vermeiden. Eine höhere Strafe hatte noch kein Unternehmen für ein Umweltdelikt akzeptiert.

Verborgen geblieben ist dagegen, wie BP die Ölmengen vor den Fernsehkameras verstecken konnte. Unerkannt ist auch der Preis, den Katastrophenhelfer, Küstenbewohner und das Ökosystem im Golf von Mexiko für "das Verschwinden" des Öls zahlen. Doch diese Geschichte kann nun erzählt werden, einem anonymen Informanten sei Dank.

Das Hauptwerkzeug der Verschleierung war jene Substanz, mit der Jamie Griffin und zahllose andere Reinigungsmitarbeiter und Anwohner in Kontakt kamen – kurz bevor sie erkrankten. Die Substanz heißt Corexit (im Englischen klingt es wie "corrects it": bringt etwas in Ordnung). Aber meistens taucht es nur allgemein als "Dispersionsmittel" in Presseberichten auf. Corexit hatte die Funktion, sich an das auslaufende Öl zu heften und es in kleine Tröpfchen zu zerlegen. Dadurch verteilte sich das Öl leichter in den Weiten des Meeres, und weniger davon wurde an die Küsten und Strände geschwemmt. Vor allem aber war es dann nicht mehr so gut zu sehen.

Die rund sieben Millionen Liter Corexit, die BP verteilt hat, ließen die Ölpest verschwinden, zumindest von den Bildschirmen. Ende Juli 2010 fragten die Nachrichtenagentur Associated Press und die New York Times bereits, ob das Ölleck überhaupt eine so große Sache gewesen sei. Das Magazin Time ging sogar so weit, dem rechtsgerichteten Radiomoderator Rush Limbaugh mit den Worten "er hat nicht ganz unrecht" zuzustimmen, als er Journalisten und Umweltaktivisten beschuldigte, die Krise übertrieben darzustellen.

Aber BP hat ein Problem: Der Konzern sagte über die Gefährlichkeit von Corexit die Unwahrheit. Sollten Verantwortliche davon gewusst haben, dann hat BP die Öffentlichkeit nicht nur getäuscht, sondern auch die Gesundheit von Abertausenden von Menschen gefährdet.

Belastende Indizien dafür sind in die Hände der Organisation Government Accountability Project (kurz GAP) gelangt. GAP ist eine Gruppe von Aktivisten, die eine Anlaufstelle für Hinweisgeber sein wollen. Wer brisantes Material hat und es öffentlich machen will, aber selbst unerkannt bleiben möchte, der kann sich an die GAP wenden. Und genau das hat ein anonymer Informant nun getan.

Er hat GAP ein technisches Handbuch der Firma Nalco übergeben, jenes Unternehmens, welches das im Golf verwendete Corexit lieferte. Eine elektronische Kopie des Handbuches veröffentlicht GAP dieser Tage – genauso wie einen Bericht, der den Titel Tödliche Dispersionsmittel im Golf trägt. Nach Dutzenden Interviews mit Reinigungsarbeitern, Wissenschaftlern und Anwohnern kommen die Aktivisten zu dem Schluss, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die Jamie Griffin erlitt, auch viele andere Menschen trafen.

So viel steht fest: 19 Monate nach der Explosion auf der Deepwater Horizon kam im wissenschaftlichen Journal Environmental Pollution eine Studie heraus, die besagt, dass Rohöl 52-mal giftiger wird, wenn es mit Corexit kombiniert wird. Die Rekonstruktion der Ereignisse zeigt außerdem, dass BP darauf bestand, Corexit zu benutzen, obwohl der Konzern und auch öffentliche Stellen vor dem Mittel gewarnt wurden.

Alarm hat zum Beispiel die Umweltorganisation Louisiana Environmental Action Network geschlagen. Die wissenschaftliche Beraterin der Organisation, die Chemikerin Wilma Subra, war besonders besorgt über die gefährliche Mischung aus Rohöl und Corexit. Das habe sie Landes- und Bundesbehörden auch mitgeteilt, sagt sie. Den Aktivisten von GAP beschrieb sie später, was geschehen kann, wenn Menschen ungeschützt mit dieser Mischung in Berührung kommen: "Die kurzfristigen Symptome sind akute Atembeschwerden, Hautausschläge, Herz-Kreislauf-Probleme, Störungen des Magen-Darm-Trakts und kurzzeitige Gedächtnislücken."

Wilma Subra ist nicht irgendwer. Ihre Arbeiten über giftige Umweltverschmutzung haben ihr die Auszeichnung "Genius Grant" der renommierten MacArthur Stiftung eingebracht. Sie sagt: "Langfristige Auswirkungen sind Krebs, nachlassende Lungenfunktion, Leber- und Nierenschädigung."

BP wurde ebenfalls früh gewarnt. Der Konzern lehnte jedoch eine Bitte von Lisa Jackson, Leiterin der staatlichen Umweltschutzagentur EPA, ab, ein weniger giftiges Dispersionsmittel bei der Reinigung zu verwenden. Jacksons Brief stammt vom 19. Mai 2010, da lief das Öl noch ungehindert ins Meer. Die Leiterin der Umweltbehörde konnte tatsächlich lediglich darum bitten, dass BP ein anderes Mittel verwende, es aber nicht anordnen. Warum? Weil ein altes Bundesgesetz, der Oil Pollution Act, den Einsatz von Corexit erlaubte.

Gesetzliche Vorschriften kaum oder gar nicht eingehalten

Auf Nachfrage erläutert Jackson heute, dass sie und ihre Kollegen damals generell "entscheiden mussten, auf Grundlage weniger genauer wissenschaftlicher Testverfahren, als wir sie heute haben, und auf Grundlage von weniger Daten, ob Dispersionsmittel – bei allen Nebenwirkungen – die Situation im Golf und im Ökosystem an der Küste verbessern. Ich habe es oft gesagt: Es galt, mögliche Schäden in der Tiefsee abzuwägen gegenüber möglicherweise größeren Mengen Öl im reichhaltigen Ökosystem an der Küste, im Flachwasser und in den Flussmündungen."

Der Ölkonzern gab Jackson in der Katastrophenzeit eine ganz andere Antwort. Corexit sei sicher, schrieb BP am 20. Mai 2010 zurück, und fügte hinzu, dass es zudem in ausreichender Menge zur Verfügung stünde, was für alternative Dispersionsmittel nicht gelte.

Aber Corexit war ganz eindeutig nicht ungefährlich, wie es auch das besagte Handbuch des Lieferanten Nalco schwarz auf weiß belegt. Und der Ölkonzern hatte es von seinem Lieferanten Nalco erhalten. Das Vessel Captains Hazard Communication Resource Manual (Kapitänshandbuch zur Gefahrenaufklärung), das der ZEIT vorliegt, sieht recht harmlos aus. Es ist ein Ringbuchordner mit schwarzem Plastikdeckel. Es besteht aus 61 Seiten, jede einzelne in Plastik eingeschweißt. Detailliert wird darin die wissenschaftliche Beschaffenheit der zwei Arten von Corexit dargelegt, die BP gekauft hat. Die Gesundheitsgefährdung wird deutlich gemacht, Schutzmaßnahmen werden empfohlen.

Die erste Variante, Corexit 9527, war um ein Vielfaches toxischer als die zweite. Laut Nalco-Handbuch führt sie zu "Augen- und Hautirritationen. Wiederholter oder übermäßiger Kontakt (...) kann die roten Blutkörperchen (Hemolysis), Nieren oder Leber schädigen". Dort steht auch: "Übermäßiger Kontakt kann Auswirkungen auf das Nervensystem haben, Übelkeit und Übergeben auslösen und betäubende oder narkotisierende Wirkung haben." Die Firma rät, damit höchst vorsichtig umzugehen: "Darf nicht mit Augen, Haut oder Kleidung in Berührung kommen." Und: "Tragen Sie angemessene Schutzkleidung."

Für den zweiten Typ Dispersionsmittel, Corexit 9500, wird in dem Handbuch geraten: "Darf nicht mit Augen, Haut oder Kleidung in Berührung kommen", "vermeiden Sie das Einatmen der Dämpfe", und "tragen Sie angemessene Schutzkleidung".

Es ist ein Standardverfahren – und wird vom Gesetzgeber in den USA so verlangt –, dass Firmen diese Informationen an allen Arbeitsplätzen verteilen, an denen die Arbeiter gefährlichen Materialien ausgesetzt sind. Hat BP die Handbücher überall ausgegeben und die Helfer auf die Risiken hingewiesen?

Interviews mit vielen Reinigungskräften von damals legen nahe, dass diese gesetzlichen Vorschriften kaum oder gar nicht eingehalten wurden. Stattdessen liegt der Verdacht nahe, BP habe den Lieferanten Nalco sogar angewiesen, die Handbücher nicht mehr mit dem Corexit zusammen auszugeben.

Der Informant von GAP sagt jedenfalls: "Soweit ich weiß, wurden einige Handbücher am Anfang (der Reinigungsarbeiten) in der Tat noch mitgeliefert." Und weiter: "Dann aber hat BP die Firma Nalco angewiesen, sie nicht mehr auszuliefern. Und Nalco blieb auf einem Haufen unbenutzter Ringbuchordner sitzen."

BP verzichtete auf eine Stellungnahme.

Nalcos Direktor für weltweite Kommunikation, Roman Blahoski, versuchte dagegen, die Verantwortung seines Unternehmens abzugrenzen: "Nalco reagierte auf Bestellungen für seine zuvor genehmigten Dispersionsmittel durch diejenigen, die den Golf schützen und die Wirkungen dieses Ereignisses auf Umwelt, Gesundheit und Wirtschaft mildern sollten. Nalco war aber nie an Entscheidungen über den Gebrauch, das Volumen und die genaue Anwendung beteiligt."

Also geht der Blick zurück auf BP. Die Gefährdung durch Corexit herunterzuspielen ging Hand in Hand mit der Falschinformation, die BP über das Ausmaß der Umweltverschmutzung verbreitete. Wie in der Huffington Post zu lesen war, zeigen interne E-Mails aus der damaligen Zeit: Im April und Mai 2010, also während der laufenden Katastrophe, schätzte BP, dass "aus der unkontrolliert sprudelnden Ölquelle täglich zwischen 62.000 und 146.000 Barrel Öl austreten" würden. Zur gleichen Zeit machten BP-Verantwortliche der Regierung und den Medien weis, es würden pro Tag lediglich 5.000 Barrel austreten.

Zusammengefasst lief es so: Der Konzern behauptete öffentlich, es trete viel weniger Rohöl aus, als die eigenen Fachleute vermuteten, und zugleich sorgte das Mittel Corexit dafür, dass es an der Wasseroberfläche und an den Stränden auch danach aussah.

Scott Porter, ein Wissenschaftler und Tiefseetaucher, der Ölfirmen und Austernfischer berät, sagt in dem GAP-Bericht: "Ölfirmen haben gelernt, dass in der Öffentlichkeit der Spruch gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Sie haben Rohöl-Dispersionsmittel als erstes Werkzeug benutzt, um große Ölkatastrophen auf dem Meer zu behandeln."

BP habe auch ein finanzielles Interesse daran gehabt, Corexit zu verwenden, argumentiert Clint Guidry, Präsident der Fischervereinigung Louisiana Shrimp Association. Viele Mitglieder nahmen damals an der Katastrophenbekämpfung teil – auf dem Höhepunkt zählte man 47.000 Reinigungskräfte. Da die Fischer aufgrund der Ölpest nicht mehr arbeiten konnten, gründeten BP, der Bundesstaat Louisiana sowie Regierungsbehörden das "Vessels of Opportunity (VoO)"-Programm.

Subunternehmer verweigerten Arbeitern angemessene Schutzausrüstung

Aus diesem Programm wurden Fischer bezahlt, wenn sie mit ihren Booten hinausfuhren, um das an der Oberfläche treibende Öl durch Abschöpfen, Verbrennen oder auf andere Weise loszuwerden. Guidrys Argument lautet: Die Dispersionsmittel hätten das Gesamtvolumen des Öls, das sich auf BP zurückverfolgen lasse, verringert. Das wiederum könne am Ende die Schadensersatzzahlungen deutlich schmälern.

Aber das Ende der Vorwürfe ist noch nicht erreicht: Männer, die für BP als Subunternehmer gearbeitet haben, sollen sich auch geweigert haben, den Arbeitern angemessene Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen.

"Ich habe wohl mit ein paar Hundert Fischern im VoO-Programm gearbeitet", erzählt Acy Cooper, der stellvertretende Chef des Fischerverbunds. "Nicht einer wurde über Vorsichtsmaßnahmen informiert oder geschult, wie sie mit dem gefährlichen Material, mit dem sie in Berührung kommen, umzugehen haben." Cooper sagt, BP hätte die Arbeiter mit Anzügen und Handschuhen ausgestattet, die für den Umgang mit Gefahrgut entworfen wurden. "Aber als ich einen (der BP-Vertreter) darauf ansprach, meinen Jungs Atemmasken und Luftprüfungsgeräte zur Verfügung zu stellen, erhielt ich keine Antwort."

Mehr als die Hälfte der etwa sieben Millionen Liter Corexit, die zur Reinigung verwendet worden sind, wurden von Flugzeugen aus über dem Meer versprüht. Das Spray traf das Reinigungspersonal manchmal direkt ins Gesicht.

"Unser Boot hat viermal etwas abbekommen", erzählt Jorey Danos, ein 32-jähriger Vater von drei Kindern. Er litt an Hustenanfällen und Gedächtnisverlust, nachdem er an der Reinigungsaktion teilgenommen hatte. "Ich konnte sehen, wie das Zeug aus dem Flugzeug herauskam. Wie Nebelschauer, eine rauchige Farbe. Ich konnte (es) auf mich zukommen sehen, aber ich konnte nichts dagegen tun."

"Am nächsten Tag", fährt Danos fort, "als der Mann, der für BP gearbeitet hat, auf seinem Schnellboot vorbeikam, fragte ich: ›Hey, was ist das mit dem Zeug, dass da gestern aus den Flugzeugen kam?‹ Und er sagte mir: ›Machen Sie sich keine Sorgen.‹ Ich sagte: ›Mann, das Zeug brannte in meinem Gesicht, das ist nicht in Ordnung.‹ Er sagte: ›Machen Sie sich keine Sorgen.‹ Ich sagte: ›Können wir nicht ein paar Atemgeräte bekommen oder so was, denn der Mist ist schlecht.‹ Er sagte: ›Nein, das würde in den Medien nicht gut aussehen. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder entbinden wir Sie von Ihren Aufgaben, oder Sie leben damit.‹"

Der vielleicht gefährlichste Bestandteil von Corexit 9527 ist 2-Butoxyethanol, das schon mit Krebs und anderen Krankheiten bei der Ölkatastrophe der Exxon Valdez in Alaska im Jahr 1989 in Verbindung gebracht wurde. BPs eigene Daten sagen, dass ein Fünftel der Arbeiter auf dem Meer im Golf eine Dosis abbekam, die zweimal höher war als der Grenzwert der zuständigen Behörde der USA für Arbeitssicherheit und Gesundheit.

Klicken Sie auf das Bild, um sich eine Infografik zum Aktienkurs von BP anzusehen. © ZEIT-Grafik

Reinigungsarbeiter waren nicht die einzigen Opfer. Küstenanwohner hatten auch zu leiden. "Mein zwei Jahre alter Enkel und ich spielten draußen im Garten", sagt Shirley Tillman aus der Mississippi-Küstenstadt Pass Christian. "Man konnte Öl und so einen Kram in der Luft riechen, aber in den Nachrichten sagten sie, alles sei in Ordnung, machen Sie sich keine Sorgen. Nun, im Oktober war der Kleine furchtbar krank. Ganz plötzlich war dieses quicklebendige kleine zweijährige Kind ständig krank. Es hatte Kopfschmerzen, eine Infektion der oberen Atemwege, Ohrenschmerzen. Am Abend seiner Geburtstagsfeier mussten seine Eltern mit ihm zum Notarzt."

Einzelne Indizien bewegen Ölmultis kaum zum Einlenken. Aber würde BP einem Treffen mit der Organisation GAP zustimmen, weil man dort über eine Kopie des Nalco-Handbuchs verfügte?

Ja. Am 10. Juli 2012 lud BP zu einem Hintergrundgespräch im texanischen Houston ein. Den Vorsitz bei dieser Sitzung, deren Inhalt bisher nicht öffentlich war, hatte BPs Ombudsmann für Öffentlichkeitsarbeit, Stanley Sporkin, der von Washington aus per Telefon zugeschaltet war. Weiter nahmen an dem Treffen zwei führende BP-Anwälte teil, ein Vice President der BP America, Luke Keller, und weitere BP-Verantwortliche sowie mehrere Vertreter von GAP und der Umweltorganisation Louisiana Environmental Action Network. Auch der Arzt Michael Robichaux war dabei. Die folgende Schilderung beruht auf Gesprächen mit Shanna Devine von GAP, der Chemikerin Wilma Subra, Robichaux und der Umweltaktivistin Marylee Orr, die alle an dem Treffen teilnahmen. BP lehnte auch hierzu eine Stellungnahme ab.

BP-Vertreter hätten vor der Sitzung die Echtheit des Nalco-Handbuches bestätigt, sagt Shanna Devine, aber dann hätten sie es abgelehnt, bei der Zusammenkunft darüber zu diskutieren, obwohl dieses Thema verabredet gewesen sei. Genauso wenig hätten sich die BP-Vertreter mit dem Vorwurf befassen wollen, der Konzern habe den Auftrag erteilt, das Handbuch nicht an die Reinigungsarbeitsstätten auszuliefern. "Sie eröffneten die Sitzung mit dieser euphorischen Vorführung darüber, wie ernst sie doch ihre Verantwortung für diese Ölpest nähmen, und über all die wunderbaren Dinge, die sie tun würden, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen", erinnert sich Devine. "Als ich an der Reihe war, sagte ich, dass das Handbuch, das unser Informant zur Verfügung gestellt hatte, dem widerspreche, was sie gerade gesagt hätten. Ich fragte, ob sie angeordnet hätten, das Handbuch von den Arbeitsstätten zu entfernen. Ihre Anwälte sagten, das sei eine Angelegenheit, die sie nicht diskutieren würden, da die Ölkatastrophe noch Gegenstand in einem schwebenden Verfahren sei."

Die Aktivisten sagen, sie wollten bei dem Treffen die Konzernmanager davon überzeugen, künftig auf den Einsatz von Corexit zu verzichten. Doch Luke Keller, Vice President der BP America, habe gesagt, dass Washington den Einsatz weiterhin erlaube und BP sich offenhalte, Corexit bei künftigen Ölkatastrophen wieder zu verwenden.

Mark Hertsgaard ist ein amerikanischer Journalist und Buchautor. Dieser Artikel wurde mithilfe des Investigative Fund beim Nation Institute recherchiert. In den USA ist eine Version bei Newsweek erschienen.