Es gibt eine Art Massenamnesie, an der auch der Ölkonzern großen Anteil hat: BP begann damals mit einer zwar spontanen, aber groß angelegten Verschleierung. Sie verhinderte, dass die Medien und damit auch die Öffentlichkeit sahen, wie viel Öl tatsächlich in den Golf von Mexiko strömte. Die Katastrophe erschien auf diese Weise kleiner und weniger zerstörerisch, als sie tatsächlich gewesen ist.

Dass der Konzern Falschinformationen darüber in die Welt gesetzt hat, wie viel Öl ausgelaufen ist, ist inzwischen bekannt. Im vergangenen November gaben BP-Verantwortliche zu, dem US-Kongress diesbezüglich die Unwahrheit gesagt zu haben. Diese "Richtigstellung" war Teil der außergerichtlichen Einigung mit der amerikanischen Justizbehörde, in der sich BP für 14 Vergehen schuldig bekannte und 4,5 Milliarden Dollar zahlte. BP ließ sich darauf ein, um einen Strafprozess zu vermeiden. Eine höhere Strafe hatte noch kein Unternehmen für ein Umweltdelikt akzeptiert.

Verborgen geblieben ist dagegen, wie BP die Ölmengen vor den Fernsehkameras verstecken konnte. Unerkannt ist auch der Preis, den Katastrophenhelfer, Küstenbewohner und das Ökosystem im Golf von Mexiko für "das Verschwinden" des Öls zahlen. Doch diese Geschichte kann nun erzählt werden, einem anonymen Informanten sei Dank.

Das Hauptwerkzeug der Verschleierung war jene Substanz, mit der Jamie Griffin und zahllose andere Reinigungsmitarbeiter und Anwohner in Kontakt kamen – kurz bevor sie erkrankten. Die Substanz heißt Corexit (im Englischen klingt es wie "corrects it": bringt etwas in Ordnung). Aber meistens taucht es nur allgemein als "Dispersionsmittel" in Presseberichten auf. Corexit hatte die Funktion, sich an das auslaufende Öl zu heften und es in kleine Tröpfchen zu zerlegen. Dadurch verteilte sich das Öl leichter in den Weiten des Meeres, und weniger davon wurde an die Küsten und Strände geschwemmt. Vor allem aber war es dann nicht mehr so gut zu sehen.

Die rund sieben Millionen Liter Corexit, die BP verteilt hat, ließen die Ölpest verschwinden, zumindest von den Bildschirmen. Ende Juli 2010 fragten die Nachrichtenagentur Associated Press und die New York Times bereits, ob das Ölleck überhaupt eine so große Sache gewesen sei. Das Magazin Time ging sogar so weit, dem rechtsgerichteten Radiomoderator Rush Limbaugh mit den Worten "er hat nicht ganz unrecht" zuzustimmen, als er Journalisten und Umweltaktivisten beschuldigte, die Krise übertrieben darzustellen.

Aber BP hat ein Problem: Der Konzern sagte über die Gefährlichkeit von Corexit die Unwahrheit. Sollten Verantwortliche davon gewusst haben, dann hat BP die Öffentlichkeit nicht nur getäuscht, sondern auch die Gesundheit von Abertausenden von Menschen gefährdet.

Belastende Indizien dafür sind in die Hände der Organisation Government Accountability Project (kurz GAP) gelangt. GAP ist eine Gruppe von Aktivisten, die eine Anlaufstelle für Hinweisgeber sein wollen. Wer brisantes Material hat und es öffentlich machen will, aber selbst unerkannt bleiben möchte, der kann sich an die GAP wenden. Und genau das hat ein anonymer Informant nun getan.

Er hat GAP ein technisches Handbuch der Firma Nalco übergeben, jenes Unternehmens, welches das im Golf verwendete Corexit lieferte. Eine elektronische Kopie des Handbuches veröffentlicht GAP dieser Tage – genauso wie einen Bericht, der den Titel Tödliche Dispersionsmittel im Golf trägt. Nach Dutzenden Interviews mit Reinigungsarbeitern, Wissenschaftlern und Anwohnern kommen die Aktivisten zu dem Schluss, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die Jamie Griffin erlitt, auch viele andere Menschen trafen.

So viel steht fest: 19 Monate nach der Explosion auf der Deepwater Horizon kam im wissenschaftlichen Journal Environmental Pollution eine Studie heraus, die besagt, dass Rohöl 52-mal giftiger wird, wenn es mit Corexit kombiniert wird. Die Rekonstruktion der Ereignisse zeigt außerdem, dass BP darauf bestand, Corexit zu benutzen, obwohl der Konzern und auch öffentliche Stellen vor dem Mittel gewarnt wurden.

Alarm hat zum Beispiel die Umweltorganisation Louisiana Environmental Action Network geschlagen. Die wissenschaftliche Beraterin der Organisation, die Chemikerin Wilma Subra, war besonders besorgt über die gefährliche Mischung aus Rohöl und Corexit. Das habe sie Landes- und Bundesbehörden auch mitgeteilt, sagt sie. Den Aktivisten von GAP beschrieb sie später, was geschehen kann, wenn Menschen ungeschützt mit dieser Mischung in Berührung kommen: "Die kurzfristigen Symptome sind akute Atembeschwerden, Hautausschläge, Herz-Kreislauf-Probleme, Störungen des Magen-Darm-Trakts und kurzzeitige Gedächtnislücken."

Wilma Subra ist nicht irgendwer. Ihre Arbeiten über giftige Umweltverschmutzung haben ihr die Auszeichnung "Genius Grant" der renommierten MacArthur Stiftung eingebracht. Sie sagt: "Langfristige Auswirkungen sind Krebs, nachlassende Lungenfunktion, Leber- und Nierenschädigung."

BP wurde ebenfalls früh gewarnt. Der Konzern lehnte jedoch eine Bitte von Lisa Jackson, Leiterin der staatlichen Umweltschutzagentur EPA, ab, ein weniger giftiges Dispersionsmittel bei der Reinigung zu verwenden. Jacksons Brief stammt vom 19. Mai 2010, da lief das Öl noch ungehindert ins Meer. Die Leiterin der Umweltbehörde konnte tatsächlich lediglich darum bitten, dass BP ein anderes Mittel verwende, es aber nicht anordnen. Warum? Weil ein altes Bundesgesetz, der Oil Pollution Act, den Einsatz von Corexit erlaubte.