EisenbahnunternehmerinZug der Erinnerung

Als selbstständige Lokführerin konserviert Barbara Pirch ein Stück Bundesbahn und hadert mit der modernen Wirtschaft. von Bastian Berbner

Barbara Pirch fährt ungern Zug. Sie weiß nicht genau, ob es an den Klimaanlagen liegt oder an all dem verbauten Plastik. Vielleicht auch an den vielen Menschen. Wenn sie in einem ICE sitzt, wird ihr schlecht.

Barbara Pirch fährt aber leidenschaftlich gern Lokomotive, ihre eigene Lokomotive. Die ist 18,6 Meter lang, 123 Tonnen schwer und riecht nach Schmiere. Eisenbahner nennen solche Lokomotiven Eisenschweine. Pirch würde das nie tun. Der Begriff stammt aus der DDR, aus der "Täterätä", wie Pirch sagt. Sie findet ihn ungenau, sie sagt E94 das ist technisch korrekt, manchmal auch "meine E94". Eine präzise Sprache ist ihr wichtig. Neulich habe sie jemand als Zugführerin bezeichnet, erzählt sie. "Ich bin Lokführerin und nichts anderes. Ich sag ja auch nicht zu einem Kapitän Matrose!"

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An diesem Nachmittag sitzt die Lokführerin in ihrer Lok und wartet. Sie steht auf Gleis 7 des Güterbahnhofs Neustadt an der Donau, wo sie eigentlich schon vor zwei Stunden einen Zug mit Benzol hätte abholen sollen. Aber der ist noch nicht angekommen. Ihr Zeitplan ist schon durcheinander geraten, bevor sie losgefahren ist.

"Früher saß der Lokführer an einem Tisch mit dem Lehrer und dem Pfarrer"

Unpünktlichkeit mag Barbara Pirch ungefähr so gern, wie als Zugführerin bezeichnet zu werden. Bringt sie einen Zug zu spät ans Ziel, muss sie um Folgeaufträge fürchten, und als selbstständige Lokführerin will sie sich das nicht leisten. Schon gar nicht bei einem Schiffsanschluss wie diesem. Sie soll 20 Kesselwagen Benzol nach Duisburg fahren, wo im Hafen ein Schiff wartet, das die Fracht nach Gent bringen wird. Von dort aus geht es wahrscheinlich weiter nach Übersee. Kommt Pirch zu spät, verzögert sich alles, und es wird teuer für ihren Auftraggeber.

Auf der Schiene: Wettbewerb

Bis 1994 durften Eisenbahnen in Deutschland nur ihre eigenen Gleise benutzen. Seither können auch private Verkehrsunternehmen gegen Entgelt auf dem Schienennetz der Deutschen Bahn Transportdienstleistungen anbieten. Durch die Liberalisierung ist ein intensiver Wettbewerb unter den Bahnen entstanden.

Die Branche

Rund 140 Unternehmen des Schienengüterverkehrs haben sich im Verband Deutscher Verkehrsunternehmen organisiert. Sie verfügen über 3.500 Lokomotiven und rund 105.000 Güterwagen.

Ein Dämpfer

Nach Jahren des Wachstums ist der Schienengüterverkehr 2012 um 2,4 Prozent geschrumpft. In- und ausländische Eisenbahngesellschaften transportieren hierzulande Güter im Umfang von 366 Milliarden Tonnen. Der Marktanteil bei den Verkehrsleistungen liegt bei 17 Prozent. Die Energiebilanz des Schienengüterverkehrs fällt viel besser aus als die der Lkw-Transporte, die Emissionen von Kohlendioxid sind bezogen auf den Tonnenkilometer um fast 80 Prozent niedriger.

Barbara Pirch, 47, leitet das kleinste Bahnunternehmen Deutschlands, Rail4U. Es besteht aus ihr und ihrer Lok, Baujahr 1954, 6.000 PS aus sechs Motoren, vollverschweißt, nicht genietet. Pirch fährt damit Güter durch Deutschland, Autos, Schrott, immer seltener Kohle und Stahl, manchmal auch Munition oder leere Castor-Behälter. Sie transportiert, wofür sie bezahlt wird. Ihre E94 schafft alles. Gebaut wurden diese Lokomotiven ursprünglich während des Zweiten Weltkriegs, um schwere Lasten über die steilen Alpenstrecken zu ziehen, Kohle aus dem Ruhrgebiet oder Rüstungsgüter für den Kriegspartner Italien.

Es ist schon dunkel geworden in Neustadt, als der Benzolzug eintrifft und Barbara Pirch endlich aufbrechen kann. Mit fast fünf Stunden Verspätung setzt sie die Lok in Bewegung. Sie kurbelt an Rädern, bewegt Hebel, drückt Knöpfe und Pedale. Um das Ungetüm unter der Last von 1741 Tonnen zu bewegen, braucht sie beide Arme und den rechten Fuß. Die Lok bebt vor Anstrengung, langsam spannt sich der Zug. Jeweils mit einem Ruck folgt ein weiterer der zwanzig Kesselwagen. Es kracht und zischt. Nach acht Kilometern hat der Zug 90 Stundenkilometer erreicht. Höchstgeschwindigkeit.

"Ein ICE fährt sich dagegen wie ein Kinderwagen", sagt Pirch.

Die Fahrt nach Duisburg ist lang, knapp 700 Kilometer. Pirch rechnet mit elf Stunden Fahrzeit. Die Nacht draußen ist hell, die Landschaft liegt im Mondschein. Die Gleise führen einsam und endlos durch die oberbayerischen Wälder.

Wenn Barbara Pirch so durch die Nacht fährt, nur begleitet vom Rumpeln der Räder, dann ist sie ein einsamer Mensch. Wenn sie viel unterwegs ist, sieht sie manchmal tagelang niemandem ins Gesicht, spricht nur mit den Fahrdienstleitern, deren Stimmen aus dem Funkgerät krächzen, wenn Pirchs Zug in einen Bahnhof einfährt. "Ich war noch nie ein geselliger Mensch", sagt Barbara Pirch.

Pirch fährt seit 26 Jahren Lok, die ersten davon für die Bundesbahn. Ihr Vater war Oberrangiermeister in Garmisch, ihre Kindheit hat sie in Lokschuppen und auf Bahnhöfen verbracht. Die Eisenbahner waren ihre zweite Familie, diese bodenständigen Menschen mit dem etwas derben Humor, die sich beim Skat über Bud-Spencer-Filme unterhielten und am Wochenende ihre Schrebergärten pflegten, die im Bundesbahnfußballverein spielten oder im Bundesbahnchor sangen. Ein Milieu, das von sich selber als solchem sprach, voller Stolz und Selbstbewusstsein. Barbara Pirch tut das bis heute. Nur mischt sich dann Nostalgie in ihre Stimme. Sie spricht von einer Erinnerung, die sie nicht loslassen will.

Leserkommentare
  1. Danke für diesen wirklich lebensnahen Artikel. Endlich mal kein abgehobener Wirtschaftsführer, der seine Harvard-Weisheiten blitzen lässt. Nein eine mutige Alleinunternehmerin lässt es mit Engagement, Unternehmergeist und Lokomotive mal so richtig krachen und zischen.

    Ich wünsche Frau Pirsch viele gute Aufträge und stets gute Fahrt.

    11 Leserempfehlungen
  2. nicht austauschbar, ein wenig rau aber immer herzlich. Und sie steht zu ihren Idealen. Das liest sich gut und das hat Stil.
    Ich wünsche ihr gute Fahrt und weiterhin viele Aufträge.

    5 Leserempfehlungen
    • kausz
    • 28. April 2013 18:49 Uhr

    Grob überschlagen (Annahme die Nutzlast zum Gesamtgewicht ist bei Strasse und Schiene ähnlich): "Um das Ungetüm unter der Last von 1741 Tonnen zu bewegen" dh hier wird ein Güterzug quer durch Deutschland bewegt. Das entspricht in etwa 44 Lkw die ansonsten 700 km auf Deutschlands Autobahnen unterwegs wären.

    Der Monopolist, die DB AG hat die volle Kontrolle über das Schienennetz und legt einfach still, was denen nicht von Interesse ist. Dieses Schienennetz muss - auch wenn die EU eine Sonderlösung für Deutschland erlaubt - wie es auch die Monopolkomission mehrfach empfohlen hat aus der DB AG komplett herausgetrennt werden.

    Sehr viel sinnvoller wäre es ein Europaweites Schienennetz zu haben und grenzüberschreitend Güterzüge fahren zu lassen.

    Sodann, auf nichtelektifizierten Strecken dh bei Dieselloks gibt es scheinbar sehr viel weniger Wettbewerb.

    Die Lkw Lobby, zusammen mit den Kammern (Zwangsmitgliedschaften), leistet hier Lobbyarbeit um immer mehr Verkehr auf die Strasse zu bringen. Das ist eine Unverschämtheit. Diese Güter gehören auf die Schiene.

    4 Leserempfehlungen
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    "Der Monopolist, die DB AG hat die volle Kontrolle über das Schienennetz und legt einfach still, was denen nicht von Interesse ist."

    Nein, zum einen gibt es das Recht auf freien Netzzugang, der auch behördlich überwacht wird. Zum anderen muss jede Strecke, die stillgelegt werden soll, zur Übernahme ausgeschrieben werden.

    "Dieses Schienennetz muss - auch wenn die EU eine Sonderlösung für Deutschland erlaubt - wie es auch die Monopolkomission mehrfach empfohlen hat aus der DB AG komplett herausgetrennt werden."

    Die Monopolkommission besteht aus gefährlichen, den Wettbewerb als Allheilmittel betrachtenden Theoretikern. Das sind so ungefähr auch die Leute, die die Lokführerin aus dem Artikel so mag. Die komplette Trennung von Netz und Betrieb würde dafür sorgen, dass sich die Netzgesellschaft nur noch die Filetstücke raussuchen und dafür vermutlich noch höherer Trassenpreise nehmen würde.

    "Sehr viel sinnvoller wäre es ein Europaweites Schienennetz zu haben und grenzüberschreitend Güterzüge fahren zu lassen."

    Grundsätzlich stimmt das. Aber andererseits muss man auch nicht jedes Produkt quer durch Europa gefahren werden. Mittlerweile kommt zum Teil das Mineralwasser aus Frankreich zwar mit dem Zug. Dennoch braucht niemand Mineralwasser aus Frankreich, meines kommt aus der Region.

    Ansonsten ist dem Kommentar aber zuzustimmen.

  3. obwohl der "Markt" der ja alles so gut richtet, sie beinahe hingerichtet hat. Respekt. Und grenzenlose Verachtung für den "Markt".

    6 Leserempfehlungen
  4. Die Frau hat so recht! Nicht nur Männer, da wächst eine ganze "Schnulle-Generation" heran, oder ist schon da.
    .
    Alles palletti, wir drehen das große Rad, irgendwas mit Medien, BWL/VWL..........aber wenn das Deo versagt, wir uns die Hände schutzig machen müssen.... dann geht die Welt unter!
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    Schön der Bericht! Viele GUTE Aufträge Barbara Pirch,
    keine Verspätung,
    .
    Wünscht
    Sikasuu

    3 Leserempfehlungen
  5. eigentlich eine Museumslokomotive.

    Die Reaktivierung dieser wenigen Museumsloks hat nach meinem Gedächtnis folgende Bewandtnis (wer mehr weiß, soll sich ruhig äußern):

    Als private Güterzüge erlaubt wurden, brauchten diese auf der Geislinger Steige Schubunterstützung.

    Die DB lehnte es ab, hierfür ihre Loks zur Verfügung zu stellen.

    Ein Eisenbahnmuseumsverein ergriff die Gelegenheit und stellte ihre Museumslokomotive Deutsches Krokodil für den Schub zur Verfügung. Diese Lok leistete das so bravourös, dass es zur Reaktivierung einiger dieser Oldtimer führte.

    Weitere Fotos und technische Beschreibung:

    http://de.wikipedia.org/w...

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  6. Toll, ich finde den Artikel toll. Ich habe um mir mein Studium zu finanzieren Lkw und Busse ueberfuehrt. Ich kann drehen, schweissen, hobeln, saegen, bohren, auch auf 9cm Laufen und die Naegel lackieren. Schreibt mehr sowas. Ich hasse den Begriff "Mint" Studiengang, erinnert mich an Kaugummi........das merken die die den erfunden haben gar nicht, grrr. Weiter so und moege die Lok noch lange rollen.....Barbara Pirch

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  7. Ich kann nur sagen die Seite ist toll, informativ und die Winterbilder auch super, das macht Spass anzugucken, da geht es lang
    http://www.rail4u.eu/ein_...

    Eine Leserempfehlung

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