In der deutsch-jüdischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts nimmt der weithin vergessene Constantin Brunner, wie Walter Benjamin 1930 bemerkte, eine "abseitige Stellung" ein. Der jetzt erschienene Band mit Briefen, ein editorischer Glücksfall, wird es aber künftig erschweren, nur den pompösen Autor zu sehen, der einen Kreis jüdischer und christlicher "Jünger" um sich versammelt, Christus für ein Genie gehalten und Antisemitismus für ein von jüdischer Seite zu überwindendes Problem gehalten hat. Brunner war einer jener wilden Köpfe, in denen sich die unruhigen Jahrzehnte nach 1900 spiegeln.

Geboren 1862 in Altona als Spross einer alten Rabbinerfamilie, wollte Arjeh Yehuda Wertheimer zunächst in die Fußstapfen seiner Vorväter treten. Doch es kam anders, wie der Namenswechsel bereits anzeigt. Ende 1895 ging Brunner nach Berlin, wo er sich als Privatier ganz seiner Philosophie widmete. In seiner 1908 vorgelegten, zweibändigen Lehre von den Geistigen und vom Volk kann man allerdings nur schwer einen Kerngedanken finden. Brunners freier Umgang mit Begriffen, seine ermüdende Kritik an Kants Moralismus, gepaart mit seinem Willen, Theorie und Praxis zu vereinen, machen es Lesern nicht einfach. Die Schockwirkung aber durch die strikte Trennung zwischen "den Geistigen" und "dem Volk" war beabsichtigt. Alle Reflexionen Brunners sind von der Idee getragen, dass es die Wahrheit gebe, die durch Christus und Spinoza mitgeteilt, seitdem aber verloren gegangen sei. Das läuft aber gerade nicht auf einen jüdisch-christlichen Mix hinaus, sondern soll, so Brunners Hoffnung, Religion als Sinnstiftung neutralisieren. Vielleicht war er insofern ein utopischer Antimetaphysiker, der sein Schaffen als Kommentar zu Spinoza verstand und einmal meinte, er "glaube", dass sein Denken mit dem Spinozas übereinstimme.

Auch politisch stand Brunner quer zu allen Fronten. Er war Patriot, aber Gegner nationalistischer Tendenzen; er wehrte sich gegen bornierten Individualismus und gegen parteiischen Kollektivismus – die Dichotomie von Ich und Wir brauchte er dennoch. Die Briefe belegen, wie stark diese Mischung Menschen aus unterschiedlichen religiösen, sozialen und intellektuellen Milieus faszinierte. Sie waren überzeugt davon, von ihm einen Weg aus der sich zuspitzenden Lage in Deutschland gewiesen zu bekommen. Doch nicht nur esoterische Sinnsucher und Zeitgeistsurfer sammelten sich um Brunner. Seine Spinoza-Expertise interessierte bedeutende Forscher, Martin Buber suchte die Auseinandersetzung mit ihm. Das Ein-Mann-Forschungsinstitut Jakob Klatzkin, ein genialischer Philososphiehistoriker, dem das moderne Hebräisch die philosophische Terminologie verdankt, balgte sich mit Brunners Antizionismus; Lou Andreas-Salomé, Gustav Landauer und Walther Rathenau stritten sich mit ihm. Seine ganz aus der eigenen Weltanschauung gewonnene Philosophie erschien anderen freien Geistern als Alternative zu den zahllosen, rasch erstarrten Wiederanknüpfungen an Aristoteles, Thomas von Aquin und Kant. Der altmodische Brunner suchte vor allem emphatische Nähe im direkten Austausch – das machte ihn auch Jahrzehnte nach seinem Tod 1937 im niederländischen Exil für Rose Ausländer oder Yehudi Menuhin attraktiv. Dieser eigenwillige Denker verdient immer noch skeptische Neugier.