Euro-RettungDer heimliche Krisengewinner

Deutschland zahle bei der Euro-Rettung für die anderen, heißt es – die Wahrheit ist etwas komplizierter. von 

Wer zahlt? Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im vergangenen Dezember auf dem CDU-Parteitag in Hannover.

Wer zahlt? Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im vergangenen Dezember auf dem CDU-Parteitag in Hannover.  |  © Sean Gallup/Getty Images

Wo Stefan Lothar seinen Traum verwirklichen will, warten derzeit noch verbeulte Gebrauchtwagen auf Käufer. Ein verrottendes Absperrgitter, kahles Gestrüpp. Man braucht ziemlich viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass auf diesem Grundstück im Berliner Bezirk Tiergarten einmal ein "familienfreundliches Wohnensemble" entstehen soll, wie es in der Werbebroschüre heißt.

Stefan Lothar hat die Fantasie – und neuerdings auch das Geld. Er hat sich eine Wohnung in dem Neubauprojekt gesichert: knapp 120 Quadratmeter, Fußbodenheizung, Parkett, bodentiefe Fenster. Es ist nicht so, dass Stefan Lothar neuerdings mehr verdient. Er ist Beamter, und so viel tut sich da beim Gehalt nicht. Aber er hat von seiner Bank eine günstige Finanzierung bekommen.

Anzeige

Seit in Europa die Staaten und die Banken wanken, zieht Deutschland wie ein riesiger Magnet Kapital aus aller Welt an. Die Bundesrepublik gilt unter Investoren als einer der wenigen Orte, an denen das Ersparte noch sicher ist. Dieses Kapital füllt die Staatskassen, es treibt die Konjunktur an – und ermöglicht es immer mehr Deutschen, Immobilien zu erwerben. Während Südeuropa in der Rezession versinkt, geht es den Bundesbürgern so gut wie lange nicht. Deutschland stünden "fette Jahre" bevor, sagt Carsten-Patrick Meier vom Wirtschaftsforschungsinstitut Kiel Economics.

Wegen der Krise.

Deutsche Banken können sich Geld ganz billig leihen

In der politischen Auseinandersetzung hierzulande ist viel davon die Rede, dass die Deutschen in dieser Krise große Opfer erbringen: Sie bürgten mit vielen Milliarden für Staaten, die ihre Haushalte nicht im Griff hätten. Sie müssten zusehen, wie ihre Ersparnisse schwänden, weil die Banken kaum noch Zinsen bezahlten. Und sie seien dabei im europäischen Vergleich noch nicht einmal besonders wohlhabend.

Die Geschichte von den erdrückenden Rettungskosten wird wieder erzählt werden, wenn der Bundestag am Donnerstag dieser Woche über das umstrittene Rettungspaket für Zypern abstimmt. Es gibt jetzt schließlich mit der Alternative für Deutschland eine Partei, die den Austritt aus der Währungsunion fordert – und die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wird.

Diese Geschichte ist nicht falsch. Deutschland hat ja tatsächlich viele Risiken übernommen. Doch es gibt noch eine andere Geschichte, die weniger oft erzählt wird. Sie handelt davon, wie das Land von der Krise profitiert.

So wie Stefan Lothar. 200.000 Euro muss sich Lothar, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, für zehn Jahre leihen, um den Bau stemmen zu können. So hat er sich das ausgerechnet. Er bezahlt für den Kredit 2,4 Prozent Zinsen pro Jahr. Vor Ausbruch der Krise verlangten die Banken noch mehr als fünf Prozent für ein solches Darlehen.

Die niedrigen Zinsen mögen für Sparer ein Ärgernis sein – für alle diejenigen, die etwas vorhaben, sind sie ein Segen. Obwohl die Immobilienpreise gestiegen sind, ist der Hauskauf auch für Bezieher kleinerer Einkommen erschwinglich geworden, die sich auf diese Weise für das Alter absichern können. Allein im Januar wurden in Deutschland Bauvorhaben im Wert von 3,4 Milliarden Euro genehmigt – ein Anstieg von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Er stützt auch die Konjunktur. Im Baugewerbe werden immerhin 10 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung erbracht.

Wer wissen will, warum Bauen derzeit so günstig ist, der muss mit Andreas Bamberg sprechen. Bamberg ist Leiter Refinanzierung bei der Deka-Bank, dem Zentralinstitut des öffentlich-rechtlichen Bankensektors. Sozusagen die Sparkasse der Sparkassen. Bambergs Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Deka-Bank immer flüssig ist.

Wenn eine Bank einen Kredit an einen Bauherrn vergibt, dann hat sie das Geld in der Regel nicht vorrätig. Sie muss es sich selbst leihen. Dazu gibt sie Wertpapiere aus, die mit den gebündelten Forderungen aus dem Immobiliengeschäft abgesichert sind. Je niedriger der Zins ist, den die Banken selbst den Investoren bieten müssen, desto niedriger ist auch der Zins, den sie ihren Kunden abverlangen.

Leserkommentare
  1. ...das Deutschland sich selbst retten muss?
    *Facepalm

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gkh
    • 18. April 2013 11:11 Uhr

    Unser Handlesbilanzüberschuss zeigt: der "Gewinn" ist derzeit rein pekuniär. Geld ist aber lediglich ein Versprechen künftiger Leistungen, sprich: unser Geld ist nur das wert, was wir uns in Zukunft davon werden kaufen können.

    Der Gewinn ist erst dann real, wenn wir für das Geld etwas bekommen, in Form von Waren und Dienstleistungen. Wenn aber die Volkswirtschaften, gegenüber denen wir diesen Überschuss haben, eines Tages nichts mehr produzieren, werden wir für unser Geld nichts kaufen können.

    Die wirkliche Lösung der Krise ist der Ausgleich der Handelsbilanz. Und das wird in Deutschland Arbeitsplätze kosten. Die werden aber auch dann wegfallen, wenn unsere Handelspartner so pleite sind, dass sie unsere Waren nicht mehr kaufen können.

    Wir werden also nicht darum herumkommen, Arbeit und Volkseinkommen gerechter zu verteilen. Ich sehe da Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich in Verbindung mit einem bedingungslosen Grundeinkommen als wichtige Instrumente.

    • gorgo
    • 18. April 2013 13:48 Uhr

    Lieber Herr Schieritz,

    sieh übergehen Mal eben die Tatsache, dass D bereits 2079 Milliarden (!) Schulden hat und per Haftung bereits jetzt für 677 Milliarden gerade steht.

    Sie übergehen Mal eben die Tatsache, dass für diese Summen Zinsen gezahlt werden. Ich empfehle allen Mal einen Zinsrechner zu googlen und läppische 0,5 oder auch 1,5 % Zinsen bei dieser Summe einzgeben - Mal über zehn, Mal über 30 Jahre... z.B. Das nennt man landläufig Zinseszins

    Sie erwähnen mit keinem Wort, dass kein Mensch in der Welt annehmen kann, dass die in jüngster Zeit aufgelaufenen Haftungsverpflichtungen nicht fällig werden (gibt es jemand da draußen, der glaubt, Zypern werde seine Schulden jemals aus eigener Kraft begleichen können???). Gibt es jemanden, der noch glaubt, dass mit dieser läppischen Haftung von 677 Milliarden Schluss ist - und dass wenn Italien und Spanien und Portugal die nächste Tranche brauchen, nicht noch mehr zu geben und zu haften da sein wird?

    Sie halten es also nicht für nötig, einzuräumen, dass diese Schulden das sind, für das die jetzt jungen Generationen eines Tages gerade stehen müssen.

    Es ist mir irgendwie ein Rätsel, wie Sie glauben können, dass die Leute Ihner sog. Analyse auch nur für ein Sekündchen Glauben schenken können.

    Was ich Ihnen darüber hinaus gerne sagen würde, verbietet der Anstand.

    uns gehts gut..die Zeit stellt es so da und erklärt uns ,warum der Euro so toll für uns ist..

    Im Nebensatz dann noch die Implikation, dass man durchaus den bösne Reichen ein bisschen nehmen kann , also eine vorbereitung für die Pläne der Oppossition im Wahlkampf.
    Dass Herr Naß von der Zeit damals Trittin zu den Bilderbergern mitnahm verschweigt man einfach galant....die Zeit ist ganz offensichtlich politisch voreingenommen..Amüsant auch, dass mit der Vermöensabgabe genau die bestraft werden, die nicht spekuliert haben und eben für ihre Vorsorge Geld brauche, weil sie nicht beim Staat arbeiten..das verstehen die Grünen ja nicht

    • Dr. No
    • 18. April 2013 7:32 Uhr

    "Deutschland stünden "fette Jahre" bevor"
    Wer ist hier bitte mit Deutschland gemeint?
    Bei der Mehrheit der Arbeitnehmer stagnieren die Einkünfte seit Jahren, Gehaltserhöhungen sind wegen der Bankenkriese, Immobilienkriese, Griechenland,... nicht drin!

    63 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Bei der Mehrheit der Arbeitnehmer stagnieren die Einkünfte seit Jahren, Gehaltserhöhungen sind wegen der Bankenkriese, Immobilienkriese, Griechenland,... nicht drin!"

    Die Frage "Wer ist hier eigentlich gemeint" teile ich... Bei dem Punkt "Griechenland..." bin ich anderer Meinung.
    Aber nun gut - zurück zur Frage:
    Wer ist hier eigentlich gemeint? WEM stehen die orakelten "fetten Jahre" bevor? Gewissen Gruppierungen die eh schon soviel haben, das sie locker auf was verzichten könnten ohne dadurch Einbuße zu erleiden wahrscheinlich eher, als der jungen Mutter oder dem Uni-Absolventen auf seinem Weg ins nächste Praktikum...

    für deutsche Banken!

    Vielleicht noch das eine oder andere Aufsichtsratspöstchen für eine
    Minister a.D.

    Der Steuerzahler übernimmt ja die Rechnung...

    Der wievielte "Deutschland profitert vom Euro"-Artikel, der schamlos die Tatsachen verdreht oder leugnet, ist das jetzt eigentlich?

    Von allen Seiten wird genau das Deutschland vorgeworfen!

    Hoehere Loehne in Deutschland wuerden den Menschen nicht nur endlich einen angemessenen Anteil am Wachstum der letzten 10 Jahre zu Teil werden lassen, sondern auch gleich die Kaufkraft fuer Importe aus den Krisenlaendern steigern und damit deren Wirtschaft auf ganz natuerliche Art und Weise ankurbeln.

    Dass sich hier ausnahmsweise mal ganz Europa einig ist mit der deutschen Bevoelkerung, wird von unserer Regierung gerne ignoriert.
    Es wuerde natuerlich zu Veraenderungen fuehren. Geschaeftsmodelle, die auf Niedriglohn aufbauen koennten damit ueberlebensunfaehig werden, aber das waere vielleicht gar nicht so schlecht?
    Immerhin waere damit auch gleich das Lohnabstandsproblem geloest, nach dem sich Arbeit gegenueber staatlicher Unterstuezung wirklich lohnen sollte.

    Man koennte auch sagen, Deutschland beutet seine Bevoelkerung aus, um dann in Europa seine Leistungsfaehigkeit zu demonstrieren, waherend nach innen der Eindruck erweckt wird, man wuerde wegen dem schwachen Sueden leiden.

    Kein Wunder, dass der Euro hier so skeptisch gesehen wird, wenn die eigene Regierung deutschen Arbeitnehmern die Vorteile des Euro's lieber vorenthaelt.

  2. Von der Kriese profitieren nur wenige, aber die Hilfen bezahlen alle (naja indirekt). Seit 5 Jahren hört man es geht Deutschland besser, nur mein Konto scheint dies nicht mit zu bekommen...

    via ZEIT ONLINE plus App

    29 Leserempfehlungen
    • Dr. No
    • 18. April 2013 7:41 Uhr

    der Deutsche 'Normalverbraucher' soll dank der doch allzu guten Situation noch mehr zur Rettung von - wen auch immer - zahlen!
    Kein Wunder das die ehemaligen 'großen Volksparteien' solche Angst haben vor der AfD haben.

    32 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nein, niemand hat Angst vor der AfD und niemand muss für jemand anderes zahlen.

    • ZH1006
    • 18. April 2013 16:49 Uhr

    das sind doch im Wesentlichen politisch Ahnungslose, wie vorher auch schon die Piraten, deren von der Protestwählerfraktion ähnlich großartig angekündigter Höhenflug in einer üblen Bauchlandung endete.

    Nur dass diese hier auch noch rechts gewickelt sind, Besserwisser ohne eigene Ideen, die über alles schimpfen, was sie nicht verstehen können, letztendlich enttäuscht nicht von der Politik, sondern von sich selbst.

    Auch die werden sang- und klanglos in der geschichtlichen Versenkung verschwinden.

  3. So viel Text und doch am Kern der Sache vorbei: Südländer gegen Nordländer, Wettbewerbsvorteile, Zinsen, Refinanzierung, Wirtschaft, Standortvorteile ... Deutschland rettet seine Gläubiger und damit sich selbst.

    Soso.

    Die Menschen, nicht nur Deutschlands sondern überhaupt, kommen im Artikel kaum vor, das spricht Bände.

    Wer sind denn die Gläubiger, die da gerettet werden? Das sind die Top 20 Prozent der Bevölkerung, die überhaupt nennenswerte Ersparnisse besitzen, und von denen auch nur ein kleiner Teil über der eigentlich großzügig bemessenen Grenze der Einlagensicherungsfonds.

    Warum schreiben Sie nicht einfach: "die Armen und der Mittelstand 'retten' die Reichen?" - und das EU-weit! Zu pauschal? Zu unangenehm? Zu einfach?

    Herr Schieritz, das war jetzt guter Wahlkampf ... - für eine AfD.

    53 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Haben Sie den Artikel nicht einmal am Anfang gelesen?

    Da war, scheint mir, die Rede von einem Beamten, der nicht, weil er so viel Geld verdient, sondern weil die Zinsen günstig sind, eine Immobilie erwirbt. Sind Beamte keine Menschen?

    Und es darf wohl vermutet werden, dass dieser Beamte, wenn er diese Wohnung bezieht, eine Mietwohnung kündigt. Da ist dann also eine Mietwohnung mehr auf dem Markt, was nach meinem bescheidenen Verständnis eine Erhöhung des Angebots darstellt. Also werden auch die, die sich keine Eigentumswohnung leisten können, einen Vorteil davon haben.

    Keine Rede ist hingegen davon, dass Deutschland "seine Gläubiger und damit sich selbst rettet" - diese Münchhausen-Story haben Sie selbst erfunden.

    Genauso ist es. Was wählen Sie bei der Bundestagswahlt?

  4. 7. [...]

    Entfernt. Doppelposting. Danke, die Redaktion/jk

  5. 8. @6.

    Das sagt die Linke schon seit Jahren. Die AfD-Leute sind allesamt selber gut betucht, was die wollen ist das die Deutschen nur die Reichen in Deutschland retten sollen. Das wahre Gesicht sieht man erst bei einer Panne, ich warte nur darauf...

    via ZEIT ONLINE plus App

    18 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .. ich zweifle nicht daran, daß das was Sie schreiben, richtig ist.

    Weg mit dem Euro oder Rauswerfen der schwachen Euro-Länder, um die Transferleistungen in südlichen, wirtschaftlich schwächeren Gefilden einzustellen, das wollen sie alle.
    Gleichzeitig will jeder sein "Erspartes" natürlich behalten.

    Wie im Artikel tatsächlich kurz aufkeimte, funktioniert das natürlich so nicht, denn "deren Schulden sind 'unsere' Guthaben" - so liest man es zumindest immer wieder, insbesondere auch bei den Teilen der Bevölkerung, welche z.B. eine AfD ansprechen will.

    Wer sind nur "die" und "wir"? Eine Qualifizierung nach Ländern ist gut für den Stammtisch und zur Meinungssteuerung, an der Realität geht es aber vorbei. Auch in den schwächeren Euro-Ländern gibt es äußerst Vermögende - denen es, siehe Probefall Zypern, erstmals (!) auch deutlich (!) an die Wäsche gehen sollte.
    Dumm nur, daß - huch, wer hätte das gedacht - das Kapital, das scheue Reh, so beweglich ist.

    Von einem Artikel, der mit "Der heimliche Krisengewinner" titelt, hätte ich mir mehr erhofft, als die Litanei, daß ich als Deutscher zu den Gewinnern gehöre.

    Man muss doch wirklich nur konsequent darauf schauen, wer für die Rettungspakete bürgt=zahlt, und wer tatsächlich davon profitiert, daß der Zins=Risiko-Mechanismus außer Kraft gesetzt wurde.

    Eine konsequente und möglichst rückwirkende Reaktivierung von Zins=Risiko hat natürlich Implikationen - welche so Grüppchen wie eine AfD dann auch wieder ignorieren oder verschweigen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service