Sie sind ein tolles Paar, Regisseur Felix Van Groeningen und sein Hauptdarsteller und Freund Johan Heldenbergh, und das sind sie ganz sicher nicht nur, weil sie ihren Film vorstellen. Beim Interview in München werfen sie sich Worte zu, wenn sie gebraucht werden, unterbrechen sich, ziehen sich auf oder versinken in Schweigen, wenn der andere voller Ernst nach dem einen, richtigen Satz sucht.

Und sie lachen viel. Obwohl es um die Tragödie The Broken Circle geht, Moritat über ein Liebespaar, das vom Schicksal auf eine Art zerstört wird, die einen auf die Idee bringt, dass nur der Teufel die Liebe erfunden haben kann, als Fata Morgana, der man nicht begegnen möchte.

Es ist keine komplizierte Geschichte: Das Paar bekommt ein Kind, liebt sich trotzdem weiter, das Kind bekommt mit sechs Jahren Krebs und stirbt, das Paar zerbricht.

Man schaut es sich an, glaubt, vom Leben schon einiges eingeschenkt bekommen zu haben, und ertappt sich beim Zuruf: "Hey, ist doch nur so ’n melancholischer Musikfilm, ’ne Dutzendstory aus der Weihnachtsbeilage!" Während man mit in die Tiefe gerissen wird.

"Happy songs sell records, sad songs sell beer", heißt es in einem alten Hätte-ein-Hit-werden-müssen-Song von Jim Ford. Die Regel wird selten gekippt. The Broken Circle gewann auf der letzten Berlinale den Panorama Publikumspreis. War das nur Berlin, oder soll man sich Hoffnung machen? Wo doch der junge belgische Regisseur, seit seinem Film Die Beschissenheit der Dinge zu Recht gefeiert, kaum helle Flecken in seinem düsteren Werk platziert. "Am ersten Drehtag im Krankenhaus, beim ersten Take merkte ich plötzlich, dass ich weine, und dachte, mein Gott" – Van Groeningen schüttelt den Kopf und muss lachen, weil das einem Profi ja nie passieren darf –, "das wird ein harter Dreh. Und als der letzte Tag geschafft war: Endlich vorbei!"

Für Hauptdarsteller Heldenbergh war es anders: "Es war der leichteste Dreh, den ich je hatte. Weil ich den Typen ja schon zwei Jahre lang auf der Bühne spielte." Und mehr als das: Heldenbergh hatte die Idee und ist Co-Autor des erfolgreichen Theaterstücks The Broken Circle Breakdown featuring The Cover-Ups of Alabama. Er hat die Bestandteile aus Liebe, Tod, Tattoos, Bluegrass-Musik, Irrsinn und Religion verschweißt. "So genial", sagt der Regisseur, "ich glaub nicht, dass Johan genau wusste, was er alles gemacht hat." Während er selbst zwar nichts von Bluegrass wusste, aber wie man das Stück in einen Film adaptiert, dem man die Theatervergangenheit nicht ansieht.

Bluegrass-Songs ist der perfekte Soundtrack für die Ballade von der Tätowiererin Elise und dem Banjospieler Didier, der auf einem maroden Bauernhof lebt, den er (mehr Romantik gibt’s nicht) selbst renoviert. Weil die von den Waden bis zum Dekolleté mit Totenköpfen, Worten und weiß Gott was geschmückte Rockabilly-Frau keinen Bluegrass kennt, sogar denkt, I’m So Lonesome I Could Cry sei ein Elvis-Song, erklärt er es ihr vor dem ersten Mal: "Arme Glücksritter aus der ganzen Welt lebten in den Appalachen und arbeiteten hart in den Minen. Um Hunger und Elend zu ertragen, sangen sie Lieder über ihre Angst vor dem Tod, die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits und ihr hartes Schicksal." Auch wie er zu diesem komischen Banjo gekommen sei, sagt viel über den Film selbst: "Ich war früher Punk, und das Banjo klingt so grimmig wie die Punkbewegung." Elise steigt als Sängerin in die Band ein. Ihr Kind erhält den Namen von Johnny Cashs Schwiegermutter Maybelle Carter.