FlaschenpostAltglas auf Reisen

Luise Himmel-Fehmers sammelt Flaschenpost. Sie und ihr Mann haben schon mehr als 100 Botschaften aus dem Rhein gefischt – und viele wieder hineingeworfen von 

Eine Nachricht, wasserdicht verpackt

Eine Nachricht, wasserdicht verpackt  |  ©flickr/SusanneG

DIE ZEIT: Frau Himmel-Fehmers, wann haben Sie die letzte Flaschenpost gefunden?

Luise Himmel-Fehmers: Vor ein paar Wochen ging ich mit meinem Mann am Rhein entlang. Auf einmal sahen wir in der Böschung ein winziges Fläschchen, kaum zehn Zentimeter lang. Darin steckte ein rosafarbener, mit Buntstiften bemalter Zettel: Ella, eine Siebenjährige aus Bonn, schrieb an den "Lieben Unbekannten". Er solle "an die Weld denken. Die Weld ist nemlich in Gefar". Wasser sparen, nicht so viel Auto fahren, keine Tiere töten. Und das, was sie schreibt, bitte allen weiterzählen. Ich fand das rührend. Dass sich ein kleines Mädchen solche Gedanken macht. Und dafür dieses alte Medium Flaschenpost wählt.

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ZEIT: Eigentlich denkt man: Eine Flaschenpost zu entdecken ist ein seltener Zufall. Der geschieht vielleicht einmal im Leben. Sie aber haben mehr als 100 solcher Botschaften gesammelt. Wie haben Sie das geschafft?

Himmel-Fehmers: Das begann in den Sechzigern. Wir wohnen am Niederrhein und sind immer schon gerne am Ufer spazieren gegangen. Irgendwann habe ich im Gebüsch eine Flaschenpost entdeckt. Ich war gleich entflammt. Ich fand das spannend: den Korken rauszufriemeln – und die Nachricht eines Wildfremden zu lesen. Bald haben mein Mann und ich angefangen, gezielt Ausschau zu halten. Wir haben gemerkt: Wenn wir nach einem Hochwasser am Spülsaum entlanggehen, auf die Windrichtung achten, dann finden wir immer wieder mal was. Vor allem in den Kurven und Mulden.

ZEIT: Woher stammten die Flaschen?

Himmel-Fehmers: Diejenige mit dem weitesten Weg kam aus Süddeutschland. Zwei Kinder hatten sie dort vier Jahre zuvor in den Main geworfen. Das war ein Medizinfläschchen, so winzig, dass wir den Zettel mit einer Pinzette herausziehen mussten. Erstaunlich, dass diese Miniflasche eine so weite Reise überstanden hat. Natürlich finden wir auch Flaschen, die nur ein paar Tage unterwegs waren. Aber die nehmen wir nicht mit.

ZEIT: Sondern?

Himmel-Fehmers: Wir werfen sie zurück in den Rhein. Sonst sind die Leute doch enttäuscht. Einmal haben wir gleich 20 Flaschen gefunden. Sie stammten von einem Kindergarten, waren nur ein paar Meter weit gekommen. Die Kleinen hatten wohl zu schwache Ärmchen, um sie weit genug in den Rhein zu werfen. Wir sind dann durch den Schlamm gewatet, haben alle Flaschen eingesammelt, in Eimer und ins Auto gepackt. Wir wollten sie ein paar Orte weiter an einer günstigen Stelle wieder in den Fluss werfen. Die Kinder sollten glauben, ihre Flaschen wären weit gereist. Aber das war gar nicht so leicht. Fast wären wir verhaftet worden.

ZEIT: Es ist doch nicht strafbar, eine Flaschenpost zu versenden.

Himmel-Fehmers: Na ja, wir sahen etwas schmuddelig aus nach unserer Sammelaktion, und dann liefen wir durch die Einöde und schleppten Eimer zum Fluss. Auf einmal nahm uns die Polizei ins Visier. Kam gleich mit drei Booten übers Wasser gerast. Die dachten wohl, wir wollten illegal Müll entsorgen. Oder Schlimmeres. Wir hatten keine Lust auf Diskussionen. Wir haben die Flaschen wieder ins Auto gepackt und sie ein paar Kilometer weiter, wo uns keiner sah, auf die Reise geschickt.

ZEIT: Die meiste Flaschenpost nehmen Sie aber mit nach Hause...

Himmel-Fehmers: …ja, wir hatten sie jahrelang in einer riesigen Kiste auf dem Speicher stehen. Jetzt hebe ich nur noch die schönsten Funde auf.

ZEIT: Was für Botschaften sind denn da zu lesen?

Himmel-Fehmers: Das ist breit gefächert. Zum Beispiel schreiben Frauen, dass sie sich einen Mann wünschen: "Hoffentlich finde ich dich!" Oder ein Mann hat einen Packen Zettel in die Flasche gequetscht mit gesammelten guten Vorsätze: "Ich will nicht mehr saufen", "ich will nicht mehr kiffen"…

Leserkommentare
  1. Ich kann's mir aber nicht verkneifen:

    Wenn demnächst die Post in einer Flasche schneller ist als über das Internet, hat das ja nicht die Bundespost, sondern die Telekom (Bonn) zu verantworten.

    An der Spree lassen sich auch Flaschen sammeln, allerdings sind die meistens leer, jedoch immer oben auf.

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