Champions LeagueZwei Fußballkulturen im Halbfinale

Spanien und Deutschland dominieren den internationalen Fußball. Doch bisher messen sich die deutschen Mannschaften noch an der Konkurrenz. Das kann sich bald ändern. von Cathrin Gilbert und

Deutsche und spanische Fans während des Halbfinale der Weltmeisterschaft.

Deutsche und spanische Fans während des Halbfinale der Weltmeisterschaft.  |  © Rajesh Jantilal/AFP/Getty Images

Man kann das unverhältnismäßig finden: Nordkorea droht der Welt mit Krieg, Zypern steht am Rand der Pleite, aber seit Tagen berichtet, leitartikelt und livetickert ein großer Teil der europäischen Medien pausenlos über eine Sportveranstaltung namens Champions League, als sei eine weltbewegende Veränderung vom Ausmaß der Kontinentalverschiebung im Gange.

Die Sache ist: Für den kleinen Planeten Fußball trifft das womöglich zu. Erstmals seit Gründung der Champions League vor 21 Jahren stehen gleich zwei deutsche Clubs im Halbfinale des stärksten Wettbewerbs des Weltfußballs, der FC Bayern ist zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren dabei. Im Halbfinale – wer hätte das nicht mitbekommen – werden die Bayern am Dienstag auf den Branchenprimus FC Barcelona treffen und die Dortmunder am Mittwoch auf den Europapokal-Rekordsieger Real Madrid: Zwei Mannschaften aus der gegenwärtig bestimmenden Fußballnation Spanien messen sich mit zwei Teams aus jenem Land, von dem es immer öfter heißt, es werde den Fußball von morgen dominieren. Kann das Zufall sein?

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Der Mann, der für die Zukunft des deutschen Fußballs zuständig ist, tut sich schwer mit dieser Frage. Robin Dutt ist seit 2012 Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zuständig für die Ausbildung von Trainern und Nachwuchsspielern. "Wir dürfen aus einer Momentaufnahme keinen Trend bis in die ferne Zukunft ableiten", sagt Dutt, als er auf dem Düsseldorfer Flughafen Zeit hat für ein Telefongespräch und wie ein Politiker um die richtigen Worte ringt. Barcelona wie auch Dortmund hätten gegen die von Scheichs zusammengekauften Truppen aus Paris und Málaga am Rande einer Niederlage gestanden, sagt Dutt. Wäre es anders ausgegangen, wäre die Debatte jetzt diese: Schlägt der Geldfußball den Konzeptfußball? Bringen Ölmilliarden mehr als Nachwuchsförderung?

Zwei starke Fußballkulturen

Und doch kann Dutt seinen Stolz nicht leugnen. "Diese Halbfinale", sagt er, "sind Ausdruck dafür, dass sich in Spanien und Deutschland zwei Fußballkulturen entwickelt haben, in denen Nationalteams und Vereine nicht mehr von der Hand in den Mund leben." Im Viertelfinale der Champions League kamen 16 in Deutschland ausgebildete Spieler zum Einsatz, die höchstens 26 Jahre alt waren. Zehn für Dortmund, vier für München und zwei für Real Madrid: Mesut Özil und Sami Khedira.

Der Sportdirektor des DFB hat nichts Dröhnendes an sich, nicht die Selbstgewissheit mancher Altnationalspieler, die im vergangenen Jahrtausend den Fußball regierten. Dutt, dessen Vater aus Indien und dessen Mutter aus dem Schwarzwald stammt, ist als Spieler nie über Amateurclubs wie den FV Zuffenhausen hinausgekommen, er wurde erst als Trainer des SC Freiburg und später von Bayer Leverkusen bekannt. Stets betont Dutt, im Verband erst vor einem Jahr übernommen zu haben, was andere begonnen hätten. Eines der Wörter, die er am meisten gebraucht, ist Demut.

Das wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte nicht genau diese Demut vor 13 Jahren eine Revolution ausgelöst, die die Weltpresse jetzt perplex "das deutsche Fußballwunder" nennt.

Die Nationalelf musste bei der Europameisterschaft im Jahr 2000 auf blamabelste Weise ausscheiden, damit die Verantwortlichen endlich merkten, wie trügerisch die Weisheit des englischen Stürmers Gary Lineker war, Fußball sei ein Spiel "von 22 Leuten, die rumlaufen, und am Ende gewinnen immer die Deutschen". Und dass Fußballer kein nachwachsender Rohstoff sind. Der DFB gründete daraufhin 392 Talentförderstützpunkte, ein dichtes Netz, in dem kein Kind im Land eine längere Anreise als 25 Kilometer haben sollte. Kurz darauf verpflichtete der Verband außerdem alle Erst- und Zweitligavereine, Nachwuchsleistungszentren einzurichten.

Leserkommentare
  1. "seit Tagen berichtet, leitartikelt und livetickert ein großer Teil der europäischen Medien pausenlos "

    sollte heissen:

    " seit Tagen berichtet, leitartikelt und livetickert ein großer Teil der deutsche Medien pausenlos "

    Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

    2 Leserempfehlungen
  2. Bild Dir neue Wörter!

  3. Guter Artikel,
    aber Hand auf´s Herz: Hätten Sie beim Verfassen des Textes an die Ergebnisse 4:0 und 4:1 gedacht? Und hätten Sie tatsächlich daran geglaubt, dass sowohl Bayern als auch Dortmund einen derartig überzeugenden Fußballgenuss abliefern würden?
    Die Kommentatoren in Europa und den USA überschlagen sich ja vor Ehrerbietung gegenüber den deutschen Teams. Zurecht. In den beiden Partien gegen Barcelona und Madrid haben wir nicht nur erfolgreichen, sondern hervorragenden, leidenschaftlichen und richtig guten Fußball gesehen, wie schon lange nicht mehr. Weiter so. Ich freu mich auf das deutsche Finale in Wembley.

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