Liebe Dynamo-Feiergemeinde, gleich eingangs sei's gestanden: Dieser Festredner ist seit Kindesbeinen Fan des FC Carl Zeiss Jena. Doch natürlich habe ich auch mit Dynamo Dresden einiges erlebt. Kein DDR-Fußballfan konnte ignorieren, dass die Kathedrale des Ostfußballs in Elbflorenz stand.

Man musste dazu kein Dresdner sein, nur Hörer der samstäglichen Oberliga-Konferenzschaltung auf Radio DDR. Unvergessliche Stunden am alten Röhrenapparat meiner Eltern: Wenn der Reporter – oft der unlängst verstorbene große Werner Eberhardt – sich aus dem Dynamo-Stadion meldete, dann flatterte die Lautsprecher-Bespannung. In Dresden volle Hütte! 30.000 machten Radau. Schaurig gellten die Signalfanfaren. Und konnten es nicht hindern, dass Dynamo 1968 abstieg. Von Dresdens Brücken ließen zerstörte Fans brennende Dynamo-Fahnen in die Elbe sinken. Welche Trauer!, dachte ich erschüttert. Was für eine Fußballstadt!

Sie erstand. 1971 wurde Dynamo Meister und schickte sich an, als erster DDR-Verein das Doppel einzufahren. Das Pokalfinale stieg in Halle, am klatschnassen 20. Juni 1971, ich war dabei. In der 119. Minute zirkelte Ede Geyer einen letzten Dresdner Eckball auf den Schädel von Klaus Sammer. Der rammte die Kugel ins Netz. Ein Sachsenschrei wie eine Wand! Abpfiff, schwarz-gelbe Spielertraube, Platzsturm. Ich stürmte mit. Ich zerrte, wie hundert andere, an irgendeinem Teil des Torwarts Manfred Kallenbach; erbeutete einen Fetzen Trikot, den meine Mutter später in Folie einnähen musste. Ja, unglaublicherweise drang ich mit meinem Kassettentonbandgerät KT 100 in die Kabine der Sieger vor. Ich durfte den Pokal streicheln, und Wolfgang Haustein, Frank Ganzera und der kauzige Trainer Walter Fritzsch sprachen dem 15-Jährigen hochseriöse Interviews ins Mikrofon. Diese Memoiren wirken 2013 wie von einem anderen Stern. Der damalige Fußball unterschied sich vom heutigen durch Nähe, Sesshaftigkeit, urwüchsige Naivität. Spieler waren nicht Söldner, sondern Personifikationen ihres Clubs, exemplarische Bürger ihrer Stadt.

Der Westen weiß nichts über den Fußball im Osten

Die Siebziger wurden Dynamos große Jahre: vier Meistertitel und als gesamtdeutsche Erinnerung die unvergesslich schönen Europapokalduelle mit Bayern München im Herbst 1973. Bayern siegte, Dynamo war kein Verlierer. 1981 schockierte mich dann die Verhaftung der Dresdner "Republikfluchtverdächtigen" Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller. Ich dachte damals: Wie liebt man einen Verein, der derart gnadenlos zeigt, in welcher Diktatur wir leben?

Es kam die deutsche Einheit, mit einjähriger Verzögerung auch die des Fußballs. Dynamo, welch Dresdner Jubel, schaffte mit Hansa Rostock die Erste Bundesliga – und entließ unverzüglich seinen Aufstiegstrainer Reinhard Häfner. Man sagt mit Recht: Fußball spiegelt Leben und Gesellschaft. Auch die deutsche Fußballeinheit zeigte: Der Osten brauchte den Westen, doch der Westen nicht den Osten. Die Aufsichtsräte, Redaktionen und Parteizentralen des Westens waren wohl gefüllt – auch die Bundesligen. Für Ostclubs machte natürlich kein Westverein Platz; es wurde vorübergehend aufgestockt. Wenn heute von achtzehn Erstligavereinen achtzehn aus dem Westen kommen, dann kommentiert das auch den Status quo der deutschen Einheit, insbesondere das Wirtschaftsgefälle.

Es gibt eine anhaltende Kränkung Ost: die Ignoranz des Westens. Wir wissen sehr viel über den Westfußball, "die drüben" fast nichts über den des Ostens. Unsere Neue Fußballwoche existiert längst nicht mehr. Der Kicker kaufte die fuwo auf und stellte sie ein. Der Kicker-Kalender verzeichnet tagtäglich ein Fußball-Erinnerungsdatum – zu 99 Prozent den Westfußball betreffend. Selbstverständlich steht unter dem 12. April nicht 60 Jahre Dynamo Dresden verzeichnet, sondern der 117. Geburtstag von Hannover 96. Und unseres 1974er Siegs beim Spiel "Deutschland gegen DDR" gedenkt das gesamtdeutsche Fußball-Zentralorgan mit der Formulierung "bittere Niederlage im Bruderduell".