Gallery WeekendDer große Anti-Künstlerheld

Lange musste sich Hans-Peter Feldmann als Antiquitätenhändler durchschlagen. Jetzt ehren ihn gleich drei Berliner Galerien. von 

Warum nicht einen Hering für eine Million Dollar verkaufen? Wenn die Heringe irgendwann rarer als Gold wären, dann könnten sich die Reichen vielleicht sogar auf Fische einigen, sagt Hans-Peter Feldmann. Im Moment allerdings haben sich die Reichen gerade auf die Kunst von Feldmann, Jahrgang 1941, geeinigt. Auf einen Künstler, der jahrzehntelang allein mit dem Handel von Antiquitäten seinen Unterhalt bestritt. Dessen Kunst die Kunst selbst veralbert und der stets darauf bedacht ist, die Vermarktung seiner Werke so schwer wie möglich zu gestalten. Nun ist ausgerechnet er, der Antikünstler, der Künstlerheld der Stunde.

In den Hamburger Deichtorhallen kann man noch bis zum 2. Juni eine große Retrospektive seines Werks besichtigen, und auf dem Gallery Weekend, der alljährlich im Frühling veranstalteten Leistungsschau Berliner Galerien, wird der Künstler übernächstes Wochenende (26. bis 28. April) gleich mit drei Ausstellungen beehrt: Die Galerie Jörg Johnen wird alte Ölgemälde unbekannter Meister und Amateure zeigen, die Feldmann oder sein Malgehilfe mit minimalen Eingriffen verfremdet haben. Anonymen Porträts aus den vergangenen Jahrhunderten haben sie schielende Augen oder rote Clownsnasen ins Gesicht gemalt – fünfstellige Euro-Summen kosten diese Bilder. Andere alte, auf Auktionen gefundene Gemälde werden von Feldmann in der Galerie Johnen in Dreiergruppen zusammengehängt, sodass jeder sich seine eigenen Geschichten ausdenken kann: Was mag eine Kammerfrau mit dem sterbenden Marat und einem Pflaumenstillleben verbinden?

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Die Galerie Mehdi Chouakri wird derweil eine jener Bildideen präsentieren, die Feldmann so liebt: Galeriestrahler werfen rechteckige Lichtflecken auf eine Wand, in der lediglich zwei Bilderhaken stecken. Auf diese Idee sei er auf einer Kunstmesse am Stand seiner New Yorker Galerie gekommen, erzählt Feldmann, er habe dort zufälligerweise eine solche beleuchtete Leerstelle gesehen. "Die beste Arbeit, die ich auf der Messe gesehen habe", schoss es ihm durch den Sinn. Wer hatte sich das nur ausgedacht? "Da wird aber noch ein Gemälde hingehängt", beschied ihm der Galerist. So machte dann eben Feldmann aus dem Licht und den Haken ein Kunstwerk; die Lichtflecken kosten jetzt 15.000 Euro.

In der Berliner Galerie von Barbara Wien und Wilma Lukatsch werden schließlich einige von Feldmanns Bilderbüchern zu sehen sein, die von seiner ausgeprägten Liebe zum Absurden und Alltäglichen erzählen. Er zeigt dort zum Beispiel lauter Frauenbeine oder Bilder von hundertundeinem Menschen, die er nach ihrem Lebensalter sortiert hat, von null bis hundert Jahren. Manchmal gibt es von diesen Büchern nur ein Exemplar, manchmal eine ganze Menge. So genau weiß man das bei Feldmann nie: Limitieren mag er seine Kunst nicht, Editionen gibt es so wenig wie eine Signatur.

Will er seine Galeristen ärgern? Der Kunstmarkt, sagt er, sei gut, weil er den Künstlern Geld bringe – und dem Finanzamt ebenfalls. Er wolle aber durch kommerziellen Erfolg nicht dazu verführt werden, aus seiner Kunst ein Markenzeichen zu machen oder am Ende Bilder passend zur Sofabreite der Sammler zu liefern.

Eine Installation von Hans-Peter Feldmann auf einem Hamburger Parkplatz, 2013

Eine Installation von Hans-Peter Feldmann auf einem Hamburger Parkplatz, 2013  |  © Christian Charisius/dpa

Jahrzehntelang hat Feldmann sein Geld auf dem erweiterten Kunstmarkt, mit dem Verkauf von Antiquitäten, verdient. Angefangen hat es mit dem Verkauf von Trödel: 1.500 Mark habe er an dem ersten Wochenende auf einem Markt eingenommen, das sei damals unfassbar viel Geld gewesen. Er hat sich dann auf nautische, geodätische und andere Geräte spezialisiert und mehrere Läden aufgemacht. Auch mit Blechspielzeug hat er im großen Stil gehandelt, einen weltweiten Versandhandel für Fingerhutsammler betrieben und sogar mal Fingerhüte gefälscht: Fingerhüte schwarz angemalt und sie als sowjetische Armeefingerhüte ausgegeben. Die Geschäfte liefen immer gut. Aber die Antiquitätenwelle sei heute vorbei, sagt Feldmann, die Preise seien eingebrochen.

Feldmann kennt den Kunstmarkt und grast ihn ab. Immer sonntags arbeitet er sich im Internet durch die Kataloge der deutschen Auktionshäuser, gerade auch der kleineren, bietet schriftlich mit und ersteigert so jede Woche zwei bis drei alte Gemälde, für einige Hundert oder wenige Tausend Euro. Die Bilder dienen ihm dann als Material für seine eigene Kunst, für kleine bunte Bemalungen zum Beispiel.

Einige kleine Exemplare dieser verfremdeten Bilder hängen auch in der Wohnung von Feldmann und seiner Frau, das Paar wohnt seit einem knappen Jahr in einem nicht protzigen, aber doch sehr prächtigen Wohnungsneubau, den der Architekt Christoph Ingenhoven mitten in die Blickachse der Düsseldorfer Königsallee gesetzt hat. Auf dieser Allee hätten die Hiesigen den König einst mit Schlamm beworfen, sagt Feldmann und blickt mit einem gewissen Stolz durch die Panoramascheibe aus dem achten Stock. "Da", sagt er, der dem Voyeurismus als Schule des Sehens huldigt und selbst die Fotografien des tschechischen Voyeurs Miroslav Tichý sammelt, "da unten, sehen Sie, eine blonde Frau im roten Mantel." Und so, wie Feldmann alten Porträts mit ein wenig Farbe den Ernst rauben kann, so schafft er es mit seinem Blick, alltägliche Straßenszenen aufzuladen. Nur wegen seiner kurzen Sehanleitung glaubt man plötzlich dem Beginn eines Films beizuwohnen. Eines Liebesdramas vielleicht.

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Leserkommentare
  1. Ich versteigere diesen --> . <-- Punkt. Der Kunstmarkt ist nackt und Feldmann ist einer seiner Kaiser.

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    • Mari o
    • 28. April 2013 17:27 Uhr

    der Künstler ist ü70 und ist erst seit ein paar Jahren auf´m Kunstmarkt erfolgreich.und ein gutes Auge hat er auch.Das muss ihm der Neid lassen

    ich gönne es ihm durchaus. Er scheint durchaus der Schwejk des Kunstmarktes zu sein. Dies vorausgeschickt, muss man nicht die heilige Kuh 'Moderne Kunst' anbeten.

    • Mari o
    • 28. April 2013 17:27 Uhr

    der Künstler ist ü70 und ist erst seit ein paar Jahren auf´m Kunstmarkt erfolgreich.und ein gutes Auge hat er auch.Das muss ihm der Neid lassen

    Eine Leserempfehlung
  2. 3. [...]

    Entfernt. Bitte kommentieren Sie zum konkreten Thema. Danke, die Redaktion/sam

  3. ich gönne es ihm durchaus. Er scheint durchaus der Schwejk des Kunstmarktes zu sein. Dies vorausgeschickt, muss man nicht die heilige Kuh 'Moderne Kunst' anbeten.

  4. wenn sie so genau wissen,was man kommentieren soll,können sie ja ihre kommentare gleich

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  5. feldmann begnügt sich mit der ersten instanz seiner wahrnehmungsmechanik, geht keinen schritt weiter . Hat was von sonntagskonzeptkunst. Und wird von der, von kunstpädagogik-ästhetik imprägnierten, kaste ( markt, feuilleton, diskurs) gefeiert

  6. mein zehnjähriges enkelkind hat mir versprochen in 50 jahren auf den trödelmärkten objekte von einem gewissen Hans-peter Feldmann zu kaufen, um dieselbigen beliebig zu deformieren

  7. schielende augen und clownsnasen: minimale veränderung?

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