Ende März postete "Rob" stolz auf dem Blog des Internetunternehmers Thomas Promny, dass er sich in den vergangenen sechs Monaten zwei Mal an einem Start-up beteiligt und dabei jeweils 25 Prozent Gewinn gemacht habe. "Weil ein großer Investor an Bord kam, der die Kleinen raushaben wollte." Robs öffentliche Angeberei ist der erste öffentliche Gewinnjubel eines deutschen Anlegers, der sich gemeinsam mit anderen Sparern an einem Start-up beteiligt hat, in der Hoffnung, dass später ein großer Investor komme und ihm seinen Anteil mit Gewinn abkaufe. Es ist der erste Nachweis, dass sich Crowdinvesting – ein neuer Anlagetrend, bei dem man sich über eine Onlineplattform schon mit geringen Beträgen an vielversprechenden Start-ups beteiligt – für Kleinsparer auszahlen kann.

Dass auf dem Blog hernach eine hitzige Debatte darüber entflammte, ob 25 Prozent Rendite nun viel oder wenig seien, zeigt, dass immer mehr Sparer Crowdinvesting für sich als einen Ausweg aus der Zinsfalle entdecken. 70 Gründer haben bislang in Deutschland ihre Firmen mithilfe der Crowd an den Start gebracht. Insgesamt haben Kleinanleger 6,8 Millionen Euro in Start-ups investiert, allein 2,35 Millionen Euro davon im ersten Quartal. Sie träumen davon, es Peter Thiel gleichzutun, der 2004 als erster Investor 500.000 Dollar in Facebook investierte, die sich bis zum Börsengang 2012 auf etwa sieben Milliarden Dollar vermehrten. Sie sind auf der Suche nach dem Facebook von morgen.

Crowdinvesting wird geschickt vermarktet unter dem Begriff der Schwarmintelligenz. Die Weisheit der Masse (crowd) verheißt, dass die vielen Entscheidungen Einzelner die profitabelste Investition schon ans Licht oder, besser noch, irgendwann an die Börse bringen. Und so dem Schwarm der Kleinanleger eine ordentliche Rendite beschert. Was aber ist ordentlich angesichts des Risikos, das sie eingehen? Denn die Crowd ist in Wahrheit gar nicht mächtig: Zwischen ihr und dem Unternehmen, an dem sie sich beteiligt, steht die Vermittlungsplattform. Und die fühlt sich im Zweifel den Start-ups, die sie finanziert, näher als der Crowd. Schließlich kassiert die Plattform bei erfolgreicher Vermittlung eine Provision.

Crowdinvestoren hingegen erwerben meist keine Aktien, sondern eine stille Beteiligung, mit der kaum Mitspracherechte verbunden sind. Sie zahlen also, haben aber nichts zu sagen, und auf Gewinne und Dividenden warten sie oft vergeblich, weil die Mehrheit der Start-ups – das belegen die meisten seriösen Gründer-Studien – eher pleitegeht als schwarze Zahlen schreibt. Kleinanleger träumen gleichwohl von einem lukrativen Exit, die meisten von mehr als dem, was Rob über die Internetplattform Seedmatch kassiert hat.

20 Plattformen vermitteln Anteile an Start-ups

"Mit ein wenig Glück sind vielleicht auch Renditen von mehreren 100 Prozent möglich", sagt Jens-Uwe Sauer. Der Seedmatch-Chef befeuert die Fantasie seiner Kunden gerne mit solchen Sätzen. Seedmatch, noch keine zwei Jahre am Markt, ist mit fast 4,5 Millionen Euro Finanzierungsvolumen, das die Firma an 36 Start-ups vermittelte, die mit Abstand größte der inzwischen über 20 Crowdinvesting-Plattformen in Deutschland. Und bald schon kommen womöglich noch einmal 500.000 Euro dazu, die Kleinanleger von heute an in AoTerra investieren können, eine Dresdner Firma, die Server in Wohnhäusern aufstellt und diese mit der Abwärme beheizen will. Über Seedmatch haben bereits 2666 Investoren durchschnittlich 637 Euro investiert, darunter in ein Start-up, das Tamponschachteln mit Werbung bedruckt, oder in einen Hersteller für Miederwaren, der damit wirbt, üppigen Kurven "ein Zuhause" zu bieten. Nicht einmal zehn Stunden hat es gedauert, bis die Gründer des Berliner Start-ups Refined Investment, das Privatanlegern Zugang zu professionellen Handelssystemen an der Börse verspricht, 350.000 Euro beisammen hatten. "Europarekord", sagt Sauer.

Im Sog des auf Spenden basierten Crowdfundings boomt auch das Crowdinvesting, allein in Deutschland hat sich der Markt in nur einem Jahr vervierfacht. Wirtschaftsprofessor Ralf Beck von der Fachhochschule Dortmund rechnet Ende 2013 mit einem Marktvolumen von mehr als 20 Millionen Euro, für 2014 schon mit 50 Millionen. Verglichen mit den 822 Millionen Euro Wagniskapital, das Deutschlands Gründer im vergangenen Jahr einer Dow-Jones-Analyse zufolge insgesamt eingesammelt haben, ist das nicht viel.