Es wirkt wie ein Kampf gegen Windmühlen. Doch Thomas Sochowsky will nicht ruhen, bis er seinen Erzfeind zur Strecke gebracht hat: Novomatic – einen der größten Glücksspielkonzerne der Welt mit Sitz in Gumpoldskirchen, Niederösterreich. Früher hat der 45-Jährige selbst Spielhallen betrieben und gut verdient. Bis er bei einem zwielichtigen Deal alles verlor. Niemand Geringerer als Johann Graf, der Gründer und Mehrheitseigentümer von Novomatic, habe ihn über den Tisch gezogen, sagt er. Seitdem sinnt er auf Rache gegen den Mann, der in Österreich als Vorzeigeunternehmer hofiert wird.

Eine Karikatur auf Sochowskys Webseite organisierte-kriminalität.at stellt Graf als Marionettenspieler dar – wie Marlon Brando auf dem Plakat des Films Der Pate. Allerlei Dokumente sind dort zu finden. Sogar ein Buchmanuskript hat Sochowsky verfasst: Die Geschichte der Novomatic, die Welt im Würgegriff der österreichischen Mafia. Kein Wunder, dass er dafür noch keinen Verleger gefunden hat. Wer will sich schon mit den Anwälten eines Milliardenkonzerns herumschlagen?

Mit einem Vermögen von 5,4 Milliarden Euro ist Graf laut Forbes Magazine der zweitreichste Österreicher nach Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz. Der 67-Jährige sammelt Luxuskarossen, raucht gerne Zigarren und Zigarillos der Marke Exquisitos. Thomas Sochowsky lebt vom Ersparten und hat Berichte bankrotter Spieler gesammelt, um Novomatic zu verklagen. Mehr als 200 Aussagen würden bestätigen, dass die Automaten der Firma rechtswidrig seien – weil sie zu hohe Einsätze und Gewinne zuließen. Alles legal, konterte Novomatic in der Vergangenheit. Bis auf kleine Kratzer im aufpolierten Lack konnten die Vorwürfe dem Konzern nie etwas anhaben.

Als Graf 1980 sein Unternehmen gründete, war Sochowsky 12 Jahre alt. Im Gasthaus des Vaters in der Wiener Sechshauserstraße erwies sich der Bub als geschickter Münzzähler an den Spielautomaten. Mehr als 10 Schilling konnte man nicht hineinstecken. Wer richtig zocken wollte, musste daher rasch viel Kleingeld einwerfen – und keiner machte das so flink wie der kleine Tommy. Das Topgerät aus England, der Ambassador 1500, zog die Spieler magisch an. Surrende Walzen. Dann das Hoffen auf gleiche Symbole in einer Reihe.

Johann Graf, gelernter Fleischermeister aus einfachen Verhältnissen, der bis dahin Flipper und Billardtische vertrieben hatte, kaufte einem Händler seine Geräte samt Importrechten ab. Bald ließ er selbst Automaten bauen.

Im Spielebeirat der Stadt Wien saßen Vertreter der Glücksspielindustrie

Für das Münzproblem habe sich bald eine Lösung gefunden, erinnert sich Sochowsky: ein "graues Kasterl", 20 mal 15 Zentimeter groß und fünf Zentimeter hoch, verstaut in einer Schublade hinter der Bar, mit zwei Knöpfen und einer Leitung zum Automaten. "Die Knöpfe waren für jene Spieler, die nicht immer Münzen einwerfen wollten – für die konnte man zehn oder 50 Schilling aufbonnieren." Das Gerät sei bald von der Konkurrenz kopiert worden. Novomatic weiß nichts von der Existenz so eines Kasterls.

Aus dem kleinen Automatenspiel wurde ein großes Geschäft. Graf expandierte in die Schweiz, die Niederlande, nach Frankreich, Deutschland, Russland. Sochowsky diente als UN-Soldat in Zypern. Danach eröffnete er ab 1991 elf Spielhallen in Tschechien, in denen Automaten von Novomatic standen. Mit Mitte 20 war er reich. Dicke Autos, schicke Anzüge, ein Strandhaus in Thailand.

Bis ihn der Auftrag Grafs ereilt habe, ein Konzept für ein Hotel-Casino in Tschechien auszuarbeiten. Nach fast zwei Jahren Vorbereitung habe der Konzern abgewinkt, also eröffnete Sochowsky den Laden 1999 selbst. Das Casino Znaim entwickelte sich zum erfolgreichsten Spielbetrieb des Landes. Novomatic habe ein Kaufangebot von 24,5 Millionen Schilling unterbreitet. Sochowsky sagte zu. Als er nach einem Urlaub in sein Büro zurückkehrte, war es leer. Seine Miet- und Leasingverträge waren auf jemand anderen überschrieben worden, und das Casino habe sich die Novomatic-Firma Paradise Casino Admiral einverleibt. Er sei ausgetrickst worden, sagt Sochowsky. Zu dem Deal äußerte sich Novomatic-Sprecher Hannes Reichmann lediglich in einem Hintergrundgespräch, von dem nichts gedruckt werden darf.

Grafs Imperium wuchs, weil er den technischen Wandel zu nutzen wusste. Aus den mechanischen Automaten wurden smarte Computer mit Bildschirm und eigener Software – samt einem Schlitz zum Einführen von Banknoten. Als Ausnahme vom Glücksspielmonopol des Staates waren Höchsteinsätze von 50 Cent und Gewinne bis zu 20 Euro pro Spiel erlaubt. Doch wer eine Risikotaste drückte, konnte über den Umweg eines Spiels mit zwei Würfeln den Einsatz schrittweise auf bis zu 10 Euro erhöhen. Alles legal, hieß es von Novomatic, weil es sich um ein vom Zufall abhängiges Zusatzspiel handle. Wer viel riskierte, konnte viel gewinnen: die erlaubten 20 Euro plus eine Anzahl sogenannter Action Games (AGs) – von denen man für jedes in einem weiteren Zusatzspiel 10 Euro gewinnen konnte. Nach wie vor sind für Spieler 300 AGs gleichbedeutend mit 3.000 Euro, 1.000 mit 10.000 Euro und so weiter. Weil die Spiele in Sekunden ablaufen, können auch Verluste enorm ausfallen. Wie viele Spielsüchtige und Suchtgefährdete es in Österreich gibt, ist schwer zu sagen. Je nach Studie 0,2 bis 4 Prozent der über 20-Jährigen: Das wären zwischen 11.000 und 234.000 Menschen.

Ab Mitte der neunziger Jahre stieg die Zahl der Automaten stark an. Auch in Bundesländern, die kein grünes Licht dafür gaben. Niederösterreich legalisierte das kleine Glücksspiel 2006. Doch schon ein Jahr zuvor konnten 2500 Maschinen in Betrieb gehen – gegen den Willen der zuständigen SPÖ-Landesrätin Christa Kranzl und ohne ihr Wissen. Während sie im August auf Urlaub war, wurden die Geräte als "Geschicklichkeitsautomaten" genehmigt – für die Dauer von 10 Jahren. Kranzl schäumte. Ein Mitarbeiter hatte den bereits im Juni eingelangten Antrag unter Verschluss gehalten und den Bescheid per Fax zugestellt, was unüblich ist. So war juristisch nichts mehr zu machen. "Es scheint, dass dies genau geplant worden ist", sagt Kranzl.

In einer Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft St. Pölten zu dem Vorfall ist vermerkt, was auf dem Fax stand: "Wie mit Dr. Wohlfahrt besprochen." Franz Wohlfahrt, damals noch Anwalt von Novomatic, ist heute Generaldirektor der Firma.

In Wien winkte der Spielapparatebeirat, ein mit Branchenvertretern gespicktes Gremium, in Form von Empfehlungen an die Verwaltung zahlreiche Automaten durch. Doch waren die Zusatzspiele wirklich unbedenklich? Am 30. April 2007 bat die Magistratsabteilung 36 das Finanzministerium um Rat. Nach der Rechtsansicht des Ministeriums vom 14. Mai ist jede Vervielfachung des Spieleinsatzes oder Gewinnes unzulässig, weil nach dem früheren Willen des Gesetzgebers nur Automaten erlaubt sind, die einen "für die Öffentlichkeit gefahrlosen Betrieb" gewährleisten. Serien- oder Zusatzspiele wie die Action Games seien unzulässig, weil sie die Bagatellgrenzen überschritten. Daher dürfe für solche Automaten "keine landesgesetzliche Bewilligung erteilt werden".