DIE ZEIT: Herr Rief, jetzt gibt es schon Büros an Tankstellen. Ist der ganz normale Arbeitsplatz ein Auslaufmodell?

Stefan Rief: Die Mitarbeiter zumindest wünschen sich mehr Freiraum bei der räumlichen und zeitlichen Gestaltung des Arbeitsplatzes. In Zukunft werden mehr Menschen ihre stationären Büros für gewisse Zeiträume oder ganz verlassen, entsprechend ihrem Lebensstil und ihren aktuellen Anforderungen. Bei einigen Unternehmen kann man bereits von einer regelrechten Büroflucht sprechen.

ZEIT: Wohin fliehen denn die Menschen?

Rief: Das ist ganz verschieden. Die Leute wählen den Ort ihrer Arbeit immer stärker nach ihrem Lebenskontext aus. Sie bleiben für einen Tag in der Woche zu Hause oder verbringen vier Wochen bei ihren pflegebedürftigen Eltern auf dem Land oder gehen für ein halbes Jahr in ein Coworking-Space, um ein Projekt voranzutreiben. Dank der neuen Kommunikationstechnologien ist alles möglich.

ZEIT: Und das machen die Firmen einfach so mit?

Rief: Es wird ihnen auf Dauer nichts anderes übrig bleiben. In manchen Branchen ist es heute schon schwierig, qualifiziertes Personal zu gewinnen. Die Industrie ist daher gefordert, durch nachhaltige Konzepte für junge Mitarbeiter attraktiver zu werden. Für unsere Studie Forecast 2025 haben wir zahlreiche Experten zur Zukunft der Arbeit befragt. Zwei Drittel von ihnen sind der Ansicht, dass feste Unternehmensstrukturen in Zukunft aufbrechen werden – in allen Unternehmensbereichen. Die Arbeitszeitmodelle der Zukunft richten sich am individuellen Arbeitsrhythmus des Einzelnen aus.

ZEIT: Das Büro, wie wir es kennen, stirbt also aus?

Rief: Nein, es wird immer noch ein wichtiger Ort zum Arbeiten sein. Aber es wird mehr Abwechslung darin zu finden sein. Kleine und große Tische, offene und geschlossene Räume. Einzelzimmer, in denen ich in Ruhe arbeiten kann, und große Meeting-Räume mit allen digitalen Möglichkeiten. Wenn sich ein Mitarbeiter wohler fühlt und seine Kreativität besser entfalten kann, wird er auch effizienter und produktiver.

ZEIT: Stichwort Effizienz: Yahoo-Chefin Marissa Meyer hat gerade beschlossen, Mitarbeiter, die zu Hause gearbeitet haben, zurück ins Büro zu holen. Weil Kontrolle im Unternehmen eben doch besser funktioniert?

Rief: Wenn sich ein Unternehmen ganz neu aufstellt wie derzeit Yahoo, ist es wichtig, dass die Menschen dort wieder zusammenkommen. Doch der Trend geht in die andere Richtung. Die Arbeit wird an den Ort kommen müssen, wo die Leute auch leben. Die strikte Trennung von Arbeit und Freizeit reicht nicht mehr aus, um den heutigen Leistungsanforderungen gerecht zu werden und dabei eine gute Work-Life-Balance hinzubekommen.