Roman "Der letzte Mohikaner" : Das rote Blut des roten Mannes

Erstmals seit 1841 ohne Kürzungen neu übersetzt: James Fenimore Coopers Roman "Der letzte Mohikaner".

Um ein literarisches Territorium, ein Jagdrevier für Leser, hinreichend zu markieren, genügen manchmal einzelne Wörter. Sie können Dinge benennen, etwa "Tomahawk" oder "Mokassin". Ein Mensch kann mit einem solchen Wort einem Kollektiv zugewiesen werden, so fragwürdig, wie es die Bezeichnung "Rothaut" tut. Und spätestens wenn sich dieser angeblich Rothäutige dann einen blutigen "Skalp" als dampfend frische Trophäe an den Gürtel steckt, kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass wir in einem Wildwestroman Fuß gefasst haben.

In James Fenimore Coopers Roman Der letzte Mohikaner, der an wenigen Tagen des Jahres 1757 spielt, ist schon bald von der Skalpgier der Rothäute die Rede, aber es dauert, bis es szenisch zum Akt des Skalpierens kommt. Ein junger französischer Wachsoldat lässt sich in nächtlichem Nebel vom exzellenten Französisch eines britischen Kolonialoffiziers täuschen. Und einer der beiden indianischen Gefährten des Engländers nutzt die Gelegenheit und bringt den naiven Burschen um Kopfhaut und Leben. Die Rothaut, die hier ein Messer aus der Produktion der Bleichgesichter zu handhaben weiß, gehört zu der Handvoll Männer, denen der Romancier Cooper den Rang von Helden zuweist. Es handelt sich um Chingachgook, um jenen Indianer, der mit "der letzte Mohikaner" gemeint ist.

Wie muss ein Mann in diesem Buch, das Abenteuerroman und historischer Roman zugleich sein will, vor die Augen der Leser treten, um einen Helden des noch wilden Nordamerikas darzustellen? Cooper ist ein guter Beschreiber des männlichen Körpers, und er versteht sich darauf, die Leiber seiner Helden dabei in ein besonderes Verhältnis zur Zeit zu setzen. Das Haupt von Chingachcook ist wie der Kopf seines Sohnes Unca bis auf eine sogenannte Skalplocke kahl geschoren. Diese soll einem siegreichen Feind das Skalpieren erleichtern. Die beiden indianischen Krieger tragen also das Zeichen des eigenen Todes als exemplarischen Schmuck am Leibe. Und als Unca einmal in Gefangenschaft gerät und ihm vor dem Marterpfahl das Jagdhemd von der Brust gerissen wird, erstarren seine Überwältiger vor Ehrfurcht, weil ihm das Totemtier seines untergegangenen Stammes, eine Schildkröte, auf die Brust tätowiert ist.

Georg Klein

geboren 1953, ist Schriftsteller. Dieses Frühjahr erschien von ihm der Essayband »Schund und Segen« (Rowohlt)

"Das Blut der Schildkröte war in den Adern vieler Häuptlinge, doch sie sind alle zurückgekehrt in die Erde, aus der sie kamen, bis auf Chingachgook und seinen Sohn", lässt Cooper den Jüngling voller Stolz sagen und macht nicht zum ersten Mal deutlich, was in seinem Roman den indianischen Helden auszeichnet: Unca glaubt, dass er nicht bloß einsam individuell ins Gras seiner Gegenwart beißen wird. Sein Tod ist auch Zeichen für das Verschwinden seines Stammes und darüber hinaus für den Untergang all jener Völkerschaften, die durch ihre Hautfarbe und ihr immer wieder beschworenes "Blut" von den bleicheren und den deutlich dunkleren Bewohnern Nordamerikas, den dorthin verschleppten Afrikanern, geschieden sind.

© Hanser Verlag

War James Fenimore Cooper Rassist? Seine Helden sind es zweifellos, ob sie nun eine schwarz glänzende Skalplocke oder einen vollen blonden Schopf auf dem Schädel tragen. Sein wichtigster weißer Protagonist, der entweder "Falkenauge" oder "der Kundschafter" genannt wird und mit dem Lederstrumpf der vier anderen Wildwestromane Coopers identisch ist, beteuert mit Inbrunst, dass er reinen Blutes sei. Falkenauge meint damit, dass er ausschließlich europäische Vorfahren habe. Und obwohl diesem Waldläufer im Dienst der britischen Kolonialarmee kein Mensch auch nur annähernd so nahe steht wie sein indianischer Gefährte Chingachgook und dessen Sohn Unca, wird die existenzielle Kluft, die jenes ominöse "Blut" zwischen den Rothäuten und den Bleichgesichtern stiftet, stets säuberlich offen gehalten.

"Rasse" ist in diesem Roman Schicksal, weil sich jeder Weiße auf seine individuell illusionäre Weise als Rädchen jener historischen Maschinerie verstehen darf, die den amerikanischen Kontinent zu verwandeln begonnen hat, während die Indianerstämme als angeblich naturhafte Kollektive gleich dem unerschlossenen Wald oder der wilden Prärie zu dem Boden gehören, über den das Räderwerk der Geschichte gnadenlos hinwegrollen wird. Die Vertreibungs- und Ausrottungsfeldzüge, die der junge amerikanische Staat schon bald nach der Handlungszeit des Romans gegen die amerikanische Urbevölkerung führen wird und die während der ganzen Lebenszeit des Autors Coopers anhalten, finden hier, in historischem Vorgriff, eine schlaue, pseudophilosophische Begründung und eine ungut-klammheimliche Verklärung.

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Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Oh mein Buddha,

was steht uns da alles bevor, wenn jetzt der roll-back über den Umweg Asien entgegen donnern wird. Immerhin stammen die *Rothäute* von den Urahnen der heutigen *Gelben* ab. Also, schnell noch in Buddhas Schoß flüchten.
Interessanterweise hat sich eine ähliche, auf das Blut berufende Sichtweise auf die Rasse in der sehr viel älteren & zahlreich überlieferten chinesischen Romanliteratur nicht geäußert. Und Barbarenstämme wurden so gut wie nie ausgerottet, sondern schön ausgegrenzt, aber ebenso häufig auch integriert.