Gerd Harry Lybke, der Stargalerist, der sich "Judy" nennt, lebt in Berlin-Mitte. Er jettet das ganze Jahr um die Welt, von New York nach Basel nach Hongkong – aber sein Ferienhaus steht in Potsdam, unweit von Schloss Babelsberg, und dort will er sich auch treffen: Wo Wilhelm I. seinen Sommersitz hatte. Wo die Welt wie ein Gemälde wirkt. Vom Schlosshügel aus sieht man die Glienicker Brücke, dort tauschten die beiden deutschen Staaten ihre Agenten aus. Um die Ecke, am Heiligen See, wohnen heute die Schönen und Reichen. Pralle Geschichte prallt auf pralles Leben. Was sehr zu Lybke passt. Er gilt als schriller Typ, der jeden duzt. Kurz vorher schreibt er eine SMS: "So tolles Wetter. Ich bin vielleicht 10 Minuten nach da. Ich laufe. Judy". Dann sieht man ihn schon, in der Ferne: im Dreiteiler. Überraschung: Er hat seine Tochter dabei, Zara, 13. Weil die beiden gerade zusammen Urlaub machen. Und weil sie noch nie seine Geschichten gehört habe, wie er sagt. "Herrlich!", ruft Lybke. Also los!

DIE ZEIT: Herr Lybke, früher waren hier am Schloss die Hunde der Grenzer untergebracht. Wussten Sie das?

Judy Lybke: Echt? Nein, wusste ich nicht. Ich war hier zu DDR-Zeiten nie! Wenn einer wie ich hierhergekommen wäre, wenn die mich hier an der Mauer erwischt hätten, wäre ich praktisch tot gewesen. Zumal ich in Leipzig zu den hundert Leuten gehörte, die die Stasi im Ernstfall, wenn Tumulte ausbrechen, internieren wollte. Die hatten eine Geruchsprobe von mir gebunkert – damit ein Hund würde ausmachen können, ob sie den Richtigen haben.

ZEIT: War Ihnen das damals schon klar?

Lybke: Nein! Dann hätte ich doch sofort aufgehört mit der Arbeit als Untergrundgalerist. Und wäre, aus Angst, wahrscheinlich direkt in die NVA eingetreten!

ZEIT: Sie galten in der DDR als "asozial".

Lybke: Ich hatte quasi Berufsverbot. Sie kriminalisierten mich, indem sie mir keine Arbeit gaben.

ZEIT: Warum war Ihnen das Arbeiten verboten?

Lybke: Als ich nach anderthalb Jahren vom Wehrdienst zurückkam, bot man mir ein Studium in der Sowjetunion an: Kraftwerktechnik, Spezialgebiet Atomkraftwerkbau. Ich wollte aber nicht in die Sowjetunion. Da hätte man in so ein Vorbereitungslager gehen müssen, jahrelang leben wie bei der Armee. Ich habe abgelehnt. Das war, als würde man die Hand des Vaters ausschlagen. In der Sowjetunion studieren zu dürfen, das sollte ja eine Auszeichnung sein! Nun hassten sie mich. Aber das hat mir das Leben gerettet.

ZEIT: Wieso?

Lybke: Hätte ich das Studium angetreten, hätte mein Praktikum in Tschernobyl stattgefunden. Ich wäre genau zum Zeitpunkt der Explosion dort gewesen. Im zweiten Jahr meines Praktikums...

Zara: Du hättest sterben können, Papa!

Judy Lybke: Nein. Das Kraftwerk wäre ja nicht hochgegangen, wenn ich dagewesen wäre. (lacht)

ZEIT: Zara, wie ist es denn für dich als Tochter, wenn er diese wilden Geschichten erzählt, von Stasi und DDR?

Zara: Ich höre die zum ersten Mal! Das ist verrückt.

Lybke: Die Geschichten von früher erzähle ich zu Hause nicht. Zu Hause geht es um die Familie, sonst nichts.

ZEIT: Warum haben Sie sich überhaupt für dieses Atomkraftwerkbau-Studium interessiert?

Lybke: Ich wollte Kosmonaut werden. Dafür wäre das die Grundlage gewesen. Kosmonaut, das fand ich geil. Auf den Mond fliegen, wer will das nicht?

ZEIT: Ein Jungs-Traum!

Zara: Kein Jungs-Traum. Der will das immer noch!

Lybke: Ich mag das immer noch, ja. Ich sage immer: Jede Zeit braucht ihre Helden, und ich bin allzeit bereit, den Helden zu geben.